Familie und Job Fast jeder zweite Münchner Vater nimmt Elternzeit

Ein Mann steht neben seinem schaukelnden Kind.

(Foto: picture alliance / dpa)
  • Während vor zehn Jahren gerade einmal 17 Prozent aller Anträge auf Elterngeld von Männern kamen, sind es mittlerweile 42 Prozent.
  • Mehr als zwei Monate allerdings pausieren nur die wenigsten Männer, wohingegen Mütter die Bezugsdauer von bis zu zwölf Monaten meist ausreizen.
  • Um eine bessere Aufteilung zu ermöglichen, sind vor allem Unternehmen gefragt - manche gehen mit gutem Beispiel voran.
Von Melanie Staudinger

Eigentlich sollte es nur ein kurzer Urlaub werden, doch am Schluss wurde ein sechswöchiger Aufenthalt in Salzburg daraus. Denn das ungeborene Kind wollte plötzlich nicht mehr warten, der Sohn von Florian Harr kam in Salzburg zu Welt. Viel zu früh, eineinhalb Monate musste er aufgepäppelt werden, bis er groß und stark genug war, um die Klinik zu verlassen.

Andere hätten sich vielleicht Gedanken um den Job gemacht. Wie der Chef wohl reagieren würde auf den spontanen, mehrwöchigen Ausfall des Mitarbeiters? Nicht so bei Harr. Nach zwei Telefonaten sei klar gewesen, dass er in Österreich bei seiner Familie bleibe und von dort arbeite, erzählt er heute. Sogar die Abschlusspräsentation zwei Tage nach der überraschenden Geburt sei geglückt, Kollegen hätten einfach seinen Part übernommen. Harr arbeitet bei der Unternehmensberatung Elaboratum in Pasing.

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Ein Arbeiten ohne Pause, 80-Stunden-Wochen und ein rastloses Hin- und Herjetten durch die Welt kennen die Mitarbeiter hier nur noch aus einer fernen Vergangenheit. Chef Martin Rothhaar setzt auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Wer wegen der Schultheateraufführung beim Meeting fehlt, bekommt keine skeptischen Blicke.

Wenn das Kind krank ist, gehen die Mitarbeiter eben mal eher. Und eine Erziehungs-Auszeit, die sogenannte Elternzeit, ist in dem Unternehmen mit ungefähr 25 Festangestellten längst etabliert und kein Karrierehindernis, wie Mitarbeiter berichten. "Man kommt danach einfach normal wieder in seinen alten Job zurück", sagt Berater Harr, der sich nach seinem Salzburg-Abenteuer zusätzlich eine Baby-Auszeit von zwei Monaten gönnte.

Diese Einsicht hat sich noch nicht in allen Firmen herumgesprochen. Immer wieder berichten Väter wie Mütter, dass die Erziehungspause im Unternehmen keinen hohen Stellenwert habe oder sie gar berufliche Nachteile erlebt hätten, eine Versetzung etwa, weil sie bei ihren Kindern geblieben seien. Doch zugleich erkennen mehr Unternehmen, dass sich Karriere und Kinder nicht ausschließen und dass eine gute Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein Vorteil ist beim Kampf um gut ausgebildete, erfahrene Fachkräfte. So wird auch bei Männern die Elternzeit beliebter.

Bei der Einführung im Jahr 2007 lag der Männeranteil unter den 15288 Antragstellern auf das staatlich finanzierte Angebot in München bei 17 Prozent. 2014 - aktuellere Zahlen kann das Zentrum für Familie und Soziales noch nicht bereitstellen - bezogen Familien für 16 694 Münchner Kinder Elterngeld, 42,1 Prozent der Anträge stammten von Vätern. Zum Vergleich: Deutschlandweit bleibt nur jeder dritte Vater daheim (34,2 Prozent). Allerdings gibt es Potenzial nach oben: In Jena etwa ist der Anteil mit fast 60 Prozent am höchsten, gefolgt vom Landkreis Würzburg, in dem 52,4 Prozent der Väter eine Auszeit nehmen. Mehr als zwei Monate allerdings pausieren nur die wenigsten Männer, wohingegen Mütter die Bezugsdauer von bis zu zwölf Monaten meist ausreizen.

Die drei Väter Florian Harr, Martin Rothhaar und Hennik Larisch arbeiten für eine Unternehmensberatung und nehmen Elternzeit.

(Foto: Robert Haas)

"Wir suchen gezielt nach Menschen mit Berufserfahrung", sagt Rothhaar. Die seien in der Regel älter als junge Berufsanfänger. Nicht Arbeiten bis zum Umfallen, sondern die Familiengründung spiele bei ihnen eine wichtige Rolle. "Dabei wollen wir die Kollegen unterstützen", erklärt er. Seine Philosophie: Festangestellte sind Unternehmer im Unternehmen. Jeder ist für seine Projekte verantwortlich.

Wenn es der Arbeitsalltag zulässt, kann der Mitarbeiter gerne eine längere Weltreise machen oder ein Sabbatical. "Das hat mit Vertrauen zu tun. Meine Aufgabe ist nur zu schauen, dass nicht zu viele auf einmal weg sind", sagt Rothhaar, selbst Vater zweier Kinder im Teenager-Alter. Als Führungskraft will er selbst vorleben, wie normal es ist, dass die Familie vorgeht - solange die Projekte nicht darunter leiden, versteht sich.

"Ich wollte mein Kind einfach sehen", sagt Elaboratum-Berater Henrik Larisch. Deshalb ist auch er zwei Monate lang daheimgeblieben. Schwer ist ihm der zeitweise Abschied nicht gefallen, ganz im Gegenteil. "Ich hatte Rückendeckung und niemals das Gefühl, dass ich jemanden im Stich lasse", sagt er. Bis heute hat er sich ein Stück Familienfreizeit bewahrt. Zwei Tage ist er bei seinen Kunden, am dritten holt der die Tochter vom Kindergarten ab, damit seine Frau auch arbeiten kann. Die Erfahrung, dass sich jemand während seiner Abwesenheit seinen Job schnappen wollte, habe er nicht gemacht. Rothhaar schüttelt den Kopf: "Nein, so etwas passiert bei uns nicht."

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