Filmfest Der München-Dreh

Bryan Cranston als Motivationscoach, Sibel Kekilli schwer verliebt, verzweifelte Fans und ein Harley-Wettstreit: Im Termin-Trubel beim Filmfest geht es um Ausdauer, Talent, Geduld - und um Glück

Von Philipp Crone

Wie soll Bryan Cranston darauf reagieren? Gerade hat der frühere Münchner Opernintendant Sir Peter Jonas in seiner Rede den 61-jährigen Schauspieler aus der TV-Serie "Breaking Bad" als "die künstlerische Revolution" bezeichnet, "die dieses Jahrhundert eingeleitet hat", und anschließend erzählt Regisseurin Robin Swicord, mit der Cranston gerade "Wakefield" gedreht hat, von einem Drehtag, an dem er mit Kunstbart und -haaren, hungrig, abgemagert und nackt bei Minusgraden eine Szene gedreht hat, in der er ins eiskalte Wasser muss und davor immer wieder hinfällt. Ein eisenhartes Genie also, müssen die 900 Premierengäste im Orff-Saal denken, betritt da die Bühne. Und Cranston? Zieht den rechten Mundwinkel hoch, dankt - und legt los. Zwei Minuten später möchte wohl jeder im Saal Schauspieler werden, zumindest aber bleiben und endlich den Durchbruch schaffen.

Cranston gibt am Freitag den feurigen Motivationscoach, ermutigt die Branche, an das eigene Talent zu glauben, Geduld zu haben und Ausdauer. Aber eine Sache brauche man eben auch: "etwas Glück". Und wo, wenn nicht auf dem Filmfest, können Darsteller, Regisseure oder Produzenten ihr Glück ein bisschen erzwingen? Wenn man Premieren und Empfänge des ersten Wochenendes besucht, ist aber auch die Frage: Was ist hier eigentlich Glück?

Für manche schon einmal, dass sie als Schauspieler erkannt werden, was bei der "Tigermilch"-Premiere am Freitagnachmittag den wenigsten der Jungdarsteller vergönnt ist. Die Fotografen stecken die Köpfe zusammen und versuchen, Marvin Linke, den 25-jährigen "Ostwind"-Hauptdarsteller von Tigermilch-Schauspieler Emil Belton zu unterscheiden. Nur Produzent Oliver Berben hat den Überblick, und sagt zum 15-jährigen David Ali Rashed, der ihm bis zum Einstecktuch reicht: "Schon wieder gewachsen?"

Zur gleichen Zeit an diesem Nachmittag haben sich die Autogrammjäger längst neben dem roten Teppich am Gasteig auf Campingstühlen niedergelassen, als Cranston ankommt, sind es 52 Fans, die zusehen, wie der US-Darsteller in einem Oldtimer auf den Platz chauffiert wird. Beim Zurücksetzen erwischt der Fahrer beinahe Juwelier Thomas Jirgens, der gerade noch zur Seite springt, um dann zu sehen, dass die von ihm mit schwerem Ohrgehänge ausgerüstete Filmfestchefin Diana Iljine den Gast elegant begrüßt, ehe der sich den Fans zuwendet. Eine junge Frau schwankt vor Ekstase, als Cranston ihr einen Kuss auf die Wange drückt, und ist im nächsten Moment am Boden zerstört, weil das Foto mit ihm nichts geworden ist. "Mister Cranston, the foto didn't work", schluchzt sie ihm nach. Aber Cranston muss zu den Mikrofonen, um von seinem deutschen Opa zu erzählen, der Konditor war, seinem ersten Besuch in Deutschland, nach dem er Polizist werden wollte. Hat die geküsste Frau nun Glück gehabt oder Pech? Eineinhalb Stunden später sitzt sie noch immer da und blättert ihre Handyfotos durch.

In Schwabing geht es deutlich routinierter zu. Die Filmfirma Degeto hat in den Kaisergarten geladen, und einige Passanten machen es sich mit einem Eis oder Wegbier auf dem Bürgersteig gemütlich, um den Darstellern beim Versuch zuzusehen, vor einer Fotowand gut auszusehen. Produzentin Julia Jäger groovt im seitlichen Moonwalk über den Teppich, passend zur Serie, die sie hier vorstellt, "die beknackteste", also die namens "König von Berlin" mit Florian Lukas in der Hauptrolle. Der sucht lieber nach Häppchen, berichtet vom Dreh der vierten "Weissensee"-Staffel, die im April zu sehen sein wird, und befindet, dass "in Berlin sowieso jeder ein König" ist, dass er aber in keiner anderen Stadt so viele Freunde hat wie in München.

Zur gleichen Zeit, also um etwa halb neun am Abend, steht Sibel Kekilli im Bayerischen Hof zusammengequetscht neben Produzenten und Filmemachern bei der "Casting Night" und schwärmt von München, als würde sie gerade für einen Heimatfilm gecastet und müsse sich in die Stadt schwer verlieben. So schnell und nett geduzt würde man nirgendwo sonst. Zum Beispiel von Maximilian Brückner, der mit Rucksack, T-Shirt und Motorradhelm - er kommt direkt von seinem Dorf - zwischen den Damen in Abendkleidern das Buffet sucht und die vorzügliche Ochsenschwanzpraline. Ein feiner Imbiss und ein Glas Champagner, auch das ist Glück, auf jeden Fall für den Biker-Brückner.

Dass man auf dem Filmfest keine Rollen bekommt als Darsteller, hat sich längst rumgesprochen, dass man zufällig auf jemanden trifft, der mit seiner Hauptrolle gerade auf einen gewartet hat, ist so wahrscheinlich wie ein tiefgründiges Gespräch im P1; stattdessen zelebrieren alle die Wiedersehensfreude, etwa am Samstagvormittag beim Agenturenfest im H'ugo's. Und man vergleicht sich natürlich. "Snowden"-Produzent Philip Schulz-Deyle muss über die Sportster-Harley von Darsteller Jonathan Beck lächeln, 1200 Kubik, er selbst hat seine 1690-Kubikzentimeter Maschine daneben geparkt, eine Soft-Tail-Slim, wobei Wolfgang Fierek erst ab Hubraum 2000 einsteigt, bei den Big-Twin-Geräten. Wenn man sich über die Harleys unterhält, kann es um die Branche nicht so schlimm stehen. Michael Brandner schaut sich trotzdem mit ernstem Blick um, er sieht zwar qualitativ in der Branche Fortschritte, aber der Umgang miteinander habe gelitten, der Respekt vor Darstellern und Regisseuren sei verloren gegangen, und dann das dauernde Geduze ...

Moritz Bleibtreu steht derweil vor dem Gloria-Kino bei der Premiere der Schuld-Serie, unterschreibt ein Foto, und auf das "Danke dir" des Fans kommt "Danke dir" von Bleibtreu. "Kinder!" ruft Iris Berben über das Gedrängel auf dem Teppich, während Bleibtreu auf einem dicken Buch unterschreibt, das sein Bild auf dem Cover hat und den Titel "Traumberuf Schauspieler". Traumberuf? Wenn man Glück hat.