Filmforschung Mit Pulsuhr ins Kino

Florian Gampert freut sich, dass seine Methode funktioniert.

(Foto: Stephan Rumpf)
  • Als Diplomarbeit an der Münchner Design-Akademie U5 hat Florian Gampert eine Uhr entwickelt, die den Herzschlag von Kinozuschauern misst.
  • Hollywoodstudios testen eine ähnliche Technik. Solche biometrischen Daten wollen sie in Zukunft zu Marketingzwecken nutzen.
  • Der 21-Jährige Gampert will vor allem Filmbewertungsportale wie IMDb verbessern - und Filmkritiken objektiv machen.
Von Jutta Czeguhn

Auch wer den Ruhepuls eines Hannibal Lecters hat, wird bei dieser Filmsequenz in "The Revenant" Herzrasen bekommen: Da stürzt dieser Grizzly aus dem Nichts und beginnt, Leonardo di Caprio zu zerfleischen. Bei 100 Testzuschauern hat das Hollywoodstudio 20th Century Fox den Puls fühlen lassen. Bei den meisten begann das Herz während der Bär-Attacke zu galoppieren. Künftig will das Studio solche biometrischen Daten zu Marketingzwecken nutzen.

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Ob es ihn nicht wahnsinnig wurmt, dass ihm die Amerikaner da zuvorgekommen sind? Florian Gampert zuckt mit den Schultern, grinst durch seine Brillengläser. Der 21-Jährige ist extrem entspannt: "Doch schön, dass es funktioniert, da fühlt man sich bestätigt." Vor einem Jahr hatte er in seiner Diplomarbeit an der privaten Münchner Design-Akademie U5 das Konzept zu einer Pulsuhr vorgestellt, die "absolut authentische Filmbewertungen" liefern soll. Gamperts Projekt ähnelt auf frappierende Weise den Fox-Tests zu "The Revenant". Zufall eben, sagt er. Den jungen Kommunikationsdesigner wundert viel eher, dass nicht schon früher jemand auf den Dreh gekommen ist. Technisch ist das alles längst ja kein Problem mehr, da jeder eine Smartwatch mit Activity-Tracker-Funktion und allen möglichen Health-Apps am Handgelenk hat.

Auf die klassische Filmkritik verlässt er sich nicht mehr

Auch Florian Gampert trägt so ein Ding, er ist ein Technik-Freak - und Filmenthusiast. Seine All-Time-Favourites sind das Gefängnisdrama "Shawshank Redemption" und Tarantinos Sklavenwestern "Django Unchained". Wie die meisten Leute seiner Generation, verlässt er sich nicht mehr auf die Filmkritik alter Schule. Gampert orientiert sich auf Informationsportalen wie IMDb.com, wo Zuschauer Filme auf einer Sternchen-Skala bewerten. Aber auch da gilt: "Letztlich ist das alles subjektiv", sagt Florian Gampert.

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Die Idee für seine Diplomarbeit, Projektname "Puls", war geboren. Er wollte für IMDb eine Methode entwickeln, die neutrale, unverfälschte Bewertungen liefert. Sein Ausgangsgedanke: Den Emotionen, die sich über körperlichen Reaktionen ausdrücken, ist noch am ehesten zu trauen. Für die erste Puls-Versuchsreihe schnallte er fünf Freunden Herzfrequenz-Brustgurte um und ließ sie Filme anschauen. Aktion, Drama, Thriller, Horror, Komödie, jedes Genre bekam einen speziellen Puls-Algorithmus. "Das funktioniert wie bei einer Trainings-App", erklärt er.

Sensoren des Pulsarmbands sollen im Kino die Herzfrequenz der Tester messen

Für die Diplom-Arbeit aber musste alles noch verfeinert werden: Die IMDb-Kritiker sollten nicht wie sonst zu Hause vor dem Rechner sitzen und dort via Netflix Filme ansehen. Die Testergebnisse wären zu leicht zu manipulieren. Ganz altmodisch, so Florian Gampert, sollten sie sich deshalb am Kino-Donnerstag ins Kino begeben und auf zwei exklusiv für sie reservierten Sitzreihen Platz nehmen. Statt Brustgurt würden sie speziell designte, günstige Pulsarmbänder tragen. "Über zwei Sensoren werden die Emotionen des Körpers gemessen", erklärt er das Prinzip, "und dann werden sie in eine aussagekräftige Puls-Bewertung umgewandelt. Die Summe aller Personen ergibt eine unverfälschte Bewertung für alle Zielgruppen."

Marktreif wurde "Puls" nie. "Einfach keine Zeit", sagt Gampert, der nach dem Diplom gleich einen Job bekam. Dabei waren bei seiner Abschlusspräsentation an der U5 Professoren wie Werbeprofis auch visuell von der Herzmethode überzeugt: Gampert fotomontierte Darth Vader in einen Kinosessel und verdonnerte ihn dazu, sich eine neue "Star-Treck"-Folge anzusehen. Die Pulsuhr, so legt das Foto nahe, lässt sich selbst von einem Eisbrocken wie ihm nicht austricksen: Der dunkle Lord aus den "Star Wars" findet die Konkurrenz faszinierend.

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