Interview: Sebastian Beck

Wirtschaftsminister Otto Wiesheu verspricht, die Betroffenen von Anfang an einzubinden.

SZ: Sie waren vor zwei Jahren noch gegen den Bau einer dritten Startbahn. Warum haben Sie Ihre Meinung plötzlich geändert? Wiesheu: Das stimmt so nicht. Seinerzeit war eine Entscheidung darüber noch nicht notwendig. Meine Position war immer, sobald das zwingend notwendig ist, werden wir auch entscheiden. Meine Aussage war immer, dass wir vor 2010 keine dritte Startbahn brauchen. Das trifft nach wie vor zu, weil diese dritte Startbahn nicht vor 2010 in Bau gehen wird.

Otto Wiesheu, Foto: dpa

Wirtschaftsminister Otto Wiesheu (© Foto: dpa)

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SZ: Warum reichen denn die beiden Startbahnen nicht mehr? Wiesheu: Wir haben einen überproportionalen Zuwachs. Das gilt sowohl für die Passagierzahlen, die nach den Prognosen bis 2015 auf 45 bis 48 Millionen steigen werden. Und auch die Flugbewegungen werden auf etwa 580 000 steigen. Dafür reicht die jetzige Kapazität nicht mehr.

SZ: Hat möglicherweise auch die Lufthansa Druck ausgeübt, die ja am Münchner Flughafen massiv investiert hat? Wiesheu: Der Bund hat im Jahr 2000 zum ersten Mal ein Flughafenkonzept für Deutschland vorgelegt. Das wurde dann von der Luftverkehrsinitiative für Deutschland weiter entwickelt. Dort ist konkret von notwendigen Ausbaumaßnahmen sowohl in Frankfurt als auch in München die Rede. Und der Bund hat am Dienstag in der Gesellschafterversammlung den Vorschlägen der Geschäftsführung ausdrücklich zugestimmt. Die Geschäftsführung hat die Notwendigkeit eines Ausbaus in Aufsichtsrat und Gesellschafterversammlung begründet.

SZ: Sie haben als örtlicher Abgeordneter die Konflikte um den Flughafenbau miterlebt und waren damals selber einer der Gegner. Ist das nicht eine schizophrene Situation für Sie? Wiesheu: Der Flughafen hat für seine Nachbarn nicht nur Probleme, sondern auch viele Vorteile gebracht. Nicht umsonst steht der Arbeitsamtsbezirk Freising in ganz Deutschland am besten da. Die Diskussion um die Weiterentwicklung muss allerdings anders gestaltet werden, als das beim Bau des Flughafens der Fall war. Deswegen haben wir im Flughafenforum am Mittwoch beschlossen, einen Nachbarschaftsbeirat einzurichten, in dem die Landkreise Freising und Erding und die Gemeinden, die in der Fluglärmkommission sitzen, Mitglieder sind. Auch die Wirtschaft, die Flughafen München GmbH , die Deutsche Flugsicherung und die Lufthansa werden dort dabei sein, ebenso wie die Schutzgemeinschaft und drei Vertreter von Bürgerinitiativen. Es sollen von Anfang an die Betroffenen eingebunden werden. Der gesamte Planungsprozess soll in enger Abstimmung mit dem Umland erfolgen. Und zwar bevor man die offiziellen Planungsverfahren einleitet.

Das ist ein neuer Weg der Einbindung und nicht der Konfrontation. Das unterscheidet die Behandlung der Frage jetzt auch deutlich von dem, wie es vor 20 oder 30 Jahren beim Beschluss über den Neubau des Flughafens gelaufen ist.

SZ: Aber es müssen ja wohl wesentlich mehr Menschen abgesiedelt werden als beim ursprünglichen Bau? Wiesheu: Woher wissen Sie das denn?

SZ: Es heißt, dass zum Beispiel der Ort Eittingermoos abgesiedelt werden muss. Wiesheu: Die Varianten stehen doch noch gar nicht fest. Es gibt mehrere Möglichkeiten. Wenn schon heute politische Gruppierungen von angeblich definitiven Festlegungen sprechen, dann ist das falsch. Deswegen sollte man über Absiedlungsfragen heute nicht spekulieren.

SZ: Wie ist denn die Stimmung in Ihrem Stimmkreis? Wiesheu: Machen wir jetzt ein Interview für die Freisinger Ausgabe? Natürlich löst das jetzt wieder große Emotionen aus. Deshalb geht es ja darum, einen möglichst sachlichen Prozess einzuleiten. Dem sollte man eine Chance geben.

SZ: Steckt hinter den Ausbauplänen auch der politische Wunsch, mit Frankfurt gleichzuziehen. Bis jetzt ist Frankfurt die Nummer eins in Deutschland. Mit einer dritten Startbahn könnte plötzlich München die große Drehscheibe sein. Wiesheu: Es geht hier nicht um Konkurrenz mit Frankfurt. Tatsache ist, dass der Flugverkehr überall wächst, auch in Deutschland. Alle Verkehrsminister haben sich deshalb einstimmig für Ausbaumaßnahmen sowohl in Frankfurt als auch in München ausgesprochen.

SZ: Wann könnte denn das erste Flugzeug von der dritten Startbahn abheben? Wiesheu: Falls alle Verfahren problemlos verlaufen, dauert das mindestens fünf Jahre. Schon von daher kann mit dem Bau der dritten Startbahn nicht vor 2010 begonnen werden.

SZ: Die ganze Verkehrserschließung des Flughafens wird seit Jahren diskutiert. Glauben Sie, dass mit den Ausbauplänen auch die Maßnahmen, über die jetzt schon seit Jahren geredet wird, beschleunigt werden? Wiesheu: Davon bin ich überzeugt. Das wird auch ein zentrales Thema im Nachbarschaftsrat sein. Da wird auch die Umgebung des Flughafens konkrete Zusagen verlangen. Und das ist auch notwendig. Denn man kann ja nicht einen Flughafen ausbauen und die gesamte Verkehrserschließung ruhen lassen. Sonst richtet man in der Umgebung ein Verkehrschaos an.

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(SZ vom 28.7.2005)