Franz Demel in Lawine erstickt Der weiße Tod am Piz Boe

Der Münchner Bergsteiger und Fotograf war vor sechs Wochen aufgebrochen, die Alpen zu überqueren. Mit Schneeschuhen, im Winter. Seine Wanderung endete auf tragische Weise. Er starb in einer Lawine.

Von Von Tanja Rest

Ausgerechnet am Piz Boe. Der höchste Gipfel des Sella-Massivs, im Sommer ein populäres Ziel der Bergwanderer, im Winter Anziehungspunkt für Pistenfahrer und Skitourengeher. 3152 Meter hoch - einer der leichtesten Dolomiten-Dreitausender. Es hat viel härtere Brocken gegeben auf der Route von Franz Demel, die Pala-Gruppe etwa oder die Passage durch die südlichen Dolomiten.

Wenn dieses Unglück also eines zeigt, dann, dass im Alpinismus ein Rest von Gefahr nie ausgeschlossen werden kann. Was der Bergsteiger die "objektiven Risiken" nennt, auf die auch der Erfahrenste keinen Einfluss hat: Wetterumschwung. Steinschlag. Lawinen.

Am vergangenen Donnerstag ist der Münchner Bergfotograf Franz Demel, 38, am Piz Boe von einer Lawine erfasst und getötet worden. Es war die sechste Woche seiner Winterdurchquerung der Alpen - die erste Überschreitung überhaupt, die auf Schneeschuhen bewältigt werden sollte.

Mit seinem Begleiter Gerald Rundbuchner hatte Demel die Nacht bei Sturm auf der Bamberger Hütte verbracht; am Morgen brachen sie um 8.30 Uhr auf. "Uns war klar, dass wir bei den Verhältnissen auf den Gipfel verzichten mussten", sagt Rundbuchner. Man habe stattdessen entlang einer Skivariante zum Pordoi-Haus queren wollen.

Die Lawinengefahr wurde an diesem Morgen bei 2 eingestuft - leicht erhöhtes Risiko. Am Vortag hatten sie noch zwei Tourengeher getroffen, die vom Pordoijoch auf eben diesem Weg problemlos herüber gekommen waren. Sie wanderten in ihrer Spur, auf fast 2900 Metern Höhe. Ringsum war der Schnee verblasen, das Gelände selbst für geübte Augen nur schlecht abzuschätzen.

"Wir fühlten uns sicher, weil tags zuvor dort Leute unterwegs gewesen waren." Auch ein lokaler Bergführer hatte "im Prinzip grünes Licht" gegeben - allerdings für eine deutlich tiefer gelegene Umgehungs-Route.

Um 9 Uhr passierte es: Unter ihren Füßen löste sich ein etwa 300 Meter breites Schneebrett. "Wir haben uns noch kurz angeschaut, aber es war schon zu spät." Beide wurden von der Lawine mitgerissen und verschüttet. Rundbuchner steckte senkrecht im Schnee, den Kopf einen halben Meter unter der Oberfläche. Er konnte sich selbst wieder ausgraben, das dauerte etwa eine halbe Stunde. "Dann hab' ich den Franz gesucht." Der Lawinenpiepser ortete seinen Freund nur zehn Meter entfernt. Er grub mit einer Schaufel nach ihm, doch da gab es schon keine Hoffnung mehr. Demel hat, als die Lawine unter ihm abging, seine Hände in den Stockschlaufen gehabt, die zur tödlichen Fessel wurden. Er konnte sich nicht freigraben. Er ist im Schnee erstickt.

In 49 Etappen nach Venedig

Franz Demel war gelernter Innenarchitekt. In den vergangenen Jahren hat er jedoch vor allem von Diavorträgen gelebt, von den atemberaubenden Bildern, die er auf seinen Streifzügen zu den Gipfeln der Welt mit der Leica einfing. "Das Fotografieren war sein Leben", sagt Rundbuchner. "Wenn er mit der Kamera auf einem Berg stand, sind ihm die Augen aufgegangen."

Die Überschreitung der Alpen war sein bis dato ambitioniertestes Projekt. Am 3. Dezember war er am Marienplatz Richtung Venedig losmarschiert. Der Originalroute von Ludwig Graßler folgend, wollte Demel mit wechselnden Begleitern durch das Karwendel, die Tuxer und Zillertaler Alpen nach Pfunders, von dort übers Grödnerjoch in die Sella, zur Marmolada, weiter über den San-Pellegrino-Pass und die Pala-Gruppe.

Insgesamt 49 Etappen waren eingeplant, doch das Wetter spielte von Anfang an nicht mit. Auf den Alpenhauptkamm musste er wegen katastrophaler Verhältnisse verzichten, weitere Stationen standen auf der Kippe - und damit der Erfolg der Unternehmung. Demel, Vater zweier Kinder, galt als äußerst erfahrener und besonnener Bergsteiger. Auf der Pressekonferenz in München hat er am Start-Tag noch von der Möglichkeit gesprochen, dass ihm das Wetter einen Strich durch die Rechnung machen könnte: "Wenn die Vernunft gegen ein Weitergehen spricht, ziehe ich einen Abbruch in Erwägung."

Der Südtiroler Bergsteiger und Kletterer Christoph Hainz hat Demel im Dezember zwei Tage lang begleitet und sollte Mitte Februar für weitere fünf Tage zu ihm stoßen. Er sagt: "Der Franz hat mich und andere Bergführer von unterwegs öfter angerufen. Und ich muss leider sagen, dass wir ihn gewarnt haben. Wir haben ihm geraten, diesen Hang am Boe zu vermeiden."

Anders als in den vorangegangen Wintern sei das Wetter konstant schlecht gewesen. "Es schneite praktisch täglich und war sehr kalt, so dass der Schnee sich nicht setzen konnte. Und wir hatten Wind. Wind ist der Baumeister der Lawinen." Mit Tourenski und leichtem Gepäck sei der Hang vielleicht gangbar gewesen. Demel jedoch war mit Schneeschuhen unterwegs, auf dem Rücken einen 25-Kilo-Rucksack. "Bei extremen Verhältnissen reicht das aus, um ein Schneebrett loszutreten."

Ob die Zeitnot, der Erfolgsdruck dieses nicht zuletzt auch kommerziellen Unternehmens vielleicht doch eine Rolle gespielt haben? Auch Christoph Hainz sagt, Demel sei "ein Vorsichtiger" gewesen. Die Vor-Vermarktung der Expedition habe er jedoch von Anfang an für keine gute Idee gehalten. "Man muss Zeit haben und abwarten können. Der Mensch muss sich an den Berg anpassen, nicht umgekehrt."