Folgen des Mindestlohns Teure Praktikanten

Viele junge Menschen hangelten sich von Praktikum zu Praktikum. Der Gesetzgeber hat nun die maximale Dauer für Freiwillige auf drei Monate beschränkt.

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Kaum ein Unternehmen möchte auf sie verzichten, doch wegen des Mindestlohngesetzes kann sich nicht mehr jedes welche leisten. Die großen Betriebe wollen ihre Praktikumsplätze aber nicht reduzieren, weil sie ihre Bedeutung für die Fachkräfteausbildung sehen

Von Katja Riedel

Für Jana Bauer (Name geändert) bot der Januar eine große Überraschung: Per Post erfuhr sie, dass sie in den kommenden Monaten weniger arbeiten sollte als geplant - für mehr Geld als zuvor vereinbart. Wie das geht? Jana Bauer ist Praktikantin, und weil es seit Januar den Mindestlohn gibt, schickte ihr die Münchner Agentur, bei der sie von Februar an ein Praktikum machen wollte, eine Vertragsänderung: Bauer wurde hochoffiziell von der Vollzeit- zur Teilzeitpraktikantin umgebucht, mit 24-Stunden-Woche. Denn Bauer hat ihr Studium in einer Geisteswissenschaft schon länger abgeschlossen, das Praktikum soll ihr helfen, einen festen Job zu finden, sie weiter zu qualifizieren und die Zeit sinnvoll herumzubringen.

Heißt: Für Praktikantin Bauer gilt jetzt das Mindestlohngesetz - und Vollzeit wäre sie der Agentur zu teuer. Weil das Praktikum nicht verpflichtend zu einer Ausbildung gehört und sie auch nicht mehr an einer Universität eingeschrieben ist, muss die Agentur ihr einen Mindestlohn von 8,50 Euro die Stunde zahlen, vom ersten Tag an. Für Jana Bauer und einen Praktikantenkollegen heißt das: "Ich kann zwar auch Vollzeit bleiben - jede Stunde, die ich länger bleibe, wird aber nicht bezahlt", sagt Bauer. Dass die 24 Stunden gerade einmal ausreichen, um die Pflichten zu erledigen, und dass sie für kreativere Arbeiten unbezahlte Überstunden machen müsste, daraus machte der Arbeitgeber kein Geheimnis.

Jana Bauer findet es zwar gut, dass sie nun mehr Zeit hat, neben dem Praktikum Bewerbungen für ihre erste richtige Anstellung schreiben zu können. Dennoch sieht sie den Effekt des Mindestlohnes - zumindest für ihre Branche - kritisch: "Ich glaube nicht, dass noch viele Absolventen mit Studienabschluss als Praktikanten eingestellt werden. Gerade in den Geisteswissenschaften ist es aber schwierig, nach der Uni sofort einen Job zu bekommen", sagt Bauer. Sie habe bereits beobachtet, dass viele Unternehmen in ihren Ausschreibungen betonten, sie bevorzugten Pflichtpraktikanten. Denn diese kosten weniger, selbst wenn die Praktikanten länger als die für Freiwillige erlaubten drei Monate in den Betrieben bleiben.

Wird es also bald insgesamt weniger Praktikantenstellen geben? Statistisch lässt sich diese gefühlte Wahrheit nur schwer nachweisen. Das Thema Praktikum ist statistisch noch kaum erfasst. Einmal jährlich hat das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung seit 2006 an einem Stichtag deutsche Unternehmen darüber befragt, wie viele Praktikanten sie beschäftigten. Die Zahl pendelte regelmäßig zwischen 570 000 und 640 000, zu Praktikumsdauer und Vergütung gibt es keine vergleichbaren Werte. Ob die Praktikantenzahl auch in Zeiten des Mindestlohnes stabil bleibt, werde man frühestens 2016, wohl erst 2017 sehen, sagt eine Sprecherin des Instituts. Nicht repräsentativ, aber dennoch auf mehr als 13 000 Befragungen beruhend, gibt der Praktikanten-Report 2014 der Internetplattform meinpraktikum.de einen Eindruck: Er basiert auf Angaben zwischen 2009 bis 2013. Heraus kam: Verbessert hatte sich seitdem die durchschnittliche Vergütung, von 160 Euro im Monat auf 400 Euro. Andere Studien ergeben noch höhere Durchschnittsvergütungen - je nachdem, in welchen Branchen die meisten der Befragten ihre Praktika absolvierten.

Die neuesten Mindestlohnregelungen stellen nicht nur die jungen Berufseinsteiger vor Fragen, sondern auch die Unternehmen - kleine wie große. Dennoch war im Januar allenthalben zu hören, dass die Dax-Unternehmen ihre bisherige Praktikanten-Schar nicht reduzieren wollten. "Bei uns ändert sich wenig, wir nehmen ohnehin nur Pflichtpraktikanten", sagt beispielsweise ein Siemens-Sprecher. "Und wer länger bleibt, der wird als Werksstudent angestellt und verdient bei uns grundsätzlich mehr als Mindestlohn." Der Münchner BMW-Konzern stellt nach wie vor sowohl Pflicht- als auch freiwillige Praktikanten ein - insgesamt etwa 4000 Praktikanten jährlich, ungefähr die Hälfte davon absolviert das Praktikum freiwillig. Man selbst bevorzuge Einsteiger mit Erfahrung, darum werde man weiterhin viele Praktikanten einstellen. Dies werde freilich nicht allen Unternehmen möglich sein, mutmaßt Personalsprecher Jochen Frey. Vor allem kleinere Firmen dürften sich schwer tun. Dies könnte "dazu führen, dass insgesamt die Anzahl der Praktikumsplätze in Deutschland zurück gehen wird. Aus unserer Sicht als Arbeitgeber ist dies für die Ausbildung des Fachkräftenachwuchses ein bedauerlicher Nachteil", sagt Frey. BMW biete vor allem sechsmonatige Praktika an, dies solle auch so bleiben, "wir werden auch das nicht ändern". Von längeren Praktika profitierten beide Seiten, Praktikant und Unternehmen. Bei freiwilligen Hospitanzen zahlt BMW Mindestlohn - so entstehe "eine gewisse Ungerechtigkeit in der Bezahlung", ist sich BMW bewusst. Zudem sei es nicht mehr möglich, bei den freiwilligen Praktikanten nach Erfahrung, etwa zwischen Bachelor- und Masterstudenten, zu unterscheiden.

Etwas zurückhaltender zeigen sich etwa die Stadtwerke München. In dem kommunalen Energieversorgungs-Unternehmen mit seinen 6700 Beschäftigten gibt es keine Praktikanten, die länger als drei Monate bleiben - und wohl auch keine Absolventen mit Mindestlohnanspruch wie Jana Bauer. "Wir erachten eine maximale Praktikumsdauer von drei Monaten als angemessen, für die wir auch eine passende Praktikumsvergütung zahlen", sagt SWM-Sprecherin Bettina Hess. Die Höhe der Praktikumsvergütung sei unterschiedlich. "Sie ist aber deutlich geringer als ein Mindestlohn, der für herkömmliche Arbeitsverhältnisse gilt, da sich unsere Praktika ja auch deutlich von diesen Arbeitsverhältnissen unterscheiden", sagt Hess.

Offen zum Mindestlohn für Praktikanten bekennen sich Branchen, die für gute Verdienstmöglichkeiten stehen und die um Talente buhlen: zum Beispiel Banken. Sowohl die Deutsche Bank als auch die Commerzbank zahlen seit Januar ihren Praktikanten eine stattliche Vergütung von 1500 Euro, unabhängig davon, ob das Praktikum freiwillig ist oder verpflichtend. Bei der Deutschen Bank hat man den Praktikanten-Mindestlohn zu Jahresbeginn von 800 Euro auf den neuen Mindestwert angehoben. Und er könne auch durchaus höher liegen, sagt eine Sprecherin.

Für die Teilzeitpraktikantin Jana Bauer sind weitere Praktika aber keine Alternative. Sie sucht jetzt lieber nach einer festen Stelle.