Flüchtlinge München ruft die Kanzlerin zu Hilfe

Flüchtlinge am Hauptbahnhof werden von Polizisten zu einem Sonderzug begleitet, der sie nach Dortmund fahren soll.

(Foto: dpa)
  • Zehntausende Menschen sind von Ungarn aus weiter Richtung Westen unterwegs, ein Großteil von ihnen wird über den Münchner Hauptbahnhof nach Deutschland einreisen.
  • München könne nicht so viele Menschen unterbringen, wie jetzt für das Wochenende erwartet würden - auch nicht für kurze Zeit, warnte Oberbürgermeister Reiter.
  • Von den anderen Bundesländern fühlt sich die Stadt zunehmend im Stich gelassen. Nun soll auch die Bundeswehr helfen.
Von Thomas Anlauf und Ralf Scharnitzky

Die Lage am Hauptbahnhof droht unübersichtlich zu werden. Obwohl bis zum Freitagnachmittag mit 1700 Menschen zunächst vergleichsweise wenige Flüchtlinge angekommen waren, rechneten die Behörden bis Mitternacht mit insgesamt 10 000 Schutzsuchenden in München. Bis zum Ende des Wochenendes werde die Zahl der Geflüchteten bundesweit vermutlich auf bis zu 50 000 steigen, teilte die Regierung von Oberbayern am Freitagabend mit. Es gebe derzeit eine "große Unwägbarkeit", wie viele Menschen sich über Ungarn und Österreich auf den Weg nach Deutschland machen, sagte Regierungssprecherin Simone Hilgers.

Da die österreichischen Bundesbahnen den Zugverkehr von und nach Ungarn eingestellt haben, um den Betrieb an den Wiener Bahnhöfen zu stabilisieren, sei der Einsatz der Behörden, der Polizei und der Helfer in Bayern nicht mehr so genau planbar, erklärte Hilgers. Viele Flüchtlinge würden nun versuchen, auf eigene Faust mit Autos oder Bussen nach Deutschland zu gelangen. In München stünden derzeit 5200 freie Plätze als "Notkapazität" zur Verfügung, sagte die Sprecherin. Doch wie lange diese ausreichen werden, ist kaum vorhersehbar.

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Die Regierung von Oberbayern fordert seit Tagen, dass in Deutschland neben München weitere Verteilzentren eingerichtet werden. Je kritischer die Lage am Hauptbahnhof wird, desto lauter wird auch die Kritik: "Die Bundeskanzlerin ist dringend aufgefordert, mit den Länderchefs zu reden und uns nicht im Regen stehen zu lassen", sagte Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter am Freitagabend, nachdem die neuen Prognosen gerade bekannt gegeben wurden. "Das kann keine ein, zwei Tage so weitergehen."

München könne nicht so viele Menschen unterbringen, wie jetzt für das Wochenende erwartet würden - auch nicht für kurze Zeit, warnte der Oberbürgermeister. Es sei unerklärlich und "nicht akzeptabel", dass es immer noch keine zweite Drehscheibe zur Verteilung der vielen Flüchtlinge in Deutschland gebe, sagte Reiter. Er habe mit Bahnchef Rüdiger Grube gesprochen, der zugesagt habe, so viele Züge wie nötig einzusetzen. "Wir hätten also die Züge, aber keine Zieldestinationen."

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Unterdessen gehen in München die Feldbetten aus. Die Stadt ordert bereits Notschlafplätze in Frankreich, die Regierung von Oberbayern kauft Betten sogar in China auf.

Die Situation ist inzwischen so angespannt, dass nun die Bundeswehr Hilfe leisten soll. Am Freitagnachmittag sei bereits ein General bei der täglichen Lagebesprechung von Behörden und Polizei in München dabei gewesen, berichtete Regierungssprecherin Hilgers. Bereits am Abend sollten Soldaten in München eingesetzt werden - wie viele, war zunächst noch unklar. Im Rahmen der Aktion "Helfende Hände" soll die Bundeswehr jedoch ausschließlich für Aufbauarbeiten von Notunterkünften eingesetzt werden und "Amtshilfe leisten".

Bahn schmiedet Pläne für die Zeit des Oktoberfests

Während die Lage am Hauptbahnhof ohnehin immer unkalkulierbarer wird, muss die Deutsche Bahn Pläne schmieden für die Zeit des Oktoberfests. Während der Wiesn sollen keine Sonderzüge mit Asylsuchenden den Hauptbahnhof anfahren. "Unser Ziel ist es, die Flüchtlinge in dieser Zeit an München vorbei zu leiten", sagte Bayerns Bahn-Chef Klaus-Dieter Josel. Er will die in Salzburg startenden Züge direkt in andere Städte dirigieren - nach Vorgaben der Politik: "Wir brauchen klare Ansagen, wohin die Züge fahren sollen."

Etwa sechs Stunden vor Abfahrt müsse die Deutsche Bahn den Zielort wissen, um einen Sonderzug in den komplexen bundesweiten Fahrplan eingliedern zu können. Die Züge, die jeweils 500 bis 600 Flüchtlingen Platz bieten, könnten vom Südring nicht zum Münchner Hauptbahnhof, sondern über Laim direkt Richtung Westen und Norden geführt werden. Auch für die Bahn und ihre Mitarbeiter bedeutet die Flüchtlingshilfe einen erheblichen logistischen Aufwand. Ohne Extraschichten und Überstunden wären diese zusätzlichen Aufgaben nicht zu stemmen, sagte Josel.

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