Flüchtlinge Die Angst der Frauen lässt sich nicht wegargumentieren

Das Handy, die Brille, Geld, Kosmetik: In jüngster Zeit ist in den Handtaschen vieler Münchner Frauen ein weiteres Utensil dazugekommen: Pfefferspray.

(Foto: Alessandra Schellnegger)
  • Nach den Übergriffen in der Silvesternacht in Köln berichten Frauen, dass sie sich in München nicht mehr sicher fühlen.
  • Der Polizei zufolge hat sich die Zahl der Übergriffe nicht erhöht - Vorfälle würden allerdings schneller in den Medien landen.
Von Lisa Schnell

Es ist der gleiche Bahnsteig, es sind die gleichen dunklen Ecken am Eingang zur U-Bahn. Hundertmal hat Emma am Hauptbahnhof Freunde empfangen, hundertmal ist sie hier zur Arbeit gefahren. Nie hat sie sich etwas dabei gedacht. Und jetzt? Hat Emma Angst.

Früher wäre sie vielleicht noch in die Stadt bummeln gegangen. Jetzt geht sie, wenn es dunkel wird, gleich nach Hause. Sie huscht in die U-Bahn, drei Stationen, dann ist sie in ihrer Wohnung, in Sicherheit. Weit weg vom Hauptbahnhof, von den Flüchtlingen, die hier durch die Halle streifen. Manche haben die Gesichter unter einer Kapuze versteckt. Andere lehnen beim Haupteingang an der Glaswand, ein Bein angewinkelt. Spürt Emma ihre Blicke, senkt sie den Kopf, versucht zu verschwinden.

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Vor einem halben Jahr reagierten die Münchner noch anders auf Flüchtlinge. Sie konnten ihnen gar nicht genug Gummibärchen, Luftballons und Willkommensplakate entgegenhalten. Weltweit wurden sie gelobt für ihre Großzügigkeit, ihre offenen Herzen. Und dann: Köln. Flüchtlingshände drückten nicht mehr dankbar Teddybären, sie grapschten an Frauen herum, zogen Geldbeutel aus Hosentaschen.

Etwa 18 000 Flüchtlinge leben in München

Und in München hatten viele das Gefühl, als hätte ihnen jemand die rosa Brille von der Nase gerissen. Etwa 18 000 Flüchtlinge leben derzeit in der Stadt. Kommen mit ihnen nicht nur neue Kulturen, Arbeitskräfte, ein gutes Gewissen, sondern vielleicht auch Kriminelle, Grapscher? Die Frage, wie sicher ihre Stadt noch ist, hat sich eingeschlichen in die Köpfe vieler Münchner und vor allem Münchnerinnen.

Etwa in den einer älteren Frau mit Dauerwelle, die auf die S-Bahn wartet. Früher ist sie mehr auf Leute zugegangen, jetzt ist sie vorsichtiger. Oder in den einer Mutter, ein Stockwerk höher im Zwischengeschoss. Sie zippt den Anorak ihres Sohnes zu. Eigentlich wäre sie mit ihm noch rüber zum Marienplatz, jetzt meidet sie öffentliche Plätze. Seit Köln kommt ihr das zu gefährlich vor. Passiert ist ihnen allen nichts. Noch nicht, sagen sie. Und: Sollen sie erst Angst haben, wenn es zu spät ist? Angst schützt, sie schränkt aber auch ein.

Emma etwa, die ihren vollen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Sie ist 30 Jahre alt, lange blonde Locken, blaue Augen. Im Herbst wirbelt sie im Dirndl ums Kettenkarussell, im Winter trinkt sie Glühwein am Tollwood. Eigentlich liebt sie es auszugehen. Jetzt trifft sie sich aber eher bei Freunden zu Hause. Und wenn doch in der Stadt, ist sie nie alleine unterwegs.

"Wie ein Stück Fleisch"

Ihre Angst ist für sie kein vages Gefühl, sondern begründete Gewissheit. Ihre Indizien: Die Blicke, mit denen sie Flüchtlinge aus Nordafrika anstarren. "Wie ein Stück Fleisch", sagt Emma. Sie hat eine Freundin aus Tunesien. Dort müssten sich Frauen verhüllen, damit sie nicht Opfer von Übergriffen werden, erzählte die. "Wir sehen für die komplett nackt aus", sagt Emma. Bis jetzt sind den Blicken keine Taten gefolgt. Bis jetzt war sie nie alleine unterwegs. Sonst hätte schon was passieren können, meint sie.

Bei der Polizei verstehen sie die Unsicherheit vieler Frauen, sie sei aber nur "gefühlt", nicht real. Auch wenn die Beamten an ihrer Belastungsgrenze arbeiteten, bestehe in München eine "hohe Sicherheit". Steigen die Zahlen der Straftaten durch Flüchtlinge, dann weil ihre absolute Anzahl steigt, sagt Thomas Bentele von der Gewerkschaft der Polizei.

Nur mit Drogen gebe es "ein bisschen ein Problem". Flüchtlinge würden am Hauptbahnhof dealen. Die Polizei gehe aber "massiv" dagegen vor. Sexuelle Übergriffe kämen vor allem in der Familie vor, "öffentliche, überfallartige Sexualdelikte" seien absolute Einzelfälle. Daran habe sich auch nach Köln nichts geändert. An Fasching grapschte eine Gruppe Nordafrikaner am Stachus Damen im Dekolleté herum. "Kein neues Phänomen", sagt Bentele, aber jetzt steht es in der Zeitung.

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