Helfer aus München In zwölf Stunden vom Acker zum Flüchtlingslager

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  • Eine Gruppe Freiwilliger formiert sich, um Flüchtlingen in Ungarn zu helfen.
  • In kürzester Zeit bauen sie ein Flüchtlingslager auf und koordinieren die Organisation vor Ort.
  • Mittlerweile arbeitet die Gruppe aus Münchnern, Österreichern und Ungarn mit großen NGOs zusammen.
Von Thomas Anlauf

Kleine Kinder schlafen auf dem regennassen Acker, verletzte und entkräftete Menschen sitzen oder liegen am Boden, Frauen, die im Freien gebären - diese Bilder aus dem ungarischen Grenzgebiet gehen wohl niemandem mehr aus dem Kopf, der sie erlebt hat. Daniel Überall ist einer der Helfer, die seit mehr als drei Wochen dort und an anderen Flüchtlingsbrennpunkten ehrenamtlich im Einsatz sind.

Im ungarischen Röszke hat er mit anderen Münchnern und Helfern aus Ungarn und Österreich ein Flüchtlingslager aufgebaut. Als das Land seine Grenzen dicht machte, stellten die Helfer nicht einfach ihre Arbeit ein: Vor wenigen Tagen gründeten sie eine Hilfsorganisation, um auf dem Balkan die ehrenamtliche Flüchtlingshilfe zu koordinieren und zu lenken. Judith Ruppert, Alexander Rossner und Daniel Überall aus München sind mittlerweile Profis in der Flüchtlingshilfe. Vor einigen Wochen schickten sie über Facebook einen Spendenaufruf, sie wollten Hilfsgüter nach Ungarn bringen. "Innerhalb weniger Stunden hatten wir drei große Transporter voll", sagt Überall.

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Zunächst fuhr der Konvoi in Richtung Budapest, doch dann räumte die ungarische Regierung den seit Tagen mit Flüchtlingen überfüllten Bahnhof. Überall dirigierte kurzfristig von München aus die Fahrer an den österreichischen Grenzort Nickelsdorf, wo gerade Tausende Flüchtlinge ankamen. Dann ging es weiter nach Röszke. "Wir dachten, das ist ein Flüchtlingszeltlager und nur schlecht organisiert", sagt Überall. "Aber das war nur ein Sammelpunkt auf dem Acker." Was die Helfer dort sahen, machte sie fassungslos. Obwohl dort bereits hauptamtliche Organisationen im Einsatz waren, herrschte Chaos.

"Wir haben dann das Ganze koordiniert und innerhalb von zwölf Stunden ein Lager aufgebaut", sagt Überall. Der Projektleiter des Flüchtlingswerks UNHCR habe ihm später eine dankbare SMS geschrieben: "You were more effective and practical than any international mega organization." Das gab Überall zu denken: Offizielle Organisationen brauchen seiner Ansicht nach viel zu lange, um schnell helfen zu können.

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"Angesichts der Tatsache, dass sich die Brennpunkte der sogenannten Flüchtlingskrise aktuell schnell verlagern, haben Flexibilität und Vernetzung höchste Priorität", sagt Überall. Das Netzwerk aus der Münchner Flüchtlingshilfe schloss sich deshalb vor einer Woche mit der Inter-European Human Aid Association (IHA) zusammen, die zwei Österreicher gerade ins Leben rufen wollten. Innerhalb weniger Stunden bauten die Münchner die Homepage auf (www.iha.help).

"Wir stehen noch ganz am Anfang und haben schon einen Riesenerfolg", sagt IHA-Sprecherin Judith Ruppert, die nun für den Kontakt zu großen Hilfsorganisationen zuständig ist. "Wir kooperieren mit den großen NGOs. So ist zum Beispiel ,Save the Children' mit der Bitte um Unterstützung durch Freiwillige vor Ort direkt an uns herangetreten." In der Nacht zum Donnerstag brach bereits ein Konvoi aus München mit Hilfsgütern nach Kroatien auf, am nächsten Mittag meldeten sich die Freiwilligen schon vom Einsatzort per Twitter.

Lagebesprechung: Der Münchner Daniel Überall (links) ist Einsatzleiter im ungarischen Flüchtlingscamp.

(Foto: Daniel Überall)

Unter ihnen in Kroatien war am Donnerstag auch Claudia Stamm. Die Landtagsabgeordnete der Grünen hatte schon in München im Notaufnahmezentrum an der Richelstraße mitgeholfen, für die Fahrt nach Kroatien sammelte sie mit der Organisation "Kinder auf der Flucht" (www.hilfegrenzenlos.de) drei Tage lang Kleidung und sonstige Hilfsgüter. "Kriegen gerade Briefing", twitterte Stamm von ihrem Einsatzort. Innerhalb kürzester Zeit können die Helfer über den Kurznachrichtendienst an Orte dirigiert werden, wo gerade viele Flüchtlinge über die Grenze gelangt sind und Hilfe benötigen.

"Wir bauen dort Unterstände gegen den Regen auf, verteilen Rettungsdecken und Lebensmittel", sagt Daniel Überall. Doch die sinkenden Temperaturen bereiten ihm Sorgen. "Die Situation der Menschen dort ist dramatisch und lebensbedrohlich." Der 37-Jährige, der bei der Münchner Stiftungsgemeinschaft "Anstiftung & Ertomis" arbeitet, hält die derzeitige Flüchtlingssituation für ein "politisches Versagen" der europäischen Politik, die das Problem "seit Jahrzehnten verpennt" habe. Effektive Hilfe leisten seiner Meinung nach fast ausschließlich private Hilfsorganisationen. Von den Reaktionen aus der Bevölkerung sind die Helfer von IHA überwältigt. Innerhalb kurzer Zeit meldeten sich 100 Freiwillige, die sich an den Hilfskonvois beteiligen wollen. Die Menschen würden auch dringend gebraucht. "Es gibt dort unten keine Hilfsstrukturen - und bald kommt der Winter."

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