Fernsehstar Der Kasper vom Vorabend

Helmfried von Lüttichau versuchte sich lange als Theaterschauspieler. Erfolg hatte er aber erst mit der Serie "Hubert und Staller"

Von Gerhard Fischer

Dieser Gang ist speziell. Wer jemals die Serie "Hubert und Staller" gesehen hat, wird niemals vergessen, wie sich der Polizist Johannes Staller fortbewegt: Er stürzt quasi vor sich hin, auf dünnen Beinen, die sich ineinander verschlingen - man hat das Gefühl, eine Wendeltreppe setze sich in Bewegung.

Genau so geht, mit Verlaub, der Staller-Darsteller Helmfried von Lüttichau auf das Literaturhaus in München zu, lächelt, streckt seinem Gegenüber die Hand entgegen - und sieht gar nicht wie Johannes Staller aus. Lüttichau trägt einen grauen Vollbart, einen grauen Schal und eine graue Schiebermütze, er wirkt wie ein Literat, ein Intellektueller, ein Flaneur.

Lüttichau, 59, setzt sich an einen Tisch. Seine Stimme klingt sanfter als die von Staller, der manchmal mehr brüllt als spricht und dabei mit den Armen rudert. Lüttichau redet über Facebook. Das irritiert kurz. Es hätte besser zu seiner Erscheinung gepasst, wenn er das Gespräch mit einer Deutung des Werkes von Marcel Proust eröffnet hätte. Jedenfalls sagt er, dass er häufig bei Facebook reingucke, selbst bei kurzen Drehpausen. Er möge das eigentlich gar nicht, aber es sei eine kleine Sucht. Und vielleicht schmeichelt es ihm auch ein bisschen, dass er so viel Resonanz bekommt für seinen Staller.

Die Serie mit den beiden Polizisten Franz Hubert (Christian Tramitz) und Johannes Staller aus Wolfratshausen läuft seit 2011 in der ARD-Reihe "Heiter bis tödlich". An diesem Mittwoch, 20. Januar, startet um 18.50 Uhr bereits die fünfte Staffel mit 16 neuen Folgen.

Fans lieben Hubert und Staller, das politisch nicht Korrekte, das Klamaukige. Sie lachen über den trocken-humorigen Hubert und den naiven, begeisterungsfähigen, lackelhaften Staller, der immer den Polizeiwagen fährt, obwohl er ein lausiger Autofahrer ist. Wenn sie vor einem Haus parken, fährt er immer so nah an einen Gartenzaun heran, dass Beifahrer Hubert mit der Tür gegen den Zaun stößt oder über die Fahrerseite aussteigen muss. Hubert regt sich meistens auf. Staller reagiert gar nicht und macht es immer wieder.

Man kann das albern finden, aber gerade in dieser Wiederholung liegt die Kraft der Komik. Und überhaupt: Man kann Hubert und Staller blöd finden, aber man kann auch Dick und Doof blöd finden. Oder eben großartig.

Was ist das eigentlich, dieses Huber und Staller? Eine Krimi-Posse, wie in manchen Fernsehzeitungen steht? Helmfried von Lüttichau denkt nicht lange nach, er sagt - diese Floskel sei bei einem Polizisten erlaubt - wie aus der Pistole geschossen: "Es ist eine Mischung aus Krimi-, Familien- und Comedyserie." Hubert und Staller sei für alle. "Es haben offenbar auch Kinder und altgediente Professoren Spaß an dieser Sendung." Sie hätten eine treue Fangemeinde von zwei Millionen Zusehern. Das ist gut für den ARD-Vorabend.

Unter den Fans sind auch sehr viele Polizisten, erstaunlicherweise. "Die sagen, das ist viel realistischer als andere Serien", sagt Lüttichau. Gut, vielleicht nicht, was die vielen Morde in Wolfratshausen angeht. Auch das Kuhäugige des selten doofen Kollegen Riedl (Paul Sedlmeir) ist hoffentlich nicht nur überzeichnet, sondern in der Realität in keiner Form vorhanden. Aber die echten Polizisten mögen das Lästern über den Chef zum Beispiel. Und den schrägen Humor, die Sprüche über Funk. "Ein Polizist hat uns mal erzählt, jemand hätte über Funk durchgegeben, er bräuchte jetzt einen Tierfreund - und als sich dann ein Kollege meldete, sagte er, dieser müsse zu einem toten Herrn Schwan."

Mit Schal, Bart und Schiebermütze: Helmfried von Lüttichau sieht aus wie ein Literat oder ein Flaneur. Tatsächlich schreibt er Gedichte.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Das passt zu Staller, der eine Todesnachricht, die er überbringen muss, gern mal in einen Witz verpackt: "Ein Mann, der 30 Jahre verheiratet ist, kommt abends nach Hause und trifft seine Frau in schwarzer Unterwäsche an. Er fragt sie: Ist Oma gestorben?"

Johannes Staller ist ein Tollpatsch, aber man mag ihn, weil er guten Willens ist, nie resigniert, immer wach und neugierig bleibt. "Staller scheitert permanent, macht aber immer weiter", sagt Lüttichau. Hier gibt es eine Verbindung von Figur und Darsteller. "Mir ist auch viel missglückt", sagt Lüttichau.

Helmfried von Lüttichau war sehr lange Theater-Schauspieler. Er hatte mal größere, mal kleinere Rollen, der Durchbruch blieb aus, er hatte auch niemanden, der ihn wirklich gefördert hat. Aber er hat auch die Größe zu sagen: "Ich wollte ein ernster Theater-Schauspieler sein - aber das können andere besser als ich." Manchmal musste er länger auf ein Engagement warten, oft warf er selbst hin, weil er sich unfrei fühlte und nicht unterordnen wollte - als Bruder im Geiste der 68er, der die Doors und Jimi Hendrix als Idole hatte und dessen Mutter in einem antiautoritären Kindergarten gearbeitet hat.

Es ist eine halbe Stunde vergangen. Lüttichau, längst ohne Mütze und Schal, hat sich warm geredet. Er sagt, er sei jetzt im Gespräch angekommen, er fühle sich wohl, er sage jetzt Sachen, die er loswerden wolle, die ihn charakterisierten.

Dass er sich als Künstler sehe, dass das Finanzielle nicht am wichtigsten sei - das habe viel mit seinen Eltern zu tun. "Ich habe das kaufmännische Denken nicht mitgekriegt", sagt er. Die von Lüttichaus sind zwar ein altes Adelsgeschlecht, aber der jüngeren Generation ist davon nichts geblieben außer dem Namen: Helmfried von Lüttichau heißt eigentlich Helmut Friedrich Wilhelm Helmfried Graf von Lüttichau. Er wuchs normal auf, nicht arm, nicht reich, der Vater war Beamter. Und der Vater war - trotz seines Berufs - ein Freigeist, der sich und die anderen nicht über die Arbeit definierte. "Bei uns zählte nicht schaffe, schaffe Häusle bauen - mein Vater sagte mir immer: Mach', was dir Spaß macht."

Helmfried von Lüttichau ging auf die Schauspielschule. Und war erst mal ernüchtert. "Da wurde einem erst mal gesagt, man könne gar nichts", erzählt Lüttichau, "das hat mich über Jahre verunsichert." Überhaupt sei das oft die generelle Haltung am Theater: den Schauspieler klein machen. "Da spielt man und hernach legt der Regisseur seinen Kopf aufs Regiepult und sagt resigniert: Das ist nix!" Er finde das furchtbar, sagt Lüttichau.

1998 hat er letztmals an einem Theater gespielt, in Düsseldorf, er war damals Anfang 40. Er mochte das nicht mehr, das Hierarchische am Theater, das Starre. "Außerdem war für mich abschreckend, dass viele ältere Schauspieler so unglücklich waren, in der Kantine tranken und Schach spielten", sagt er. So wollte er nicht enden: Als jemand, der schließlich resigniert. Als Kantinen-Existenz. "Ich wollte dann Film- und Fernsehschauspieler werden."

Er fing neu an, machte ein Demoband, bewarb sich, bekam kleine Rollen. Dann traf er Christian Tramitz wieder.

Tramitz und Lüttichau, der in Gilching aufgewachsen ist, waren in Pasing auf das gleiche Gymnasium gegangen. "Wir waren zwischen 14 und 16 dick befreundet", sagt Lüttichau. Wenn Lüttichau "dick" sagt, denkt man sofort an Staller, der mal in einer Folge meint: "Schauspieler in Amerika fressen sich schon mal 50 Kilo an, damit sie Dicke spielen können." Und dann zeigt er auf einen dicken Mann neben sich: "Wie der da zum Beispiel." Auch das kann man platt finden. Oder man lacht sich tot.

Verdeckte Ermittlung: Hubert (Tramitz) und Staller (Lüttichau).

(Foto: ARD/TMG)

Tramitz und Lüttichau hatten sich dann Jahrzehnte aus den Augen verloren, bis Tramitz die Idee hatte, einen Sketch über einen Jäger und einen Wilderer zu machen, die ein unverständliches Bayerisch sprechen. Tramitz suchte jemanden für diesen Unsinn und dachte sich: "Das kann nur der Lüttichau spielen." Er rief ihn an. 2004 war das. Es entstanden die Figuren Hubsi und Hansi und daraus Hubert und Staller.

Über John Cleese (Monty Python) hat mal jemand gesagt, man müsse schon lachen, wenn Cleese bloß hinter einem Baum hervor gucke. Auch bei Lüttichau ist es alleine schon lustig, wie er guckt, wie er sich bewegt. Warum hat er das früher nicht genutzt, beruflich? "Ich hatte das Klassenkasper-Gen schon immer in mir, aber am Theater wollte ich ernste Rollen spielen", sagt er. "Früher dachte ich, das Komische kann ich auch am Biertisch ausleben, Beruf ist was anderes." Bis Tramitz kam.

Wer Lüttichau beobachtet, wie er redet, wie er zuhört, wie er schaut und wie er gestikuliert, der sieht hinter dem dominanten Äußeren einen sehr sympathischen, manchmal fast schüchternen, unprätentiösen, witzigen, liebenswerten, nachdenklichen Mann. In der Tiefe seiner Seele ist er ein Philosoph, der gerne über Eigenverantwortung bei der Gestaltung des Lebens redet; ein Flaneur, der Gedichte schreibt; manchmal auch ein Müßiggänger und einer, der Dinge macht, die nicht sofort eine Rendite abwerfen. "Menschen beobachten, was schreiben, das war für mich auch eine Lebensform", sagt er. "Vielleicht habe ich mich damit auch selbst stilisiert, um besser aushalten zu können, wenn die Selbstzweifel überhand genommen haben." Er hat seine Gedichte zehn Jahre lang für die Schublade geschrieben, dann einen Preis beim Münchner Lyrik Kabinett gewonnen und vor drei Jahren einen Gedichtband heraus gegeben, der "Was mach ich, wenn ich glücklich bin" heißt. Er tritt bei Lesungen manchmal mit Ottfried Fischer auf, der auch Gedichte schreibt.

Eine schöne Vorstellung: Der dicke Fischer neben dem dünnen Lüttichau, der ein schmales Gesicht und eine markante Nase hat. Lüttichau sagt, er habe ein Fernandel-Gesicht (für jüngere Leser: Fernandel war ein schlagkräftiger Pfarrer namens Don Camillo). Andere sagen, der linkische Lüttichau erinnere sie an den Volksschauspieler Georg Blädel, der etwa im Königlich Bayerischen Amtsgericht den Gerichtsdiener gab. Zu Lüttichau hat mal jemand gesagt, der Polizist Staller habe das Körperliche vom Valentin und das Emotionale von der Liesl Karlstadt. Helmfried von Lüttichau gefällt der Vergleich. Er sagt auch, Valentin und Staller hätten das Scheitern gemeinsam. "Und aus Scheitern entsteht Komik."

Lüttichau grinst. Es ist dieses Grinsen, das man von Staller kennt. Ein breites Grinsen, gepaart mit einem unschuldigen Blick, der sagen will: Ist doch so!

Er ist jetzt in Fahrt gekommen. Er packt jetzt die ganz skurrilen Geschichten aus. Einmal, da war er noch am Theater in Oberhausen, hat er einen Valentin-Abend einstudiert. "Wie Stand-up-Comedy", erzählt er, "ich habe die Texte gesprochen und auf der E-Gitarre alles, was bei Valentin musikalisch war, selbst gespielt." Er trat damit in Oberhausen und Recklinghausen auf. Darauf muss man erst mal kommen: Valentin in Recklinghausen. Staller hätte auch auf so etwas kommen können. "Es zog nicht so", räumt Lüttichau ein. "Obwohl die Kritiken gut waren."

Oder diese Geschichte: "Einmal war ich auf der Möbelmesse in Mailand", erzählt er. "Da kam ein Schweizer auf mich zu und sagte lachend: Es ist so schön, dass ich Sie sehe, ich liebe Sie - aber sind Sie in Echt auch so blöd wie der Staller?" Lüttichau kann sehr darüber lachen.

Überhaupt wirkt er gelöst. Obwohl er viel arbeitet. "Während der Dreharbeiten von Hubert und Staller stehe ich um halb sechs auf und mache Gymnastik", sagt er, "dann bringt mich ein Fahrer von meinem Wohnort Schwabing nach Wolfratshausen, im Auto lerne ich die Rolle, abends um 20 Uhr oder 20.30 Uhr bin ich wieder daheim." Er habe da kein Privatleben, er trinke keinen Alkohol. "Es ist zum ersten Mal in meinem Leben, dass ich keine Zeit habe." Dafür habe er zum ersten Mal in seinem Leben keine Existenzängste.

Und was fühlt er sonst noch? Er hat jetzt, mit Ende 50, endlich Erfolg. "Ich kann das alles total genießen", sagt Lüttichau. "Und es gibt einen sehr kleinen Teil Genugtuung gegenüber Menschen, die nicht an mich geglaubt haben." Das sei aber nicht wirklich wichtig. "Außerdem könnten die ja sagen: Jetzt ist er halt der Kasper in einer Vorabendserie." Schön, wenn man so gelassen damit umgehen kann.