Franz Xaver Kroetz wird 70 Ewige Hirnwut

"In einen großen, vollen Biergarten bringen mich keine zehn Pferde mehr." Franz Xaver Kroetz.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Seine Tobsuchtsanfälle sind legendär, seine Blockaden auch: Der Münchner Dramatiker, Regisseur und Schauspieler Franz Xaver Kroetz wird 70 Jahre alt. Und ist abgetaucht.

Von Christine Dössel

Vor zehn Jahren, zu seinem 60. Geburtstag, hat er noch einmal einen Comeback-Versuch gestartet, und zwar buchstäblich: Franz Xaver Kroetz, frisch verlassen von seiner Ehefrau und tief verletzt, nahm Abschied von seinem Domizil auf Teneriffa, legte sich eine Designerbrille und einen neuen Haarschnitt zu und kehrte zurück nach München - und auch wieder ans Theater.

Baby Schimmerlos ist tot, es lebe "Story"

Er ist stets betrunken, ein Weiberheld - und skrupellos. "Aftershowparty" erzählt die Geschichte des Reporters Manfred Dörner, genannt "Story". Der Branchentratsch ist zu schön ist, um nicht wahr zu sein. Von Claudia Fromme mehr ... Buchkritik

Am Bayerischen Staatsschauspiel inszenierte er Jörg Grasers interkulturelle Bauer-sucht-Frau-Posse "Servus Kabul" als seichtes Polit-Kasperltheater und ein paar Monate später sein eigenes Stück "Tänzerinnen & Drücker", eine rabiate Abrechnung mit dem Verblödungsfernsehen in acht "TV-Massaker"-Monologen. Szenen von tiefem, heiß empfundenem Hass.

Legendäre Aussetzer

Als frisch gebackener Single mit 60 wollte der Dramatiker, Regisseur und Schauspieler Franz Xaver Kroetz es noch einmal wissen. Zu seinem Geburtstag ließ er sich im Münchner Literaturhaus feiern: als abgefeimter Klatschreporter Baby Schimmerlos aus Helmut Dietls Achtzigerjahre-Kultserie "Kir Royal", den in München immer noch alle in ihm sehen, klar. Aber auch für die Einblicke in die Höhenflüge und Abstürze eines Dichterlebens, wie Kroetz sie in dem Band "Blut & Bier" gewährt, der damals gerade erschienen war: "15 ungewaschene Stories" über die tägliche Qual des Schriftstellers und die damit einhergehenden Kollateralschäden in der Familie.

Kroetz' Tobsuchtsanfälle sind legendär, seine Blockaden und Depressionen auch. Das Schreiben habe seine Ehe zerstört, bekannte er nach der Scheidung von Marie-Theres Relin, mit der er drei Kinder hat. "Wir sind verzweifelt, Papa kann nicht schreiben", notierte die Tochter einmal ins Tagebuch. Kroetz hat Geschirr zerschlagen, ganze Nächte durchgesoffen. Bier war sein Elixier. Saufen, leiden, schreiben - der Kroetz'sche Lebens-Dreiklang. Der Dichter als armes Schwein, als seelisches Wrack, dem zu guter Letzt auch noch Alter und Verfall zusetzen, so beschreibt Kroetz sich gerne, in einer quälerischen Mischung aus Koketterie, Selbstmitleid und Selbsthass.

"Ich bin ein Star, ihr könnt mich mal"

Der Dramatiker Franz Xaver Kroetz war schon früh sehr erfolgreich - und sehr links. Erst trat er in die DKP ein, dann fuhr er mit seinem Mercedes zu den Parteitagen. Er spielte Baby Schimmerlos in Kir Royal und wurde noch populärer. Ein Gespräch über Geld, Aufmerksamkeit und Porno-Drehbücher. Alexander Hagelüken und Alexander Mühlauer mehr ...

Kroetz war nie Hochkultur

Wobei er sich der produktiven Verkettung unglücklicher Zustände natürlich bewusst ist und sich seine Depressionen nicht nehmen lässt: "Ich habe 60 Stücke geschrieben. So was geht nicht als fröhliches, nettes Männlein", sagte er 2008 der Bunten, in der er genauso reüssierte wie als Dramatiker in den Feuilletons.

Kroetz war nie nur Hochkultur, in den Achtzigerjahren schrieb er eine Zeit lang sogar Kolumnen für die Bild-Zeitung. Dass er zuvor bekennender Kommunist war und als solcher von 1971 bis 1980 der DKP angehörte, kümmerte ihn nicht. Wenn er bei der Partei mit seinem schicken Mercedes vorfuhr, waren das ohnehin eher "Operettenauftritte", wie er das einmal nannte. Er sei der DKP beigetreten, "weil ich mich nicht vereinnahmen lassen wollte von der Kultur-Bourgeoisie".