Film über Migrantinnen Stimmen der Sehnsucht

Wenn das Geld fließt, aber dafür eine Familie zerrissen wird: Für den Film "Töchter des Aufbruchs" haben Münchner Migrantinnen ihre Lebensgeschichten erzählt - und die verlaufen oft ganz anders als die von männlichen Einwanderern.

Von Lisa Sonnabend

Film-Trailer "Töchter des Aufbruchs" - Lebenswege von Migrantinnen

Trailer zum aktuellen Film der Münchner Regisseurin Uli Bez.

(Video: bezmedien)

Als Zaara Araar 1969 aus Tunesien nach München gelangte, kannte sie das Wort Rindfleisch nicht. Im Supermarkt stellte sie sich an der Theke an und machte: "Muh." Als Stavroula Kling 1963 aus Griechenland am Münchner Hauptbahnhof ankam, um künftig bei Siemens zu arbeiten, hatte sie so viel Gepäck dabei, dass sie immer einen Koffer ein paar Meter nach vorne trug, dann wieder zurücklief, um den zweiten nachzuholen. Als Eleni Tsakmaki und ihr Ehemann aus Griechenland nach München zogen und Kinder bekamen, brachten sie diese schon bald zu Verwandten in die Heimat, um weiter Geld verdienen zu können. In den ersten fünf Jahren hat Eleni Tsakmaki ihre Kinder nur vier Mal besucht.

Zaara Araar, Stavroula Klein und Eleni Tsakmaki kamen vor Jahrzehnten als Gastarbeiterinnen nach München - und haben für die Dokumentation "Töchter des Aufbruchs" ihre Lebensgeschichte erzählt. Wie sie zwar schnell Geld verdienten, aber gegen ihre Sehnsucht kämpften, wie sie an Grenzen stießen und wie sie lernten, sich mit der zweiten Heimat zu arrangieren. Das Besondere an dem Film: Er widmet sich ausschließlich Frauen mit Migrationshintergrund, denn die haben meist ganz andere Erfahrungen gemacht als Männer.

Migrantinnen leiden oft sehr darunter, dass ihre Familien zerrissen wurden. Viele haben wie Eleni Tsakmaki ihre Babys nur wenige Wochen nach der Geburt zurück ins Heimatland geschickt, um weiter in Deutschland arbeiten und die Familie daheim finanziell unterstützen zu können. Die Sehnsucht nach der Familie ist für viele nur schwer zu ertragen gewesen und das Verhältnis zu ihren Kindern oft bis heute distanziert geblieben.

Kein Weg war einfach

Regisseurin Uli Bez ist ein eindringlicher Film gelungen. Auf eine Off-Stimme verzichtet die 55-Jährige, eine Handlung gibt es nicht. Stattdessen sitzen die Darstellerinnen ruhig auf einem Stuhl und erzählen von sich. Ihre Lebensberichte gehen nahe. "Wir wollen selbstbewusste Migrantinnen zeigen, die ihren Weg gemacht haben", sagt Bez. Einfach war der Weg jedoch für keine der Darstellerinnen.

Der Film "Töchter des Aufbruchs", der vom Frauennotruf München produziert wurde, ist bereits 2010 fertiggestellt worden. Er lief jedoch eher schleppend an. Vor ein paar Monaten haben Bez und die Darstellerinnen beschlossen, die Vermarktung in die Hand zu nehmen und haben auf Eigeninitiative zahlreiche Festivals angeschrieben. Das Interesse für die Geschichten der Migrantinnen ist nun da. "Töchter des Aufbruchs" wurde bereits in mehreren deutschen Städten gezeigt - und ist nun am Sonntagvormittag bei der Griechischen Filmwoche sowie am 11. und 17. November im Rahmen des Frauenfilmfestes Bimovie in München zu sehen.

Wenige Tage vor den Vorführungen sitzt Stavroula Kling, die Frau mit den zwei Koffern, im Stadtcafé im Zentrum von München. Kling sagt: "Der Film ist eine einzige Geschichte, erzählt von mehreren Frauen." Denn alle Frauen aus dem Film haben Ähnliches erlebt: Zerrissenheit, Sehnsucht, Verluste, Kämpfe.

Die 68-Jährige sagt, die ersten Jahre in Deutschland habe sie sich als Griechin unter Fremden gefühlt, dann habe sie sich lange gleichermaßen beiden Ländern verbunden empfunden - und nun sei sie angekommen in ihrer zweiten Heimat. Eines Tages will sie in München beerdigt werden.

Ihre Eltern haben bis zu deren Tod gehofft, dass Kling eines Tages wieder nach Griechenland zurückkehren würde. Kling hat sie immer vertröstet: "Wenn ich nicht mehr arbeite, komme ich wieder." Doch was sie verschwieg: Sie war bereits in Rente.

Lebensmittelpunkt ist Deutschland

Auch die 27-jährige Roula Balhas ist zu dem Treffen ins Café gekommen. Sie gelangte 1986 mit ihren Eltern und Geschwistern aus dem Libanon nach Deutschland. Sie gehört der zweiten Generation von Migranten an, ihre Erfahrungen ähneln denen der Gastarbeiter aus den sechziger und siebziger Jahren, auch wenn sie es leichter haben: Denn ihr Lebensmittelpunkt liegt in Deutschland, Familie werden nicht mehr zerrissen.

Manchmal fühlt allerdings auch Balhas sich nicht ganz angekommen. "Oft habe ich das Gefühl, dass mir die Leute nicht auf Augenhöhe begegnen", sagt Balhas. Als sie ihr Studium der Politologie in München begann, habe sie oft zu hören bekommen: "Oh, schaut einmal, wie weit es das Migrantenkind gebracht hat."

Balhas sagt: "Deutschland hat dank die Vielfalt der Bewohner ein riesiges Potenzial - nur die Wirtschaft und Politik habend das leider noch nicht erkannt." Um das ein wenig zu ändern, hat Balhas bei dem Projekt "Töchter des Aufbruchs" mitgemacht. Sie sagt: "Wir Migranten sind Brückenbauer." Zwei Sprachen, Arabisch und Deutsch, zu können, in zwei Kulturen verwurzelt zu sein, sieht sie als Reichtum.

Nun plant Regisseurin Bez bereits einen zweiten Film. Dafür will sie in die Heimatländer der Migrantinnen reisen. Die Darstellerinnen aus "Töchter des Aufbruchs" wollen wieder mitmachen. Denn wie Roula Balhas sagt: "Endlich ist da jemand, der sich für uns Migrantinnen interessiert."