Mit dem Drama "Winterreise" wird das 24. Filmfest München eröffnet. Regisseur Hans Steinbichler über einen schweren Film und schwierige Väter.
Es ist eine Gala der Seelenqual: Am Freitag startet das 24. Filmfest München mit Hans Steinbichlers Drama "Winterreise" - einem fulminanten Solo für Josef Bierbichler, der den manisch-depressiven Pleite-Unternehmer Brenninger bis an die Grenze des physisch Erträglichen spielt. Dieser Brenninger peinigt seine Familie mit extremen Launen. Kenianische Betrüger bringen ihn um sein letztes Geld. Verzweifelt reist er nach Afrika - und am Ende zu sich selbst. Bierbichler war schon in Steinbichlers viel gelobtem Debüt "Hierankl" zu sehen, der beim Filmfest 2003 mit dem Förderpreis Deutscher Film ausgezeichnet wurde.
Der Pleitier Brenninger alias Josef Bierbichler im Bordell. (© Foto: X Verleih)
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SZ: Die "Winterreise" zur Eröffnung des Sommerfestivals - ist das nicht ganz schön hart?
Steinbichler: Ich finde diese Entscheidung von Festivalleiter Andreas Ströhl bewundernswert, weil der Film dem Zuschauer etwas abringt. Man kann ihn nicht nehmen, um so ganz easy in ein Festival zu gleiten. Es ist ein Statement, wohl auch ein Versuch, sich gegenüber der Berlinale zu positionieren und zu zeigen, dass man hier auch was zu sagen hat, nicht nur eine Abspielstation ist. In den vergangenen Jahren wurde oft Mengenlehre betrieben - man wollte alles abdecken. Jetzt spaltet so ein Film einfach mal. Finde ich gut.
SZ: Und Sie kehren dorthin zurück, wo Ihr Erfolg begann.
Steinbichler: Für mich ist das der Wahnsinn. Nach meinem Erstling "Hierankl" ist es mir wichtig zu zeigen, dass was weitergeht, und zwar nicht versteckt in einer Nische. Aber vielleicht sitzt da ein Publikum, das ganz andere Erwartungen hat an so einen Eröffnungsfilm. Jetzt gibt's halt voll einen drauf. Knock-out am ersten Abend!
SZ: Warum ist der Film so schwer geworden?
Steinbichler: Das ursprüngliche Drehbuch war stark von der Geschichte getragen, der Film ist von den Stimmungen getragen. Die Geschichte ist nur die Hefe. Ich muss gestehen: Mich interessiert dieser Betrugs-Plot überhaupt nicht als Filmemacher. Das kann lustig sein für einen Krimi, aber das wollte ich nicht erzählen. Ich wollte einen Menschen zeigen, der einen umfängt in seinem Handeln. Ich habe versucht, etwas auszuloten, jemandem etwas zuzumuten.
SZ: Meinen Sie mit diesem Menschen die Figur Brenninger oder den Schauspieler Bierbichler?
Steinbichler: Den Schauspieler, und in ihm die Figur. Mein Interesse an diesem Film war, den Sepp Bierbichler auszuloten. Wirklich: so ein Senkblei reinzuhängen und runter-, runter-, runterzugehen damit. Und dann noch weiter runter, bis man echt auf den Grund kommt. Deshalb ist "Winterreise" so schwer geworden. Weil der Sepp agiert, dass man es kaum aushält. In den ersten fünf, zehn Minuten kommt er einem als Mensch sofort so nahe, dass man ihn nicht mehr wegschieben kann. Es ist absolut interessant, ihm beim Spielen zuzusehen.
SZ: Wie haben Sie ihn so weit gebracht? Er gilt ja als eher schwierig.
Steinbichler: Der Sepp spielt nichts, was er nicht denken kann, wozu er in sich nichts finden kann. Da ist er nicht stur oder borniert, damit schützt er sich wie mit einem Filter. So kommt nichts aus ihm heraus, was einen falschen Ton hat. Es ist aber nicht so, dass er nur Sachen spielt, die er ist. Er kann sich auch in andere Charaktere versetzen. Und so unbequem bärbeißig wie er wirkt, so genau kann man mit ihm sein, sehr genau sogar. Da spricht man über Nuancen eines einzigen Wortes. Das sind lange Auseinandersetzungen, in denen alles immer genauer wird.
SZ: Und beim Drehen?
Steinbichler: Manche Szenen kann man nur einmal machen. Zum Beispiel, wie Brenninger in seiner Werkstatt wütet, und alles stürzt auf ihn ein. Das dreht man, und fertig - so eine Intensität lässt sich nicht wiederholen. Ich habe mit Sepp Bierbichler keine Hemmungen.
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