Filmfest München Markus Söder "überzeugt doch nur Dummbratzen"

Armin Rohde fotografiert Fotografen, ehe er sich auf dem Filmfest über Politik äußert. Rechts neben ihm steht Karen Böhne auf dem roten Teppich.

(Foto: Andreas Gebert/SZ)

Das glaubt zumindest Schauspieler Armin Rohde. Auch sonst geht es beim 36. Münchner Filmfest verbal ordentlich zur Sache. Offenbar haben viele in der Branche einen gemeinsamen Gegner ausgemacht.

Von Philipp Crone

Solche Äußerungen sind ungewöhnlich auf dem Filmfest. "Sehr unzufrieden", "indiskutabel", "schmerzfreier Karrierist" ist zu hören auf den ersten Empfängen und Premieren. Ein Rundgang in den ersten Tagen, mit ganz neuen Tönen.

Um zu verstehen, dass dieses 36. Filmfest eine andere Stimmung hat als die allermeisten Vorgänger, braucht es einen kurzen Rückblick. Die Eröffnung am Donnerstag ist meist eine Aneinanderreihung wohlwollend belangloser Reden, in denen die Partner wie etwa der Freistaat Bayern oder die Stadt München sich selbst und ihre Unterstützung loben. Dann schauen alle den Film an, finden ihn meistens ok, haben auf jeden Fall etwas auszusetzen, allein schon um Filmkompetenz zu zeigen.

Bei den Empfängen der nächsten Tage wird dann der Eindruck vermittelt, dass es einem selbst und der Branche gut geht. Ob das nun Darsteller, Produzenten oder Regisseure sind, Filmschaffende können sich gut darstellen, gehört zum Beruf. Martin Moszkowicz etwa, Chef der Constantin Film, ist ein Profi darin, seine Firma in einem guten Licht dastehen zu lassen und dabei auch noch kompetent über die Branche und ihre Entwicklung zu parlieren. Am Freitagabend beim Screening der von Constantin für Netflix und ZDFneo produzierten Serie "Parfum" steht Moszkowicz allerdings mit ernster Miene neben dem roten Teppich. Moszkowicz ist sauer, und zwar auf das Land Bayern, und sagt auch manches, was man nicht zitieren darf.

Kulturreferent Küppers greift Söder scharf an

Bei der Eröffnung des Münchner Filmfests steht der Ministerpräsident teilweise unfreiwillig im Mittelpunkt. Von Christian Mayer mehr ...

"Wir sind sehr unzufrieden mit der gegenwärtigen Situation", sagt er. In einem Moment, in dem vor wenigen Tagen Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) eine Aufstockung der Filmfestförderung um drei Millionen Euro angekündigt hat und sich selbst in Dauerschleife als Cineast bezeichnet, konstatiert Moszkowicz, dass er Teile seines Unternehmens, der größten Film-Firma der Stadt, nach Köln oder Berlin verlegen wird, "wenn sich nicht bald etwas ändert".

Zum einen seien die Lebenshaltungskosten gerade in München immens gewachsen und das treffe viele in der Branche. "Wir haben mittlerweile bei jedem Projekt Schwierigkeiten, Personal zu finden, ob Aufnahme- oder Produktionsleiter, Ausstatter oder Cutter." Da suche man jetzt immer schon in ganz Europa. Noch mehr ärgert Moszkowicz allerdings die Bayerische Landesbank, die "eigentlich Firmen wie die Constantin bei Finanzierungen unterstützen sollte". Derzeit habe die Bank jedoch mehr mit sich selbst und internen Aufarbeitungen zu tun, als damit, bei Filmprojekten zu helfen. "Dabei hat die Constantin die beste Bonität, die man sich vorstellen kann."

Die ersten Darsteller postieren sich im Mathäser auf dem roten Teppich für die Fotografen, während Moszkowicz sagt: "Wenn wir schlecht behandelt werden, muss ich mir was überlegen, das Verhalten der Bayerischen Landesbank ist indiskutabel." Es gebe demnächst einen Termin im Wirtschaftsministerium und der Staatskanzlei, aber andere Landesbanken würden seine Firma derzeit bereits umwerben.

So deutlich gedroht hat Moszkowicz noch nie, aber er kann natürlich trotzdem im nächsten Moment auf sein Fotogesicht umschalten. Und über die Kapazitäten auf dem Bavaria-Filmgelände oder den überfälligen ultraschnellen Internetknoten, wie es ihn in Soho in London oder im Silicon Valley gibt, hat er da noch gar nicht gesprochen. Noch gehe es den großen Filmfirmen in München gut, aber den kleinen schon nicht mehr. Moszkowicz schaut sich die Teppich-Szenen an, diese liebliche Belanglosigkeit hat etwas Tröstendes. Fotografen, die Schauspielernamen laut vorbuchstabiert bekommen, Schauspieler, die Selfies vor den Fotografen machen und Filmfestchefin Diana Iljine, die im Glitzerkleid herbeischreitet.

Darsteller August Diehl schüttelt den Kopf bei der Frage, ob das Filmfest die Berlinale übertrumpfen soll, wie Söder das vor hat. "Darum geht es doch gar nicht, aber ich habe ohnehin das Gefühl, dass der Herr vieles missversteht." Im Kinosaal sitzt Produzent Günter Rohrbach. Er war nicht bei der Eröffnung, auf der Kulturreferent Hans-Georg Küppers Söder attackierte. "Die Eröffnung ist mir zu langweilig mit den Reden, und den Herrn Söder will ich schon gar nicht sehen." Licht aus, Film ab, es sind wunderbare Aufnahmen, bedrohlich und geheimnisvoll. Eine tote nackte Frau im Pool, ein Kind und ein verzweifelter August Diehl als Vater. Düster und kraftvoll, irgendwie passend zur Situation abseits der Leinwand.

Dort geht es am Samstag beim Empfang der Schauspiel-Agenturen Scenario und Reuter zunächst harmlos weiter. Veronica Ferres macht exakt sieben Schritte aus der Limousine, bevor sie von Autogrammjägern entdeckt wird, die sich schnell von Wolfgang Fierek abwenden, obwohl der auf seiner Zündapp posiert. Ferres dreht gerade ein Crime-Format für den Sender TLC, "der in Europa Fuß fassen will". Sie muss um fünf Uhr zum Dreh aufstehen, vor ihr stehen ein Cappuccino und ein Espresso. Nachdem sie von ihrem Cameo-Auftritt in einem Film von Keanu Reeves erzählt hat, sagt Ferres zur Kritik von Moszkowicz: "Die Constantin ist doch so nur in München denkbar. Das war ein Weckruf, dafür, dass das alles nicht selbstverständlich ist mit der starken Medienbranche in dieser Stadt."

Einige Stunden später liegt am Samstagabend der nächste rote Teppich auf der Praterinsel aus, der "Audi Directors Cut" und "Movie meets Media" haben geladen zu Häppchen, verbalen und kulinarischen. Kameramann Gernot Roll erinnert beim Thema Filmstandort Bayern daran, dass "die erste regionale Filmförderung von Franz Josef Strauß ins Leben gerufen wurde", dem Mann, der einmal beim jungen Söder als Plakat im Zimmer hing.

Schauspieler Friedrich Mücke kommt vorbei, noch ganz beeindruckt von dem Film "Yung", den Henning Gronkowski über "krass selbstbewusste Frauen in Berlin" gemacht hat. Mücke hat die Diskussionen der vergangenen Tage ebenso wenig verfolgt wie Maximilian Brückner, der gerade von seinem Hof kommt, wo er noch eine Abwasserleitung verlegt hat. Armin Rohde hingegen war wie auch Jutta Speidel bei der Eröffnung. Speidel überlegt, dann reißt sie sich zusammen und sagt nur: "Küppers war wunderbar!" Rohde steht in Lederhose und Lederlatschen zwischen lauter Sommerkleiderfrauen und sagt: "Wie Küppers Söders Asyl-Irrsinn angegriffen hat, toll! Aber ich habe leider auch erkennen müssen, wie schmerzfrei so ein Karrierist wie Söder das wegsteckt." So dämlich, wie der Politik mache, "überzeugt er doch nur Dummbratzen".

Und so bleibt der Eindruck, dass eine Branche, die sich normalerweise vor allem gerne um sich selbst dreht, im Zweifel auch klar Stellung beziehen kann.