Flüchtlinge im Hungerstreik Im Regen stehen gelassen

Notdürftig schützen sich die Hungerstreikenden auf dem Rindermarkt vor dem Regen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Flüchtlingsdrama mitten in München: Seit Samstag protestieren etwa 100 Asylbewerber mit einem Hungerstreik gegen die aus ihrer Sicht unwürdige Unterbringung und Behandlung. Sie haben viel verloren, aber ihre Sprache nicht.

Von Bernd Kastner

Über Nacht ist ein Zeltlager entstanden auf dem Rindermarkt, gleich unterhalb des Brunnens. Wobei sich der Begriff Zelt bei näherem Betrachten als völlig übertrieben darstellt. Sie haben am Sonntagabend, als es zu regnen, ja, zu schütten begann, schnell irgendwo ein paar dieser weißen Pavillons aufgetrieben, die man andernorts Partyzelt nennen würde, aber von einer Party ist das alles hier weit entfernt. Sie haben große Planen über die Gestänge geworfen, blaue, weiße, grüne, um sich vor dem Schlimmsten, was von oben kommt, zu schützen.

Aber natürlich ist trotzdem alles nass und klamm am Montagmorgen. Jetzt liegen Menschen in ihren Schlafsäcken auf dem Boden, man kann sie gar nicht zählen. Manche starren bloß in die Luft, es war keine gute Nacht.

Ein Kombi fährt vor, Leute, die nicht wie Flüchtlinge aussehen, laden Schlafsäcke ein und Müllsäcke mit Klamotten drin. Nein, sie bereiten nicht etwa ihren Abzug vor. Die Sachen werden zu Münchnern gebracht, die einen Wäschetrockner zu Hause haben, damit das Nötigste, was sie brauchen, bis zur nächsten Nacht hoffentlich wieder trocken ist.

So funktioniert praktische Solidarität in diesen Tagen, Solidarität zwischen denen, die haben, und denen unter den Planen. Es hat sich auf die Schnelle ein großes Team aus Unterstützern zusammengefunden, sie kommen teils bis aus Berlin oder Hamburg, aber sie bleiben ganz im Hintergrund. Sprechen sollen allein die Hauptpersonen.

Ein lauter Hilferuf

Es ist Tag drei des Hungerstreiks. Plötzlich sind sie da, knapp 100 Flüchtlinge, inmitten der Stadt. Menschen von weit her, aus Pakistan, aus Äthiopien, aus Bangladesch, Menschen, die die Politik gar nicht in Deutschland haben will, und erst recht nicht direkt vor der Haustür. Aber da sind sie nun einmal, und obwohl alles ruhig ist, niemand ruft oder pfeift, ist dieser Protest ein lauter Hilferuf an die Politik: Behandelt uns besser!, so könnte man ihn zusammenfassen. Steckt uns nicht in Massenunterkünfte, speist uns nicht mit Essenpaketen ab, lasst zu, dass wir uns frei bewegen dürfen. Gebt uns Bürgerrechte, gebt uns Asyl!

Sie haben Holzpaletten und zusammengeklappte Biertische aufs Pflaster des Rindermarkts gelegt, um nicht in der Nässe zu liegen. Mittendrin sitzt Hanifeh Wahafi, 28, mit ihren beiden Kindern. Sie erzählt von ihrer Flucht aus Iran, wohin sie schon vor Jahren aus Afghanistan geflohen war. Als sie Deutschland erreichten, vor zweieinhalb Monaten, da sei ihr Mann gleich inhaftiert worden, abgestempelt als "Illegaler". Und ihren ältesten Sohn, zwölf ist er, den habe sie in Österreich verloren, lange Zeit habe sie gar nicht gewusst, wo er sich aufhalte.

Hanifeh Wahafi ist mit ihren beiden Kindern aus Afghanistan erst nach Iran geflohen. 

(Foto: Stephan Rumpf)

Im Juni hätten sie schon abgeschoben werden sollen, nach Ungarn, weil das gemäß dem Dublin-II-Abkommen so vorgesehen ist, das wie eine moderne Mauer um Deutschland gezogen wurde; aber die Zwangsausweisung sei in letzter Minute wegen ihrer schlechten Gesundheit verhindert worden. Nun gibt es einen neuen Termin: Mittwoch dieser Woche. Die Mutter spricht Farsi, man verstünde sie nicht, würde nicht ein Dolmetscher aus dem Unterstützerkreis ins Englische übersetzen. Die Sprache ihrer Augen aber versteht jeder, es ist die Sprache der Verzweifelten.