Familien in der Stadt Baby-Boom im Neubauviertel

14.041 Kinder kamen 2008 in München zur Welt - vor allem Dank der Mütter aus den Neubauvierteln. Denn die Stadt bleibt eine Singlehochburg.

Von M. Hammer

Mit 14.041 Neugeborenen hat München den Höchststand vom Vorjahr um knapp drei Prozent übertroffen und erstmals seit den siebziger Jahren wieder die Marke von 14.000 geknackt. Verantwortlich für den Babyboom sind vor allem die Bewohner von Neubaugebieten wie der Messestadt Riem oder dem Arnulfpark. Dort liegt die Geburtenziffer mehr als doppelt so hoch wie im städtischen Durchschnitt.

Genau 391 Münchner Kindl mehr als im Vorjahr kamen 2008 zur Welt - und das liegt vor allem an Müttern aus solchen Stadtvierteln, die es vor einigen Jahren noch gar nicht gegeben hat. Mehr Kräne, mehr Kinder, so etwa lautet die Formel, um Münchens Wachstumskurs zu beschreiben: "Die Neubaugebiete sind die klaren Schwerpunkte des Babybooms", sagt Elmar Huss, stellvertretender Leiter des Statistischen Amts der Stadt.

Zum Beispiel Neu-Riem: 198 Kinder haben dort im vergangenen Jahr ihre Gitterbetten bezogen, das entspricht einer Geburtenziffer von 24,7 Neugeborenen pro 1000 Einwohner. Im Münchner Durchschnitt liegt der Wert bei 10,4 Kleinkindern. Sogar noch besser als die Messestadt Riem schneidet das Neubaugebiet "Bavariapark" an der Theresienwiese ab. Hier kommen auf 1000 Bewohner 30 Neugeborene, im Arnulfpark an der Bahnachse liegt die Quote bei 21.

Gründe für den Boom gibt es einige: das Elterngeld, von dem Familien in der reichen Stadt besonders profitieren, oder die Wirtschaftskraft Münchens, die junge Zuzügler anlockt. Doch auch die städtische Politik, findet Bürgermeisterin Christine Strobl, habe ihren Anteil daran. Im eigentlich dichtbesiedelten Stadtgebiet habe man durch den Umzug von Flughafen und Messe oder die Umwidmung von Bahnflächen Platz gewonnen und "dort gezielt bezahlbare, familiengerechte Wohnungen gefördert", sagt Strobl und verweist auf das München-Modell, bei dem die Einkommensgrenzen mit der Kinderzahl steigen. Mit dem neuen Stadtteil Freiham sei das nächste große Neubaugebiet schon in Planung.

Der Vorteil: Bei solchen Gebieten könnten die notwendigen Schulen und Kinderbetreuungseinrichtungen gleich mitgeplant werden. Das sei in gewachsenen Vierteln schwieriger.

Doch auch in manchem Altbauviertel mitten in der Stadt steigt der Kinderwunsch - trotz der hohen Mieten. Die Isarvorstadt etwa mausert sich seit Jahren zum Kinderparadies und übertrifft mit ihrer Geburtenziffer von 12,3 fast alle anderen Stadtbezirke. Im Dreimühlenviertel rund um den Roecklplatz kamen laut Huss im vergangenen Jahr 70 Kinder zur Welt, die Quote von 16,4 kann sich fast mit den Neubaugebieten messen. Auch das Schlachthofviertel ein paar Straßen weiter werde zum "In-Viertel" und ziehe mehr und mehr junge Leute an, sagt Huss - "und daraus werden dann Familien".

Rückläufig ist der Babytrend dagegen in den Stadtbezirken Feldmoching-Hasenbergl und Ramersdorf-Perlach. In älteren Siedlungen habe sich die Bevölkerungsstruktur verändert, erklärt Huss, die meisten Bewohner seien älter. "Die Mobilität in solchen Vierteln ist relativ gering, die Menschen, die früher einmal eingezogen sind, wohnen dort oft bis zu ihrem Ableben." Leicht gesunken - von 2267 auf 2235 - ist auch die Zahl der Kinder, deren Eltern nicht die deutsche Staatsbürgerschaft haben.

Insgesamt ist die Stadt 2008 - auch ohne Zuzug - kräftig gewachsen. Den 14.041 Geburten (Vergleichszahlen für Bund und Land gibt es noch nicht) stehen 10.500 Sterbefälle gegenüber. Schon seit Beginn des Jahrtausends verzeichnet München nach Jahrzehnten mit negativer Bevölkerungsbilanz wieder Geburtenüberschüsse - in diesem Jahr ein Plus von 3500. Ähnlich positive Werte, sagt Statistiker Huss, "hatten wir zuletzt Ende der Sechziger".

Dass München deshalb von der Singlestadt zur Familienhochburg wird, wäre aber übertrieben. Strobl: "Wir sehen eine positive Tendenz, aber der Anteil der Haushalte mit Kindern liegt bei lediglich 15 Prozent."