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Folgen des Amoklaufs Erst als Held gefeiert, dann im Visier der Polizei

Wahid Hakimi, ehemaliger Kaufhausdetektiv bei Saturn, rettete beim Amoklauf im OEZ viele Menschen.

(Foto: Catherina Hess)
Wahid Hakimi hat am Tag des Amoklaufs wahrscheinlich einigen Menschen das Leben gerettet. Dann wirft es ihn mit voller Wucht aus der Bahn.
Von Anna Hoben

Als Wahid Hakimi fünf Jahre alt war, wurde sein Vater in Afghanistan von Islamisten ermordet. Später, mit 13 oder 14, sah Hakimi, wie jemand erschossen wurde. Seitdem wollte er für Gerechtigkeit kämpfen. Studieren, Staatsanwalt werden, das war sein Ziel. Es kam natürlich alles anders. 1995 floh er mit seiner Familie nach Deutschland, hier baute er sich ein neues Leben auf, eine berufliche Existenz als Privatdetektiv. Dass Wahid Hakimi vor einem Jahr so gehandelt hat, wie er handelte, hat wahrscheinlich mit seinem Beruf zu tun. Vielleicht aber auch mit seiner Lebensgeschichte.

Am frühen Abend des 22. Juli 2016 fährt Wahid Hakimi mit seinem Auto in die Tiefgarage des Saturn-Marktes am Olympia-Einkaufszentrum. Seit zwölf Jahren arbeitet er als Ladendetektiv bei Saturn. Als er im Aufzug zum Verkaufsraum fährt, hört er Schüsse. Oben angekommen, sieht er Menschen in Panik durcheinander rennen. Er muss sich entscheiden: Fliehen oder bleiben? Er bleibt.

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Behält die Nerven. Geht durch die Tür, auf den Platz vor dem Markt. Ruft die Polizei an und beschreibt den Täter. Er ist nur zehn oder 15 Meter von ihm entfernt. "Er hätte mich auch töten können", sagt Hakimi ein knappes Jahr später. Er lotst Dutzende Menschen in den Saturn - und rettet damit wohl einigen das Leben. Hakimi läuft in den Laden, holt Verbandszeug und eine Wärmedecke, hilft den Verletzten. Für drei Menschen kommt jede Hilfe zu spät, sie sind tot. Ein 17-Jähriger, eine 45-Jährige und ein 19-Jähriger.

In einer Zeitschrift wurde Hakimi in den Tagen danach als Held bezeichnet. Ihm ist das eher unangenehm. "Ich habe als Mensch gehandelt." Er will eine Botschaft loswerden, sie heißt: Zivilcourage. "Wir können uns in diesen Zeiten jede Sekunde gegenseitig brauchen."

In den Tagen nach dem Amoklauf bleibt der Elektronikmarkt geschlossen. Wahid Hakimi fährt trotzdem hin. Er hilft der Polizei, die Videoaufzeichnungen auszuwerten. Immer wieder muss er sich ansehen, wie der Täter einem seiner Opfer in den Kopf schießt. "Wenn ich drüber rede, bin ich dort", sagt Hakimi ein Jahr später am Tisch auf seiner Terrasse, "ich sehe diese Leute". Irgendwann möchte er Kontakt aufnehmen zu den Familien der Opfer. Er kann ihren Schmerz nachfühlen, sagt er. Hakimi hat selber fünf Kinder, seine Frau ist schwanger mit dem sechsten.

Er ist immer einer gewesen, der sich um andere gekümmert hat. Jetzt muss er sich dringend um sich selbst kümmern. Nie ist er krank gewesen, 20 Jahre lang nicht. Nun wartet er seit Monaten auf einen Traumatherapieplatz. Es sieht ganz gut aus, bald könnte es endlich klappen. Für die Kosten würde nach dem Opferentschädigungsgesetz der Staat aufkommen.

Wenn er heute einen jungen Mann mit Rucksack sieht, wechselt er die Straßenseite. Er hat Angst, dass der Typ eine Pistole aus dem Rucksack holt und anfängt zu schießen. "Ich war immer auf der Hut", sagt Hakimi, der Detektiv. "Jetzt bin ich es noch mehr." Die Frage ist, ab wann hindert einen das Auf-der-Hut-sein am Leben? Nachts schreckt er schweißgebadet aus dem Schlaf. In seinen Träumen vermischen sich manchmal Taliban-Kämpfer und der Münchner Amokläufer.

"Ich war ein bisschen ein verrückter Detektiv"

Hakimi ist weit davon entfernt, in den Alltag zurückzufinden. Knapp drei Wochen nach der Tat, am 10. August, wurde ihm mitgeteilt, er brauche künftig nicht mehr zur Arbeit zu kommen. Der Vertrag des Auftragnehmers, für den er arbeitete, war nicht verlängert worden. "Ich habe immer gearbeitet wie ein Tier", sagt Hakimi. Die Arbeit war sein Leben, er ist stolz, wie viele Diebe er gefasst hat. Und wie: Autos ist er hinterhergelaufen, hat mit der Polizei die Tram aufgehalten. "Ich war ein bisschen ein verrückter Detektiv."

Zum Trauma und zur Arbeitslosigkeit kommen nach dem Amoklauf bald finanzielle Probleme. Er kann sich die Beiträge für die Krankenkasse nicht mehr leisten, bei der er privat versichert war. Weil er die Besuche nun selber zahlen müsste, geht er nicht mehr zur Psychologin. Das Jobcenter verweigert ihm die Unterstützung. Hilfreich, so sagt er, sind in dieser Zeit nur die Mitarbeiter des Opferschutzvereins Weißer Ring.

Durch sie erfährt er auch vom Opferentschädigungsgesetz. Nun sind die Mietzahlungen für die neue Wohnung in Taufkirchen vorerst gesichert. "Alles nur übergangsweise", betont Hakimi. Sobald er kann, sagt er, will er wieder als Detektiv arbeiten. Er hatte sich auch beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge beworben, als Dolmetscher für afghanische Geflüchtete. Es gebe einen "erheblichen und dringenden Bedarf" an Sprachmittlern, bestätigte ihm das Amt im September. Doch sechs Wochen später hieß es: kein Bedarf.

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Ende März klingelt die Polizei an seiner Tür. Die Beamten haben einen Durchsuchungsbeschluss vom Amtsgericht dabei und durchwühlen seine Wohnung. Sie nehmen zwei Laptops mit, sein Handy, Ordner mit Unterlagen. Hakimi soll in der Zeit nach dem Amoklauf eine "nicht genau zu beziffernde Anzahl" von Arbeitsstunden zu viel abgerechnet haben, so der Vorwurf. In jener Zeit also, als er den LKA-Beamten geholfen hatte, die Videos auszuwerten.

Hakimi ist fassungslos. Seine Hände zittern noch heute, wenn er davon erzählt. Er hat einen Anwalt eingeschaltet und Beschwerde eingelegt. Das Landgericht gibt ihm recht: Der Durchsuchungsbeschluss war rechtswidrig, ebenso die Beschlagnahme der persönlichen Gegenstände. Hakimi ist sich absolut sicher, dass das Verfahren eingestellt wird. Bis dahin belastet die Sache nicht nur ihn, sondern seine ganze Familie.

Der 22. Juli 2016 hat das Leben vieler Münchner verändert, auch das von Wahid Hakimi. Er hat funktioniert an jenem Tag. Doch danach hat es ihn mit voller Wucht aus der Bahn katapultiert. An diesem Samstag nimmt er an der Gedenkveranstaltung für die Opfer des Amoklaufs neben dem Saturn teil. Dem Laden, in dem er zwölf Jahre gearbeitet hat - und in dem er heute Hausverbot hat.

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