Fraktus in der Muffathalle Basteln an der eigenen Legende

Fraktus, von links: Torsten Bage (Heinz Strunk), Bernd Wand (Jacques Palminger) und Dickie Starshine (Rocko Schamoni).

Sie behaupten, das Internet erfunden zu haben und machen Werbung für das "Flötel": Fraktus, die Band, die es eigentlich gar nicht gibt, zeigen in der Muffathalle Gefühle - und dass der Mythos lebt.

Konzertkritik von Martin Pfnür

Möchte man von den drei Herren im roten Handwerker-Zweiteiler erzählen, kommt man schwerlich ohne ihre Vorgeschichte aus. Als "beste Live-Band Deutschlands", als "Avantgarde der elektronischen Musik", ja gar als "Erfinder des Techno" stellt eine salbungsvollen Stimme aus dem Off sie an diesem Abend in der Muffathalle vor, und dann lassen sie sich per Countdown und Lightshow auf die Bühne jubeln, um zu beweisen, was der Mythos zu bieten hat.

Fraktus, so die Legende, entsprangen Anfang der Achtzigerjahre in Brunsbüttel einem Trio namens Freakazzé, das es unter anderem sehr glorreich verstand, den Stundenschlag von Big Ben mit rhythmischem Hundegebell zu kombinieren. Bernd Wand und Dickie Schubert (heute Dickie Starshine) von Freakazzé ersetzten damals ihren Schlagzeuger durch den Produzenten Torsten Bage, und es begann eine Karriere, die mit dem visionären Album "Tut Ench Amour" (1982) ihren frühen Höhepunkte erreichte.

Nach einem Label-Wechsel, heftigen Streitigkeiten in der Band und einem ominösen Brand bei einem Konzert versandete das Projekt jedoch schnell wieder. "Band ohne Gefühle" nannte man die Formation ob ihrer kühlen, minimalistischen Soundscapes, die sie mit selbst erfundenen Instrumenten wie dem Phlötenphön (einer Kreuzung aus Flöte und Fön) anreicherten.

Das mit dem Fake ist mittlerweile so eine Sache

Fraktus, falls sich das hier noch nicht mitgeteilt haben sollte, sind natürlich ein famoser Fake. Ein Mythos, den Rocko Schamoni, Heinz Strunk und Jacques Palminger - früher Großmeister des Telefonstreichs, heute Autoren, Musiker und Nonsens-Genies - mit ihrer Mockumentary "Fraktus - Das letzte Kapitel der Musikgeschichte" in die Welt setzten. Darin schlüpften sie in die ebenso unterbelichteten wie allürenbehafteten Charaktere von Schubert (Schamoni), Bage (Strunk) und Wand (Palminger) und ließen sich von Instanzen wie Marusha, H.P. Baxxter oder Jan Delay ihren Legenden-Status besingen.

Trio infernale

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Wobei das mit dem Fake mittlerweile so eine Sache ist. Zwei Alben haben Fraktus ja tatsächlich aufgenommen, man kann sie kaufen, anfassen, anhören. Und in der gut gefüllten Muffathalle, da stehen nicht wenige, die angesichts ihrer vertrashten, clever überzeichnenden, wunderbar sinnfreien Stücke ganz und gar ausrasten. Eine Fraktusmania, die mit dem eröffnenden Titelsong des neuen Albums "Welcome To The Internet" (letzteres haben sie laut eigener Aussage übrigens auch erfunden) ihren Anfang nimmt, um sich dann von Stück zu Stück etwas mehr auszubreiten.

Erfindungen wie das Flötel und ein live demonstriertes Anti-Drogen-Computerspiel

Mit minimalistischen Electrotrash-Krachern wie "Kleidersammlung" oder A.D.A.M. ("All Die Armen Menschen"), die man noch aus dem Kino kennt. Mit aufgemotzten Big-Beat-Neu-Interpretationen ("Jag den Fuchs"). Mit einer gelungenen Kraftwerk-Persiflage ("Musik aus Strom"). Mit röhrenden Vocoder-Stimmen, feinen Kaskaden an der Querflöte und einem Bass- und Beatgerüst, das die drei stets fett und tanzbeinfördernd aus ihren Maschinen schicken. Aber auch mit einem Stück wie "Schuhe aus Glas", in dem Torsten Bage die Poesie des Schlagers revolutioniert ("Ich trag Schuhe aus Glas / Hosen aus Blei / Mützen aus Holz / Ich hab Arme aus Staub / Füße aus Mehl / und ein Herz aus Kakao"), nicht ohne vorher zu betonen, dass Fraktus jetzt eine "Band mit Gefühlen" sind.

Zwischendurch rührt man die Werbetrommel für Erfindungen wie das Flötel (eine Blockflöte mit Rückspiegel für motorradfahrende Flötisten) und das live demonstrierte Anti-Drogen-Computerspiel Smirkey's Dope House (eine Art Pac Man), streitet sich gar fürchterlich (Bage und Wand), um sich schließlich wieder zu vertragen. Und im zweiten Zugabenblock feuern Fraktus dann die beiden großen Hits ab: das lyrisch unsterbliche "Affe Sucht Liebe" in einer 90er-Dancefloor-Version ("Affe sucht Liebe / Affe sucht Halt / Affe sucht Wärme / sonst wird Affe kalt"), dann der "Supergau" mit diesem Muschelsound, den ihnen Westbam in seiner Mayday-Hymne "Sonic Empire" ganz unverfroren stibitzte. "Ich will raus / aus diesem Irrenhaus!", singt Dickie Starshine nicht ganz unpassend am Ende zu einem gewaltigen Sound- und Lichtgewitter, dann sind sie weg. Der Mythos lebt.