Finanzspekulation Fest im Glauben an hohe Renditen

Blick in die evangelische Matthäus-Kirche am Sendlinger Tor in München.

Die Papiere versprachen hohe Renditen - und blendeten offenbar den Finanzchef des evangelischen Stadtdekanats. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn. Denn offenbar war das Geld nicht in sichere Unternehmen, sondern in hochriskante Anleihen investiert worden.

Von Christian Krügel und Katja Riedel

Das evangelische Stadtdekanat München hat sein Geld offenbar weit riskanter angelegt als bislang bekannt. Die vier Unternehmen, bei denen die Kirche rund 5,5 Millionen Euro investiert hatte, versprachen für die ausgegebenen Anleihen alle zwischen 7,25 und 7,75 Prozent Rendite - weit mehr also als handelsübliche "konservative Anlagen mit Risikobereitschaft", wie das die Richtlinien der Landeskirche eigentlich für solche Geschäfte vorsehen. Alle Unternehmen gingen zwischen Juli und Dezember 2013 insolvent, der evangelischen Kirche in München droht nun ein Millionenverlust. Gegen deren Finanzchef Andreas R. ermittelt die Staatsanwaltschaft München I wegen des Verdachts der Untreue.

Bei den Firmen handelt es sich nach Angaben von Stadtdekanin Barbara Kittelberger um den Online-Versandhändler Getgoods, den Müll-Verwerter FKK Environments sowie die Fotovoltaik-Hersteller Solen AG und SAG Solarstrom. Alle boten in den vergangenen Jahren sogenannte Mittelstandsanleihen an, die hohe Renditen versprachen, sich inzwischen aber weitgehend als "Schrottpapiere" entpuppt haben. Zumindest bei der Investition in die Solen AG besteht laut Gläubigervertreter Franz Wagner für Anleger nur "eine minimale Chance", noch Geld zurück zu bekommen.

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Aber die Gefahr sei absehbar gewesen: "Die Anlagerisiken sind enorm, weil es ein neues, kleines Unternehmen war und die Anleihen nahezu ohne Sicherheiten waren. Eigentlich hätte man schon bei dem enormen Zinssatz Verdacht schöpfen müssen", sagt der Münchner Rechtsanwalt.

Klarer Verstoß gegen die Richtlinien der Landeskirche

Als "Skandalinsolvenz" bezeichnen Branchenkenner auch den Niedergang von Getgoods. Der Online-Versandhändler meldete noch im Oktober, dass er 60 Millionen Euro aus Anleihen eingesammelt habe, er sei mit "frischem Geld auf Einkaufstour". Keine vier Wochen später musste das Unternehmen einräumen, zahlungsunfähig zu sein. Und die 60 Millionen Euro schuldet Getgoods nun Anlegern.

Ein Investment des evangelischen Stadtdekanats in solche Firmen wäre ein klarer Verstoß gegen die Anlagerichtlinien der Landeskirche. Denn das Dekanat verwaltet auch Geld aus der Kirchensteuer und der Kirchengemeinden, und deshalb sei "grundsätzlich eine konservativ-nachhaltige Geldanlage mit zeitnaher Liquidität und mit höchstmöglicher Sicherheit" zu verfolgen, wie Stadtdekanin Barbara Kittelberger noch am Mittwoch bei einer Pressekonferenz sagte.

Offenbar hatte sie aber bereits im Herbst Hinweise darauf, dass Finanzchef Andreas R. mit dem Geld deutlich mehr gewagt hatte als erlaubt war. Und offenbar glaubte dieser auch an einen Erfolg: Jahrelang hatte das Stadtdekanat Renditen von rund 2,5 Prozent erwirtschaftet, für 2013 waren plötzlich 4,1 Prozent angekündigt worden.

Auf Nachfrage der SZ bestätigte Kittelberger am Freitag, dass sie bereits Mitte November ihren inzwischen beurlaubten Finanzchef bei der Staatsanwaltschaft angezeigt habe. Dies habe sie "aufgrund der Schadenshöhe" und in Rücksprache mit dem Dekanatsbezirk getan. Die Verantwortlichen des Dekanatsbezirks habe sie in einer nicht öffentlichen Sitzung informiert, ebenso laufend die Mitarbeiter des Kirchengemeindeamtes. Dort galt Finanzchef Andreas R. nach Angaben von Mitarbeitern als überaus beliebt, entsprechend verstört sei man durch die Vorfälle. Auch die Frage nach einem Versagen der Kontrollgremien werde gestellt.

Personelle Konsequenzen? Die Frage stellt sich derzeit nicht

Darauf angesprochen verweist Barbara Kittelberger auf das Ergebnis eines Prüfberichts, der Mitte Februar vorliegen solle. Die Frage nach persönlichen Konsequenzen stelle sich derzeit nicht. Unmittelbarer Vorgesetzter von Andreas R. sei der Leiter des Kirchengemeindeamtes Heinz W., "erst dann bin ich zuständig". Heinz W. ist derzeit krank gemeldet.

Die Staatsanwaltschaft München I bestätigt, dass Ermittlungen gegen Andreas R. laufen. Für eine Einschätzung, ob es zu einer Anklage wegen Untreue kommen könnte, sei es derzeit noch zu früh, und dazu wolle man sich aus ermittlungstaktischen Gründen nicht äußern.

Kittelberger versucht derweil, Sorgen in den Kirchengemeinden zu zerstreuen, die Millionenverluste hätten Konsequenzen für deren Arbeit. Alle geplanten Baumaßnahmen etwa seien finanziell gesichert, die Kirchengemeinden müssten keine Verluste fürchten. Das sei auch am Donnerstag bei einer Besprechung mit Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler vereinbart worden.

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