Flüchtlingsporträts Der Blick in den Spiegel

Marco Pejrolo will mit seinen Flüchtlingsporträts im Gasteig Augen und Seelen öffnen

Von Jutta Czeguhn

Gleich wird sie lächeln. Offen blickt das Mädchen in die Kamera. In den Augenwinkeln haben sich bereits winzige Falten gebildet, auch die Mundwinkel sind auf dem Weg nach oben. Durch Raum und Zeit von ihr getrennt, kann man mit etwas Vorstellungskraft schon ihr unbeschwertes Lachen hören. Oder aber zurückspulen, sich ihre Gesichtszüge von Angst und Trauer erfüllt denken. Wo mag sie herkommen, Syrien, Afghanistan? Was hat sie sehen müssen? Wie tief erschüttert wurde ihre Kinderseele? Fluchtgeschichten kommen dem Betrachter vor Augen, die Medien sind voll davon. Auch jene der eigenen Mutter, die immer irgendwie heiter erzählt hat, wie das alles damals ein großes Abenteuer für sie war. So recht hat man ihr das nie abnehmen wollen. Und nun im Alter schwappen dunkle Bilder hoch. Wird es auch diesem Mädchen einmal so ergehen?

"Interaktionsversuch" nennt Marco Pejrolo sein Projekt. Vom kommenden Dienstag, 24. Januar, an zeigt der Fotograf im Gasteig mehr als 50 Schwarz-Weiß-Porträts von Geflüchteten. "Spiegel der Seele" titelt er seine Ausstellung. Pejrolo macht mit seinen Nahaufnahmen das Angebot zum Blicktausch aus der Distanz. Die einen, die vor seinem Kamera-Auge saßen und ihm ihr Gesicht anvertrauten, wissen nicht, wer sie nun anschauen wird. Und die auf der anderen Seite des Spiegels, die Betrachter, bekommen zu den stummen Porträts weder Namen noch Geschichten geliefert. Und doch soll eine Brücke zwischen ihnen entstehen. Marco Pejrolo glaubt hier fest an die Kraft der Fotografie und die Fähigkeit des menschlichen Gehirns, Emotionen in Gesichtern zu entschlüsseln: "In jeder Aufnahme begegnen wir einem Paar Augen. Jeder kann da in Ruhe wie vor einem Spiegel stehen. Anfangs betrachtet man die Person auf dem Foto, überlegt, wer das ist, was er wohl fühlen mag. Irgendwann kommt der Moment, da beginnt man, sich selbst in dem fremden Menschen zu sehen. Erinnerungen steigen auf, ein Name, ein Klang, ein Ort vielleicht."

Marco Pejrolo, Jahrgang 1964, stammt aus Turin, er ist Schauspieler, arbeitet vor allem als Theater- und Filmregisseur, leitet eine eigene Kompanie. 2015 hatte er sechs Schicksale von Asylbewerbern einer Gemeinschaftsunterkunft in Langenau für einen dokumentarischen Spielfilm mit dem Titel "Wasser und Salz" begleitet. Zurück in München, wo er seit vier Jahren lebt, wollte er ein neues Projekt mit Immigranten starten, diesmal als Fotograf. "An die Menschen heranzukommen, war weit komplizierter, als ich mir das vorgestellt hatte", erzählt er. Von Kontakt zu Kontakt muss er sich hangeln und bekommt schließlich auch von den Behörden die Erlaubnis, Menschen in Unterkünften zu treffen, erst in Unterhaching, später in Aying. Eine Woche lang verbringt er jeden Tag Zeit mit ihnen, hört ihre Geschichten und stellt sein Projekt vor. "Auch das war nicht so einfach, ich spreche zwar fünf Sprachen, aber nicht Arabisch oder Farsi. Und ich wollte unbedingt, dass die Teilnehmer genau verstehen, auf was sie sich einlassen." Etwa wenn es um eine Veröffentlichung ihrer Porträts im Internet geht. "Einige wollen das aus verständlichen Gründen nicht, weil sie selbst oder ihre Angehörigen immer noch mit Verfolgung rechnen müssen", sagt der Fotograf.

Die digitalen Aufnahmen entstehen dann schließlich in einer Tanzschule in Unterhaching, wo Marco Pejrolo sein Studio aufbauen kann. Er wählt für die Schwarz-Weiß-Aufnahmen - Farbe würde nur vom Wesentlichen ablenken - einen schlichten Aufbau: schwarzer Hintergrund, die Lichtführung von zwei Seiten. "Mir war wichtig, einen Ort zu schaffen, an dem sie sich sicher und entspannt fühlen konnten", erklärt er. Seine Erfahrungen als Theatermann kommen ihm zugute, denn für ihn ist auch die Bühne ein geschützter Ort. So können die Leute beispielsweise ihre Musik mitbringen, Smartphones lassen sich mit Lautsprechern koppeln. Pejrolo verzichtet weitgehend auf Regieanweisungen, gibt keine Posen vor, nicht einmal eine Blickrichtung. Das einzige, was er sich von den Teilnehmern wünscht: "Seid nicht leer, sagt es mir nicht, aber denkt an etwas." Er will den Moment einfangen, "in dem sie in Kontakt mit ihrer Seele kommen". Seele, italienisch "anima", ein großes Wort. Pejrolo versteht es nicht im religiösen Sinn. Seele, das ist für ihn, was einen Menschen ausmacht, seine Erinnerungen, seine Erfahrungen, seine Beziehungen.

Marco Pejrolo, 1964 in Turin geboren, ist Schauspieler, für Film und Theater arbeitet er auch als Regisseur und Pädagoge. Seine Leidenschaft für die Fotografie wurde von der Bühne genährt.

(Foto: privat)

Auf seiner Seelensuche zoomt Pejrolo an manche Gesichter sehr nahe heran, zeigt die Topografie menschlicher Haut mit ihren Furchen, Pickeln, breitflächigen Narben. Im Auge eines Kindes ist ein geplatztes Äderchen zu sehen. Überhaupt die Kinder, Pejrolo erzählt von der Freude, die ihm die Arbeit mit ihnen gemacht hat. Ihre unerschütterliche Neugierde, die jede Schüchternheit besiegt, ein bisschen Herumalbern, Grimassenschneiden, dann aber doch der unverstellte Blick in die Kamera. Auch einigen Erwachsenen ist der Spaß an den Sitzungen im Studio anzusehen. Da ist jemand, der ihnen Aufmerksamkeit schenkt, ihnen Würde zurückgibt. Ein Afrikaner, Pejrolos Team nennt ihn wegen seiner eleganten Erscheinung "Obama", geht vor dem Shooting noch extra zum Friseur. Doch gibt es auch Porträtierte, da scheint der Fotograf auf Distanz zu gehen, sich nur mit feiner Zurückhaltung nähern zu wollen. Oder sind es die Fotografierten, die ihn auf Abstand halten? Junge Männer schauen gemütsfinster, misstrauisch, scheu, undurchdringlich in die Kamera. Als könnten, wollten sie den Blick nicht halten. Der eine oder andere, erzählt Pejrolo, sei nur Tage nach den Aufnahmen abgeschoben worden.

"Als das Projekt vorbei war, habe ich sie vermisst", sagt der Italiener. Und man muss ihn bitten, das zu erklären: Bei den Menschen in der Unterkunft habe er das Gefühl gehabt, Teil der Welt zu sein, als sei das Kartenspiel endlich wieder vollständig. Er zitiert einen Freund, den Anthropologen Alberto Salza, der seine Eindrücke zur Ausstellung aufgeschrieben hat: über den Ursprung der Menschheit in Afrika, das alles Verbindende. Auch ein Text der Schriftstellerin Sudabeh Mohfez wird bei der Vernissage vorgestellt. Vor allem aber hofft Pejrolo, dass auch die Besucher ihm ihre Gedanken schenken. Es wird ihnen neben jedem Porträt Gelegenheit gegeben, sie aufzuschreiben. Die Schau, so plant es der Fotograf, soll durch Deutschland wandern. Am Ende will er die Besucherbeiträge in einem Katalog veröffentlichen.

Seine Ausstellung, sagt Marco Pejrolo, sei ein Angebot zum Brückenschlag. Doch im Grunde habe jeder täglich die Chance dazu. "Die Menschen sind hier. Nehmen Sie sich Zeit, reden Sie nicht über sie, sondern mit ihnen."

Marco Pejrolo, "Spiegel der Seele", Vernissage am 24. Januar, 19 Uhr, Gasteig, Foyer, Glashalle im ersten Stock, bis zum 13. Februar. Eintritt frei.