Flüchtlinge in München Ohne Worte

In der Bayernkaserne schlafen Flüchtlinge inzwischen sogar unter freiem Himmel. Kann das wahr sein, in München? Und was, wenn es richtig kalt wird?

(Foto: Bernd Kastner)

Nicht jeder hat ein Bett - oder gar eine Decke: In der Bayernkaserne im Norden von München wirken die Behörden mit den Flüchtlingen überfordert. Und als ein Imam Nothilfe leisten will, wird seine Aktion ein Fall für die Polizei.

Von Bernd Kastner

Die Politiker sind weg. Der Oberbürgermeister, die Sozialministerin, der Kultusminister und auch die Kirchenleute haben die Kaserne verlassen, der Alltag kehrt wieder ein hinter der Mauer an der Heidemannstraße. Auf dem Randstein vor einem der alten Militärgebäude sitzt eine Frau, um sie herum Koffer und ein Kinderwagen, an ihrer Brust ein Säugling. Die Mutter stillt ihn, sie lächelt. Es beginnt zu dämmern an diesem Freitag, an dem die Vertreter des Bündnisses für Toleranz die Erstaufnahmeeinrichtung für Asylsuchende besucht haben, um ein Zeichen zu setzen: "Wir wollen diese Flüchtlinge bei uns willkommen heißen", erklärt OB Dieter Reiter.

Wer sich jenseits des Polit- und Behördenauflaufs umschaut, erkennt eine ganz spezielle Willkommenskultur. Man sieht unzählige Menschen auf dem Boden, sie liegen im Gras, auf Asphalt, auf Pflaster. Viele schlafen oder dösen, meist nur auf und unter dünnen Decken, wenn überhaupt. Bayernkaserne im Oktober 2014.

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Benjamin Idriz, der Imam aus Penzberg, war im Pulk der Prominenz dabei, aber er bleibt länger, viel länger, es ist sein erster Besuch hier. Sein Arabisch ist perfekt, er redet mit den Flüchtlingen, hört zu, schüttelt den Kopf, immer umringt von einer Traube von Menschen. Sie merken, dass da einer helfen will, es wirkt, als wäre er der Ombudsmann in der Kaserne. Allein, es gibt dieses Amt hier gar nicht, dabei wäre es so nötig. Am Ende wirkt Idriz erschlagen von dem, was er sieht und hört. Idriz fasst einen Plan. Er will helfen, ganz spontan, und er wird wiederkommen, noch am selben Abend.

Ein Mann, mittleres Alter, Rechtsanwalt von Beruf, bittet Idriz um dessen Handy. Vor ein paar Stunden erst ist der Mann eingetroffen, er war drei Monate auf der Flucht aus Syrien, und jetzt möchte er seine Familie zu Hause in Aleppo anrufen, um zu sagen: Ich bin angekommen. Es klappt, die Verbindung kommt zustande, der Mann strahlt, ganz kurz.

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Dann erzählt er, dass er jahrelang den Krieg und die Bomben ertragen habe, aber als er gesehen habe, wie die Terroristen Köpfe abschneiden - nein, da konnte er nicht mehr. Den Schmuck seiner Frau habe er verkauft, um seine Flucht zu finanzieren. Er wolle nun schauen, ob er seine Frau und die drei Kinder nachholen soll, aber er ist sich nicht mehr sicher. Ist einer wie er willkommen in Deutschland? In Passau hat ihn die Bundespolizei aufgegriffen, und natürlich haben sie sofort seinen gefälschten Pass erkannt. Damit zu reisen ist illegal, gewiss, aber wie soll ein Flüchtling auf legalem Weg hierher kommen? Sie haben ihm dann eine Strafe aufgebrummt, Sicherheitsleistung nennt sich das formal, 750 Euro. "Das war mein letztes Geld."

Der Mann hat noch, was er auf dem Leib trägt, und eine kleine Plastiktüte mit ein paar Papieren und Formularen. Die Polizei hat sie ihm in die Hand gedrückt, alles auf Deutsch. Die Adresse, wo er sich unverzüglich einzufinden habe, um sein Asylbegehren zu stellen, hat jemand mit Kuli eingekreist: München, Heidemannstraße 60, Erstaufnahmestelle, "Zentrale Rückführungsstelle". Diese Worte bekommt in Deutschland ein Mensch ausgehändigt, der gerade dem Krieg entkommen ist. Wie gut, dass er kein Deutsch versteht.

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Stunde um Stunde vergeht, immer, wenn Idriz gehen will, bittet der nächste Flüchtling um sein Ohr. Einer zeigt Fotos auf seinem Handy, man sieht einen Flur in einem der Kasernengebäude, man sieht Menschen, die auf dem Boden liegen oder kauern. Einer sagt, dass er seit Tagen draußen schlafe, kein Bett bekommen habe in der Kaserne. Wirklich? Das kann doch nicht sein, nicht in Bayern. Die Sozialministerin Emilia Müller hat doch erst vorhin noch versichert: "Es ist für jeden ein Bett da." Dann kommt der nächste Flüchtling und erzählt vom Draußenschlafen, und noch einer und noch einer, immer mehr werden es. Wer also sagt die Wahrheit, die Flüchtlinge oder die Ministerin? Vielleicht haben ja beide recht.