Im Münchner Luftraum sind sich drei Flugzeuge gefährlich nahe gekommen. Die Behörden sprechen von einem kritischen Vorfall.
Im Münchner Luftraum sind sich im Mai drei Flugzeuge gefährlich nahe gekommen - so nahe, dass das automatische Kollisionswarnsystem TCAS (Traffic Alert and Collision Avoidance System) ansprang. Wie erst jetzt bekannt wurde, verhinderten die Ausweichmanöver der Piloten Schlimmeres.
Eine Boeing 737 der Air Berlin ist im Mai gleich zwei landenden Maschinen gefährlich nahe gekommen (© Foto: ddp)
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Der geringste Abstand zwischen den Maschinen lag laut Untersuchungsbericht bei rund zwei Kilometern in der Horizontalen und 61 Metern in der Höhe, also weit unter den vorgeschriebenen Mindestabständen von 5,4 Kilometern horizontal und rund 300 Metern vertikal. Die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) stuft die Beinahe-Zusammenstöße als "schwere Störung" ein.
Beteiligt an dem Zwischenfall am 4. Mai gegen 10.14 Uhr waren eine gerade gestartete Boeing 737 der Air Berlin mit 107 Menschen an Bord sowie eine ATR 42 der Lufthansa (39 Insassen) und ein kleiner Learjet 60 - die beiden Letzteren befanden sich im Landeanflug auf "MUC". Die "Staffelungsunterschreitung" (Flieger-Jargon) ereignete sich etwa 18 Kilometer nördlich des Münchner Flughafens, in rund 3000 Metern Höhe.
Luftfahrtkreise bestätigten auf SZ-Anfrage, dass es sich um einen keineswegs alltäglichen und zweifellos sehr kritischen Vorfall gehandelt habe. Die vorsichtige Einschätzung eines Insiders lautet: "Das war schon eine sehr ambitioniert enge Staffelung der Maschinen."
Auch die Deutsche Flugsicherung DFS, deren Lotsin den Piloten die gefährlichen Flugrouten vorgegeben hatte, räumt ein, dass es sich um einen ernsten Zwischenfall gehandelt habe. Allerdings müssten nun die Ermittlungsergebnisse der BFU abgewartet werden.
Warnsystem hat Vorrang vor Lotsen
Nach Auskunft von DFS-Sprecher Martin Köppl sind die Piloten zunächst nicht von den per Funk übermittelten Vorgaben der Flugsicherung abgewichen - erst in jenem Moment, als das an Bord installierte TCAS Steigflug empfahl, ignorierte der Pilot der Air-Berlin-Boeing die Anweisung zum Sinkflug.
Dieses Verhalten, das letztlich die Situation "klärte", entspricht den geltenden Regeln der Luftfahrtgesellschaften, die dem TCAS stets den Vorrang vor den Funksprüchen der Lotsen einräumen.
Hintergrund ist die in der TCAS-Technologie eingebaute Abstimmung mit den Warnsystemen anderer beteiligter Maschinen, die unter Umständen katastrophale Missverständnisse bei Ausweichmanövern verhindern hilft: Befiehlt ein TCAS Sinkflug, sagt das andere Steigflug.
Bei der Flugzeugkatastrophe von Überlingen im Juli 2002 hatte einer der Piloten sein TCAS-Gerät ignoriert und die Anweisungen des Fluglotsen befolgt - was letztlich eine der vielen Ursachen für den Zusammenstoß war.
An jenem 4. Mai 2007 war um kurz nach 10 Uhr die Boeing 737-800 mit Ziel Düsseldorf am Münchner Flughafen gestartet - dieses Flugzeug sollte kurz später gleich zwei im Landeanflug befindliche Maschinen in so geringer Entfernung passieren, dass die TCA-Systeme aller drei Flugzeuge ansprangen.
Um 10.11 Uhr näherte sich der 28-jährige Boeing-Pilot im Steigflug der sogenannten Flugfläche 70 an, die grob gerechnet bei etwa 2100 Metern Höhe liegt. Die Lotsin wies ihn an, noch weiter zu steigen - auf Flugfläche 100 (entspricht etwa 3000 Meter Höhe).
Damit allerdings geriet die Air-Berlin-Boeing gefährlich nahe an die Routen einer ATR 42-500, einer zweimotorigen Propellermaschine aus Stuttgart, die gerade weisungsgemäß von Flugfläche 100 auf 90 herunterging, und die eines aus London anfliegenden Learjets, dem dieselbe Lotsin um 10.08 Uhr Sinkflug ebenfalls auf Flugfläche 100 beordert hatte. Alle drei Maschinen befanden sich nun in geringer Entfernung auf ähnlicher Höhe.
Kurz später wurde es hektisch: Die Fluglotsin bemerkte, dass sich die Maschinen zu nahe kommen und gab der inzwischen noch weiter Richtung Flugfläche 100 gestiegenen Boeing um 10.13 Uhr die Anweisung, wieder auf Flugfläche 80 zu sinken.
In drei Meilen Entfernung komme jemand frontal entgegen ("opposite travel twelve o'clock three miles"). Die Besatzung reagierte irritiert und die Lotsin wiederholte die Warnung ("Do you have the flight in sight? It's an ATR 45 opposite one mile").
Fünf Sekunden später sprang das TCAS der Boeing an und empfahl weiteren Steigflug. Die Piloten folgten dem Hinweis. Das TCAS der entgegenkommenden ATR gab dagegen - sinnvollerweise - Sinkflug vor. Deren 64-jähriger Pilot führte das Manöver aus und meldete der Flugsicherung: "TCAS descent, aircraft in sight", es bestand also Sichtkontakt zur Boeing. Die Maschinen kamen aneinander vorbei, das TCAS der ATR gab schließlich Entwarnung.
Nur Sekunden später kreuzte die Boeing nun auch die Flugbahn des Learjets, dessen Besatzung die bisherigen Funksprüche allerdings mitgehört hatte und die Boeing ebenfalls aus dem Cockpitfenster sehen konnte ("Have the traffic in sight, vielen Dank"). Der 29-jährige Pilot blieb, trotz der TCAS-Ausweichempfehlung nach links, auf Kurs, weil er, so sein Bericht, den Steigflug der Boeing genau beobachten konnte und den vorgeschlagenen Linksschwenk wegen des dortigen Verkehrs lieber vermied.
Noch um 10.14 Uhr meldeten auch das TCAS des Learjet und der Boeing "Clear Of Conflict". ATR wie auch Learjet setzten ihren Anflug fort und landeten schließlich in München. Die Boeing bekam noch in derselben Minute die Anweisung, auf Flugfläche 190 zu steigen und flog weiter nach Düsseldorf.
- Bildstrecke Das Drehkreuz des Südens 15.10.2006
(SZ vom 1.9.2007)
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Haarsträubend finde ich dass der AirBillig-Pilot nicht umgehend die Anweisung des Towers befolgte tiefer zu gehen. Die Lotsin hätte der ATR kaum ebenfalls die Anweisung zum Sinken gegeben. Dass das TCAS jetzt der BOEING das Steigen vorschlug ist Zufall. Das hätte auch umgekehrt sein können so wie die Fluglotsin es rechtzeitig (!) selbst (!)angewiesen (!) hatte.
Was im Weg war war der LEARJET. Da hat man so ein wendiges Fairari und fliegt einfach straight. Fassungslos. Da weicht man aus Mann! Und wenn es nur symbolisch ist! Da geht man mit den Rudern ein wenig zur Seite und nach unten! Steuern nennt man das! Kapischko?
Aber das ist wie beim Autofahren. Einen LEARJET starten und fliegen und sogar landen kann man wenn es darauf ankommt auf Anhieb. Nur im Verkehr zurechtkommen das will gelernt sein. Nachsitzen werter Kollege!
Was mich jetzt interessieren würde:
Werden durch eine dritte Startbahn solche Gefahrensituation vermieden bzw. verringert oder muss man davon ausgehen, dass die Gefahr von Zusammenstössen aufgrund steigender Flugverkehrsdichte noch erheblich zunehmen? Vielleicht kann sich ja ein Experte hier mal dazu äussern ...?
Ich fliege ab und zu zwischen MUC und DUS als Passagier. Haarsträubend. Hoffentlich hat der Redaktuer alles falsch verstanden. Es ist überhaupt nicht klar, was denn für die Fluglotsin vorher nicht absehbar war. Warum kamen sich die Flugzeuge denn überhaupt nahe, wenn alle zunächst nur ihren Anweisungen Folge geleistet haben. Und versteh ich das richtig, dass sie dann auch noch eine Fehlanweisung zum Sinkflug für die Boeing gegenben hat. Und wie soll ich denn das bitte einsortieren, dass dann auch noch ein 29-jähriger dann mal "lieber nicht" das macht was ihm von dem Computer? oder der Fluglotsin? gesagt wird. Das hört sich alles so dermassen haarsträubend an, dass man lieber gar nicht darüber nachdenken will.
auch der artikel ist nicht korrekt. ein TCAS gibt nur "vertikallösungen", heißt, dass der die im artikel beschriebene "ausweichempfehlung nach links" FALSCH ist!...gruß an den autor!
übrigens: abfliegende flugzeuge werden unterschiedlich zeitlich gestaffelt. wenn sie auf unterschiedlichen abflugstrecken weiterfliegen ist dieser zeitraum manchmal kleiner und die flugzeuge werden auf unterschiedliche höhen nach dem abflug freigegeben. deswegen sieht es manchman aus als würden sie flugzeige in sehr kurzen abständen rausgehen, aber es ist alles SICHER!
...einmal mehr überschlagen sich nur so die - entschuldigung - schwachsinnigen Beurteilungsversuche von Laien.
Ein Durchstart ist: Das Abbrechen eines Anfluges/einer Landung, wenn die Piste blockiert ist oder wenn man aus verschiedenen Gründen nicht sicher auf der Piste aufsetzen kann (Wind, zu schneller/hoher Anflug etc.) und hat durchaus positiven Karakter. Einen Anflug kann man wiederholen, wenn es hingengen bis zum Pistenende nicht gereicht hat, wird's dümmer. Dieser Fall hat hinten und vorne rein gar nichts mit einem Durchstart zu tun!!
Dann, ein "Schüler" trainiert sicher nicht mit einer Verkehrsmaschine am intl. Franz-Josef-Strauss-Airport in München mitten im Anflug seine "go-arounds". Ein Durchstart kann eben auch von Seiten der Flugverkehrsleitung angeordnet werden, wenn der Abstand zur vorausfliegenden bzw. landenden Maschine unvorhergesehen etwas zu kurz gerät oder der Vordermann aus x-welchen Gründen nicht so schnell wie erwartet ab der Piste kommt.
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