Flüchtlinge in München Stadt erwägt Wiesnzelt als Notunterkunft

Vor zwei Wochen wurde im Schützenzelt auf der Theresienwiese noch gefeiert - schlafen hier bald Flüchtlinge?

(Foto: Getty Images)

München sucht weiter fieberhaft nach neuen Unterkünften für Flüchtlinge. Auf dem Tollwood-Gelände sollen Schlafplätze für 300 bis 400 Menschen geschaffen werden. Auch der VIP-Bereich im Olympiastadion ist im Gespräch - und das Schützenfestzelt auf der Theresienwiese.

Von Andreas Glas, Bernd Kastner, Franziska Gerlach und Thomas Kronewiter

Nachdem Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) am Montag verkündet hatte, keine Flüchtlinge mehr in der überfüllten Bayernkaserne aufzunehmen, hat die Stadt offenbar erste Notquartiere ausfindig gemacht, wo sie vorübergehend Zelte für insgesamt etwa 1000 Menschen aufstellen lassen möchte. Wie die Dritte Bürgermeisterin Christine Strobl (SPD) der SZ bestätigte, ist es wohl möglich, auf dem Tollwood-Gelände im südlichen Olympiapark innerhalb kurzer Zeit Schlafplätze für 300 bis 400 Menschen zu schaffen. Außerdem prüfe die Stadt, den VIP-Bereich im Zwischengeschoss des Olympiastadions als Flüchtlingsquartier zu nutzen.

Nach SZ-Informationen denkt die Stadt sogar darüber nach, Flüchtlinge im Schützen-Festzelt auf der Theresienwiese unterzubringen. Die Festhalle bietet sich aus zwei Gründen an: Erstens, weil sie in Randlage des Geländes liegt und daher dem Winter-Tollwood-Festival nicht im Weg stehen würde, das vom 25. November bis 31. Dezember stattfindet. Und zweitens, weil es ohnehin neu gebaut werden soll und es für das jetzige Zelt offenbar keine Verwendung mehr gibt.

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Schützenzelt-Wirt Edi Reinbold sagt zwar, er wisse nichts von diesen Plänen. Der SZ sagte er aber auch: "Wenn die Stadt an mich herantritt, dann mache ich mir Gedanken darüber." Die Halle gehöre aber gar nicht ihm, sondern der Zeltbau-Firma Deuter. Zudem sei sie knapp zehn Tag nach Ende der Wiesn zum Teil schon abgebaut.

Dass die Stadt inzwischen sogar ein Wiesn-Zelt als Unterkunft in Erwägung zieht, dürfte auch damit zu tun haben, dass sich eine andere Zeltlösung wohl erübrigt hat. Wie Bürgermeisterin Strobl sagte, seien die Zelte des Roten Kreuzes und anderer Hilfsorganisationen zwar "für ein, zwei Tage okay", taugten aber nicht für eine längere Unterbringung. Sie haben keinen festen Boden und sind nicht für den Winter geeignet.

Allein die Bundeswehr habe eine größere Zahl an geeigneten Zelten, die sie für gewöhnlich bei Auslandseinsätzen nutzt. Dies zu prüfen sei aber Aufgabe des Freistaats: "Wir als Stadt werden das jetzt nicht mehr ins Auge fassen", sagte Strobl. Stattdessen habe man die Referate beauftragt, den stadteigenen Bestand an Containern unter die Lupe zu nehmen, die vorübergehend als mobile Wohneinheiten genutzt werden könnten.

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Das Schulreferat habe besonders viele dieser Container. Wie viele davon verfügbar seien, wisse Strobl aber erst am Mittwoch, wenn die Ergebnisse des Krisenstabs vorlägen. Zusätzliche Container zuzukaufen hält sie für schwierig, "weil der Markt relativ leergefegt ist". Derweil droht schon das nächste Problem: Sozialministerin Emilia Müller (CSU) will offenbar weiter Flüchtlinge in die Bayernkaserne aufnehmen lassen, obwohl OB Reiter genau das wegen menschenunwürdiger Zustände untersagt hatte. "Es gibt keinen Aufnahmestopp in der Bayernkaserne, das läuft alles ganz regulär", zitierte der BR die Ministerin am Dienstagabend. Während sich somit ein Streit zwischen Stadt und Freistaat anbahnt, verzögert sich außerdem der Bau der Erstaufnahme-Dependance auf dem Gelände der früheren McGraw-Kaserne, sodass die ersten Flüchtlinge wohl erst im Januar einziehen können statt wie geplant im November. Auf dem Olympiagelände ist zusätzlich die Event-Arena als Unterkunft in der Diskussion. Die endgültigen Ergebnisse seiner Standortsuche will der neu eingerichtete Krisenstab der Stadt am heutigen Mittwoch vorstellen. Unklar bleibt derweil, wie die Registrierung und die ärztliche Untersuchung der neu ankommenden Flüchtlinge organisiert werden soll. Denn bislang gibt es Büros und Untersuchungszimmer nur in der Bayernkaserne. Schon jetzt befinden sich dort etliche Menschen, die noch nicht registriert sind. "Dieser Rückstand muss schnell aufgearbeitet werden, die Regierung von Oberbayern hat ja jetzt schon keinen Überblick mehr", kritisierte Bürgermeisterin Strobl, die sich derzeit auch darum bemüht, die ehrenamtliche Hilfe für die Flüchtlinge besser zu koordinieren. Dazu traf sich Strobl am späten Dienstagnachmittag mit Vertretern der Münchner Wohlfahrtsverbände.

Darüber hinaus wollen die Grünen im Rathaus das Konzept eines Willkommenszentrums für junge Flüchtlinge in der Innenstadt umsetzen. Grundlage ist das Konzept "Bellevue di Monaco" der Goldgrund-Aktivisten um Till Hofmann. Die Grünen wollen das städtische Haus Müllerstraße 6 und den benachbarten Hochbunker für eine gemischte Kultur- und Wohnnutzung. Am Abrissbeschluss für die Häuser Müllerstraße 2 und 4 halten die Grünen fest, wollen aber in Nummer 2 bis zum Abbruch Flüchtlinge einquartieren.

Derweil verursacht die Ankündigung neuer Unterkünfte in den Münchner Stadtvierteln und den Umlandgemeinden nach wie vor Unruhe. Mitglieder des Bezirksausschusses Milbertshofen-Am Hart klagen, nicht über Planungen für einen neuen Standort an der Schleißheimer Straße 438 informiert worden zu sein. In der Gemeinde Kirchheim im Landkreis, die seit Monaten Debatten um ein im Ort vorgesehenes Asylbewerberheim erlebt, ist ein konkreter Bauantrag am Montagabend abgelehnt worden.

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