Filmaufnahmen in Pflegeheimen "Das war Misshandlung"

RTL-Sendung deckt Missstände in Altenheimen auf.

(Foto: RTL/Bildschirmfoto)

Ein Pfleger zerrt einen alten Mann aus dem Bett: Solche Bilder aus dem Münchner Pflegeheim St. Josef waren bei der RTL-Sendung "Team Wallraff" zu sehen. Nun kündigt der Münchenstift-Chef personelle Konsequenzen an. Intern sei das Heim schon länger als Problemfall bekannt gewesen.

Von Bernd Kastner

Was eine Reporterin von RTL mit versteckter Kamera in einem Münchner Pflegeheim gefilmt hat, soll personelle Konsequenzen haben. "Das war Misshandlung" - so kommentiert Siegfried Benker, Geschäftsführer des städtischen Altenheimträgers Münchenstift, die Bilder, die in der Sendung "Team Wallraff" aus dem Haus St. Josef zu sehen waren.

Gezeigt wurde etwa ein Pfleger, der einen dementen, sich wehrenden Bewohner aus dem Bett zerrt, um ihn zum Essen in einen Rollstuhl zu setzen; man sah Pfleger, die einen schwer kranken Patienten so stark am Körper abrubbeln, dass Verletzungsgefahr besteht; gefilmt wurde eine Pflegerin, die eine aus dem Bett gefallene Frau, hilflos auf einem Kissen am Boden liegend, mit ihrem Handy fotografiert.

"Mit Erschrecken" habe er dies am Montagabend gesehen, sagte Benker am Dienstag. Bewohner seien offenbar "würdelos und wenig wertschätzend behandelt" worden. Solche Vorkommnisse würden "absolut nicht toleriert", er werde "sehr scharf reagieren". Für die im Film gepixelt zu sehenden Mitarbeiter werde das Gezeigte "zu unmittelbaren personellen Konsequenzen führen".

Ein Bewohner hatte starke Hämatome unter beiden Augen

"Team Wallraff" in Altenpflegeheimen Würdevolle Sendung über würdeloses Leben

RTL schickt eine Reporterin mit versteckter Kamera in Pflegeheime. Die Sendung widersteht größtenteils der Versuchung, die Dramen noch zu inszenieren - die Fernsehzuschauer bekommen trotzdem eklatante Missstände zu sehen.

Das entspreche den internen Regeln. Die Aufnahmen mit versteckter Kamera hat eine Reporterin gemacht, die als Praktikantin eine Woche lang im Haus St. Josef am Luise-Kiesselbach-Platz gearbeitet hat. Laut Benker war dies bereits im September 2013. Unabhängig von der RTL-Recherche sei dieses Heim damals bereits intern als Problemfall bekannt gewesen: Weil die Organisation der Pflege dort nicht den Standards des Münchenstifts entsprochen habe, habe er vor einem halben Jahr die Hausleitung entlassen und später eine neue installiert.

Auch das Leitungsteam sei teilweise neu.

In dem RTL-Beitrag ist auch zu sehen, dass die Polizei gerufen wurde, weil ein Bewohner starke Blutergüsse unter beiden Augen hatte, sogenannte Brillenhämatome. Diesen Polizeieinsatz habe er selbst angewiesen, sagte Benker, nachdem er von der damaligen Hausleitung über den Verdacht informiert worden sei, dass der betagte Mann womöglich geschlagen oder misshandelt worden sei.

Kein Verdacht auf Fremdverschulden

Über solche Verdachtsfälle lasse er sich generell sofort informieren, erläuterte Benker. Unerklärbare Hämatome seien "immer ein Grund, genauer hinzusehen". Die Hämatome seien anschließend von einem Arzt untersucht sowie von Polizei, Heimleitung und Heimaufsicht geprüft worden. Es habe sich kein Verdacht auf Fremdverschulden ergeben.

Das Kreisverwaltungsreferat, bei dem die Heimaufsicht angesiedelt ist, teilte mit, dass man aufgrund der neuen Vorwürfe das Heim erneut überprüfen werde. Auch mit Polizei und Staatsanwaltschaft habe man Kontakt aufgenommen.

Der Chef der Münchenstift GmbH, ein Tochterunternehmen der Stadt, betont, dass die Vorfälle in der einen Abteilung von St. Josef nicht verallgemeinert und alle Beschäftigten kollektiv verdächtigt werden dürften. Der gemeinnützige Träger beschäftige 1700 Mitarbeiter, die 2100 pflegebedürftige Menschen betreuten.

Man erfülle den vorgegebenen Pflegeschlüssel, dieser aber stelle eine "organisierte Unterversorgung" dar, sagt Benker: Pro Bewohner bleibe so nur wenig Zeit. Es sei deshalb in den Heimen "jeden Tag ein neuer Kampf", eine gute Pflege auf die Beine zu stellen.

Dazu gehöre auch das Bestreben, möglichst auf Bettgitter zu verzichten, da diese eine freiheitsentziehende Maßnahme darstellten. Deshalb könne es vorkommen, dass Patienten aus dem Bett fallen. Verletzungen wolle man vorbeugen, indem ein sogenanntes Niederflurbett nachts ganz nach unten gefahren und vor das Bett ein Kissen gelegt werde. In diesen Fällen fänden die nächtlichen Kontrollbesuche der Pfleger in kürzeren Intervallen statt. Einen herausgefallenen Bewohner aber in solch einer unwürdigen Situation zu fotografieren, das sei nicht tolerierbar, sagte Benker.