Firmen-Geschichte Knopfhändler und Kunstschätze

IHK Wirtschaftsarchiv, Leiterin Fr.Moser, 20.Januar 2011,Foto : C : Stephan Rumpf

(Foto: Stephan Rumpf)

Das Bayerische Wirtschaftsarchiv sammelt Fundstücke aus der Historie bedeutender sowie längst vergessener Unternehmen: darunter Quelle-Kataloge, in denen man noch Pudel-Welpen bestellen konnte - und die erste Bierdose Münchens

Von Katja Riedel

An Bier, so ist es unter dem Passus "Trunk" festgeschrieben, erhalte jeder Braugeselle "täglich 7 Liter". Sieben Liter, die der Geselle nur höchstselbst trinken darf, weder verschenken darf er das Bier noch mitnehmen, es ist ihm "nur zu seiner eigenen Nothdurft zugestanden". Als ein Teil des Lohnes, den der schwer arbeitende Braugeselle nur an einem einzigen Ort zu sich nehmen darf: an seinem Arbeitsplatz. So ist es vor gut 100 Jahren niedergeschrieben in Artikel 48 und 49 des Dienstvertrages zwischen "Gabriel Sedl-mayr, Brauereibesitzer vom Spaten, und dessen Dienstpersonal". Der Vertrag enthält noch einen anderen, einen bemerkenswerten Satz, er deutet auf eine hohe Trinkfestigkeit der Belegschaft hin: Betrunkenheit werde im Dienst nicht geduldet.

Das Dokument ist eines von Abertausenden Papieren und Gegenständen, die auf fast sieben laufenden Kilometern in deckenhohen Aktenschränken lagern, zwischen Aktendeckeln und in Kisten. Sie konservieren das bayerische und ganz besonders das Münchner Wirtschaftsleben. Seit 21 Jahren sammelt das Bayerische Wirtschaftsarchiv all diese Fundstücke. Die Bayerischen Industrie- und Handelskammern, besonders die Münchner, leisten sich dieses Archiv, Unternehmen und Privatleute spenden zudem, um die Sammlung wachsen zu lassen; im Stadtarchiv haben sie darum kürzlich schon weitere Flächen angemietet. Eva Moser, Wirtschaftshistorikerin und fast vom ersten Tag an Leiterin des Wirtschaftsarchivs, sagt: "Wir wollen hier nichts horten, wir wollen, dass die Dinge leben, und deshalb muss man sie auch zum sprechen bringen. "

Nur wenige Firmen geben vollständige Bestände an der Orleansstraße ab, Löwenbräu zum Beispiel. "Oft erben wir das, was die Zeitläufe zufällig überlebt hat", sagt Moser. So auch das älteste Dokument, das in den Aktenschränken schlummert, es ist zwei Jahre älter als die Entdeckung Amerikas: ein Verzeichnis der Münchner Zimmermannszunft, ein älteres Ehepaar hat es zufällig auf dem Dachboden gefunden und vorbei gebracht. Der Wert eines solches Papiers, der sei kaum zu beziffern, sagt Moser.

Regalnummer F 43 wird seit einiger Zeit besonders häufig mit einer Handkurbel geöffnet, die Schränke werden sichtbar und die drei Archivare können die Regalreihen durchstöbern. Was hier in roten Einbänden mit Goldschrift lagert, nennt Mosers Stellvertreter Richard Winkler schlicht "einen Schatz". Es sind die Geschäftsbücher eines der renommiertesten Kunsthändlers um 1900, von Julius Böhler. Angefangen hatte Böhler als fahrender Händler, der Knöpfe an das Landvolk verkaufte. Böhler stammte aus ärmlichen Verhältnissen, war das jüngste von sieben Kindern einer Handwerkerfamilie aus dem Schwarzwald. Immer wieder zahlten die Bauern, denen Böhler seine Knöpfe verkaufte, mit Möbeln oder anderen kunsthandwerklichen Gegenständen. So wurde Böhler erst zum Antiquitäten-, dann zum Kunsthändler, 1880 eröffnete er seinen ersten kleinen Laden in München. 1910 baute er dann an der Briennerstraße ein imposantes, beinahe tempelartiges Haus, eingerichtet mit wertvollsten Antiquitäten, mit Kronleuchtern und Elfenbeintürgriffen, voller Gemälde alter Meister und anderem edelsten Inventar.

All das konnten seine Kunden dort kaufen, und Böhler machte hervorragende Geschäfte: mal ein Boticelli, den er für 9000 Mark gekauft und für 75 000 an den Kunden brachte. Mal war es karolingisches Elfenbein, für das er selbst 11 000 bezahlt und 45 000 Mark erzielt hat. Es seien einmalige Einblicke in eine sonst sehr verschwiegene Szene, sagt Winkler. Mit gestochener Handschrift haben Böhler und seine Nachfolger zwischen 1880 und 1977 jeglichen Ankauf, jeden Einkaufs- und Verkaufspreis sowie Vorbesitzer und Kundennamen notiert. Darunter waren neben Industriellen wie den Henschels aus Kassel, Adligen wie Prinz Georg von Bayern, auch viele jüdische Kunden. Deswegen muss Richard Winkler die Bücher und deren digitalisierte Daten etwa jeden zweiten Tag durchsehen. Immer dann, wenn ihn Museen aus aller Welt oder Auktionshäuser wie Sotheby's oder Christie's um Hilfe bitten bei der Suche nach der Herkunft eines Kunstgegenstandes. Es geht um die sogenannte Provenienzforschung. Dabei geht es darum, Raub- und Beutekunst zu identifizieren, 44 Staaten haben sich 1998 in der Washingtoner Erklärung verpflichtet, die Herkunft aller Kunstgegenstände durchzusehen. Böhlers Geschäftsbücher können wertvolle Hinweise geben, ob sie einst einer jüdischen Familie gehörten. "Wir können sehen, was durch Böhlers Hände gegangen ist. Das ist eine Quelle ersten Ranges", sagt Winkler.

Während Archivalien wie diese dabei helfen können, lebenden Menschen zu ihrem Recht zu verhelfen, zeigen andere vor allem eines: den Zeitgeist. Der Bestand der Brillenfirma Rodenstock zum Beispiel. Zu diesem gehört auch eine Brillensammlung, Schmuckbrillen an Stäben sind dabei, Kneifer, manches Glas ist längst blind geworden. Rolf Rodenstock, der 1997 verstorbene langjährige Patriarch, hat alles ins Archiv gegeben: nicht nur Stereobilder, kleine Guckkästen, in denen die Arbeit in den Rodenstock-Fabrikationen in 3 D abfotografiert war. Nicht nur Werbetafeln mit Toni Sailer und Brigitte Bardot, die das einzige Bild der Filmdiva mit Brille zeigen. Er hat auch Privates archivieren lassen: seine Skibrille mit kleinem Playboy-Emblem, und einen seiner Tennisschläger. Skurrilitäten zum Anfassen und Aufsetzen.

Eva Moser und ihre Kollegen führen Besuchergruppen zu all diesen Schätzen, die die Historie des Oberbayerischen Wirtschaftslebens und dessen Meilensteine zeigen. Bilder von Ölbohrungen in Bad Wiessee am Tegernsee, bei denen rein zufällig übel riechendes Wasser zutage gefördert und so zufällig die stärkste Jodschwefelquelle Deutschlands entdeckt wurde. Alle Quelle-Kataloge, auch solche, in denen die Kunden noch ein halbes Schwein und einen apricotfarbenen Pudel-Welpen ordern konnten. Und, ein besonderes Stück: Die erste Bierdose Münchens, sie stammt aus dem Jahr 1950 und von Löwenbräu, man musste sie aufstechen.

All diese Fundstücke haben jedoch eines gemeinsam: Fast alle haben Männer hinterlassen. "Leitende Männer der Wirtschaft, 1941/42", ist an einem Aktenschrank zu lesen. Es habe in der Geschichte leider kaum Unternehmerinnen gegeben, bedauert auch Archivleiterin Moser. Um so stolzer zeigt sie die Abteilung "Ilse Kubaschewski" her, die Münchner Traumfabrikantin, die mit ihrem "Gloria Film" das Kino der Nachkriegsjahre prägte. Korrespondenzen, Drehbücher, Verträge mit Schauspielern und Berge voller Fotografien - all das ist von der großen Filmunternehmerin erhalten. Eine kleine Abteilung Glamour, mit Bildern aus der feinen Gesellschaft, mit Hunden, mit Pelzen, mit Männern.

Ein paar Frauen gibt es freilich auch in den Brauereibetrieben. Zu lesen etwa auf der Rückseite einer Speisekarte von Löwenbräu. Da führt die Liste des gesamten Personals von 135 Personen, samt "Veloziped-Aufbewahrer", nicht etwa der Geschäftsführer an. Unter "Nr. 1" rangiert eindeutig Frau Urschel, die Oberkellnerin.