Flüchtlinge im Hungerstreik Bereit zum Äußersten

Passanten schimpfen über Ausländer, die sich aufführen. Krankenwagen versorgen kollabierende Flüchtlinge. Und die Politiker halten sich lautstark heraus. Der Hungerstreik von Asylbewerbern in München eskaliert - und eine Lösung scheint nicht in Sicht.

Von Bernd Kastner

Rindermarkt, München, Donnerstagmittag. Menschen stehen zusammen und schimpfen. Sie schimpfen über die Ausländer in den Zelten da, die sich so aufführen und so viel fordern von den Deutschen, dabei hätten sie doch daheim auch "nichts zum Fressen".

So reden sie, und immer neue Passanten bleiben stehen, manche haben ihre Einkaufstaschen in der Hand und stimmen ein in den Chor der Empörten, meist sind sie im Rentenalter. Andere, meist Junge, versuchen dagegen zu halten, sie bleiben erstaunlich ruhig. Wieder andere stehen stumm neben den Zelten und schütteln den Kopf.

Plötzlich ist da dieses Geräusch. Kleine Räder rattern übers Kopfsteinpflaster, jemand hebt die rot-weißen Absperrbänder hoch, damit die Sanitäter ihre Trage hinein rollen können ins Lager. Vier Helfer in ihren roten und gelben Jacken beugen sich zu jemandem hinunter.

Draußen diskutieren sie weiter, drinnen spielt ein dunkelhäutiger Mann mit einem kleinen Kind, und nach ein paar Minuten kommen die Sanitäter wieder raus. Langsam jetzt, auf ihrer Trage liegt ein junger Mann, die Augen geschlossen. Es wirkt, als habe auch er das Bewusstsein verloren, wie so viele vor ihm. Er dürfte der 17. der Flüchtlinge sein, der ins Krankenhaus gebracht wird.

Geht nicht, sagen die Behörden

Tag sechs des Hungerstreiks von rund 50 Asylsuchenden mitten in München, und die Situation spitzt sich von Stunde zu Stunde weiter zu. Die Malteser haben ein Sanitätszelt aufgebaut, mehrere Krankenwagen stehen permanent auf dem Rindermarkt, die Stadt München hat einen Krisenstab eingerichtet. Am Mittwoch war ein Gespräch mit einem Vertreter der Flüchtlinge gescheitert, sie bleiben bei ihrer Forderung: Sofortige Anerkennung als politisch Verfolgte gemäß Artikel 16 a des Grundgesetzes.

Geht nicht, sagen die Behörden, wir sind ein Rechtsstaat, und da dauert die Prüfung nun mal. Immerhin, sie soll nun in zwei Wochen abgeschlossen sein, das wäre eine Art Geschwindigkeitsrekord, aber eine Bleibegarantie gebe es nicht. Die Fronten haben sich verhärtet. Es ist, als rase ein Zug auf eine Wand. Es geht um Leben.

Und um Politik. Die Politik aber, oder genauer: die Regierenden in Bayern und Berlin halten sich lautstark heraus. Mit den dramatischen Folgen ihrer Politik der Flüchtlingsabschreckung, die sich manifestiert in Arbeitsverbot, Residenzpflicht oder Zwangsversorgung mit Essenspaketen in überfüllten Massenquartieren, mit diesen Folgen wollen sie dann eher nichts zu tun haben. Bayerns Sozialministerin Haderthauer hatte per Pressemitteilung ausgegeben, wo's lang geht: "Asylbewerber müssen den Hungerstreik sofort beenden!" Ihr Parteifreund, Innenminister Joachim Herrmann, äußert sich fast identisch.