Fantasy-Filmfest Fressen für das Augentier

Mediziner kritisieren die Darstellung psychisch Kranker wie beim Fantasy Filmfest.

Von Jochen Temsch

Ein Ende mit Schrecken: Das Fantasy Filmfest geht in die letzte Runde. Es laufen unter anderem "House of 1000 Corpses", "Wrong Turn" und "Dead Creatures", in denen Folterer, Menschenfresser und andere so genannte psychopathische Killer umgehen.

Fachmediziner sehen solche Filme kritisch. Felix Tretter ist leitender Arzt im Bezirkskrankenhaus Haar und hat die Darstellung von psychisch Kranken in Spielfilmen erforscht.

SZ: Wieso macht Angst im Kino Spaß? Tretter: Wir bringen eine biologische Grundausstattung mit, durch die unsere Angst vor bedrohlichen Objekten umschlägt in den aggressiven Versuch, uns zu verteidigen. Wenn wir das Objekt besiegt haben, freuen wir uns. Außerdem haben wir einen Vorrat an nicht verarbeiteten Affekten, die es zur Entladung drängt. Wer affektiv zu wenig gekitzelt ist, also gelangweilt, dem macht es besonders Lust, durch Horrorfiguren gereizt zu werden. Der Mensch ist ein Augentier.

SZ: Wer gerne Horrorfilme sieht, ist ein bisschen krank? Tretter: So kann man das nicht sagen. Jeder Krimi bietet Szenarien, für die man anfällig ist. Schon die uralten Sagen hatten beängstigende Inhalte. Das gehört zur Kulturgeschichte des Menschen. Aber es gibt bedenkliche Entwicklungen, wenn Menschen isoliert sind, sich von ihrer Umwelt nicht verstanden fühlen und ihre Gefühle vorwiegend in Film-Welten ausleben.

SZ: Gibt es dabei einen Unterschied zwischen einer realen Mörderfigur und etwa einem Zombie? Tretter: Die Monster bieten einen zusätzlichen Reiz, weil sie so grausig aussehen. Andererseits ist spannend, wenn sich normale Figuren zu Unholden entwickeln: der biedere Rechtsanwalt zum Beispiel, der nachts zum Mörder wird.

SZ: Wie sehen Sie solche psychopathischen Killer im Film? Tretter: Problematisch ist die mangelnde Realitätskontrolle. Beim Krimi weiß der Zuschauer ungefähr, wie wahrscheinlich eine Darstellung ist. Er hat Alltags-Erfahrungen mit der Kriminalität, die ihm beim Thema psychische Krankheit fehlen. Deshalb eignen sich Themen aus diesem Bereich aus der Sicht von Filmemachern exzellent dazu, scheinbar realistische, in Wirklichkeit absurde Horror-Szenarien zu gestalten. Die Bevölkerung hat mehr Sachkenntnisse über Computer als über Schizophrenie.

SZ: Was ist zum Beispiel absurd an der Darstellung der Psychiatrie? Tretter: Die Filmfigur des Arztes, der den harmlosen, unschuldigen Patienten mit Elektroschocks quält. Was das angeht, hat die Öffentlichkeitsarbeit der Psychiatrie allerdings schon einiges klar gemacht, wie es in Realität aussieht. Hartnäckige Klischees entstehen immer noch, wenn psychisch Kranke im Zusammenhang mit Straftaten stehen. Da begegnet dem Zuschauer der Psychopath, den womöglich eine grausame Psychiatrie erst zum Monster gemacht hat, das dann nachts ausbüchst und herummordet. Ich bin enttäuscht, dass gerade im Bereich humanitär schwieriger Themen die Qualitätssicherung von Programmverantwortlichen, Filmemachern und Redakteuren so nachlässig ist.

SZ: Woran könnte das liegen? Tretter: Wahrscheinlich verkaufen sich Geschichten besser, die das Horrorbedürfnis bedienen. Zum Beispiel die Kindesmorde der vergangenen Jahre: So individuell furchtbar sie sind, statistisch sind sie nicht dramatisch. Sie werden überstark in den Medien diskutiert. Dabei bleiben viele Fragen offen. Diese führen zu diffuse Unmutsgefühlen. Eltern sehen ihre Kinder gefährdet. Da kann man dann wunderbar wieder einen Film aufbauen, der scheinbar kritisch das Thema abarbeitet, in Wahrheit aber nur die Emotionen bedient.

SZ: Gibt es auch positive Beispiele? Tretter: "A Beautiful Mind", "Rain Man" - eine Reihe amerikanischer Produktionen, die ein großes Publikum erreichen. Sie versuchen, relativ seriös über die Hintergründe von Krankheiten zu berichten, wobei sie die Kranken sicher etwas romantisieren und verklären, aber die Problematik in ein positiveres Licht stellen und ihr dadurch zur öffentlichen Diskussion verhelfen.

SZ: Sehen Sie gerne Horrorfilme? Tretter: Ich habe dafür weder Interesse noch Faszination. Am meisten gruselt mich eine andere Form der medialen Präsentation: wenn Fernsehjournalisten eingebettet in Panzerverbände aus dem Krieg berichten, ihn dadurch spielerisch und voyeuristisch verharmlosen. Das ist schlimmer als jeder Zombiefilm.