Extremsportlerin nach Unfall "Mein Körper war Matsch"

Nach einem Absturz bei einem Foto-Shooting hat Gela Allmann Narben am ganzen Körper.

(Foto: Toni Heigl)

Zuerst zerschellen die Knie, dann die Schulter. Es reißen Muskeln, Bänder, Sehnen und die Hauptarterie des rechten Beins. Kurz vor dem tiefsten Fall kann Extremsportlerin und Model Gela Allmann mit letzter Kraft den Absturz bremsen. Seither kämpft sie um die Rückkehr in ihr altes Leben.

Von Benjamin Emonts

Die Sonne scheint, es ist windig. Gela Allmann, Extremsportlerin, TV-Moderatorin und Model, steht auf einem Berg in Island in 1000 Metern Höhe. Es ist Anfang April. Für ein Foto-Shooting verlässt das Team die normale Skitourenroute, Allmann steigt in einen steilen, vereisten Hang. Plötzlich rutscht die 30-Jährige ab. Sie schlittert ungebremst talabwärts, wird schneller und schneller. Nach 150 Höhenmetern stürzt sie über einen Felsvorsprung und überschlägt sich.

Immer wieder prallt sie gegen Felsen. Zuerst zerschellt das rechte Knie, dann das linke, schließlich die linke Schulter. Es reißen Muskeln, Bänder, Sehnen und die Hauptarterie des rechten Beins. 100 Meter vor dem Fjord im Tal kann Allmann mit letzter Kraft den Absturz bremsen, sie bleibt im Schnee liegen. Gela Allmann erinnert sich: "Mein Körper war Matsch. Ich war mir zu 100 Prozent sicher: Ich kann das nicht überleben."

Jetzt im August, vier Monate später, postet Gela Allmann ein Bild auf Facebook. Die Münchnerin steht auf dem Gipfel des Rauhkopfs am Spitzingsee auf 1689 Metern Höhe. Allmann grinst. Den rechten Arm streckt sie zum Himmel, ebenso den rechten Zeigefinger. Die Nachricht dieses Bildes ist unmissverständlich: Schaut her, hier bin ich wieder! Nach etlichen Operationen und qualvollen Monaten, in denen sie im Bett lag, ohne sich bewegen zu können.

Wie soll das gehen? "Ich wollte da unbedingt hoch. Ich wollte es mir beweisen," sagt Allmann. Ihr Lebensgefährte, selbst ein erfahrener Bergsportler, hatte ihr auf den Rauhkopf hinauf geholfen. Ebenso wie die Taubensteinbahn, die sie bis 200 Meter an den Gipfel heran transportiert hat. Und selbstverständlich war auch die Orthese am rechten Bein eine Hilfe, die ihr das Gehen erst ermöglicht. Trotzdem zeigt das Bild eine junge Frau, die mit ihrem unbändigen Willen, ihrem großen Ehrgeiz und einem grenzenlos erscheinenden Optimismus imstande ist, scheinbar Unmögliches möglich zu machen - und dadurch zu einem Vorbild und einer Inspiration in den sozialen Netzwerken geworden ist.

Allmann sagt: "Ich glaube fest daran: Wenn man etwas wirklich will und mit Leidenschaft dafür kämpft, kann man alles schaffen." Und geschafft hat sie mit dieser Einstellung schon jetzt mehr, als Ärzte, Physiotherapeuten und Freunde auch nur zu träumen gewagt haben. An jenem 3. April schwebt Allmann mehr als zehn Stunden in Lebensgefahr. Nach der Erstversorgung nahe des Unfallorts wird sie in ein Klinikum nach Reykjavík geflogen. Dort leiten die Ärzte eine neunstündige Notoperation ein. Weil die Hauptarterie im rechten Bein durchtrennt ist, befürchten die Ärzte sogar, das Bein amputieren zu müssen. Doch dazu kommt es nicht. Stattdessen stabilisiert sich Allmanns Zustand - und eine Woche später wird die Sportlerin ins Münchner Klinikum rechts der Isar geflogen.

Bewegungsunfähig, Verletzungen überall

Dort macht sich die behandelnde Assistenzärztin der Unfallchirurgie, Helen Vester, ein erstes Bild: "Gela war in einem schlechten Zustand. Sie war bewegungsunfähig, hatte überall am Rücken und an den Beinen Brandverletzungen, am rechten Bein einen Fixateur und den linken Oberarm in einer Schlinge." Was der Chirurgin aber sogleich auffiel: "Ihr ging es besser als sie aussah. Sie war von Anfang an sehr positiv und hat jeden kleinen Erfolg als Motivation genommen."

Zwei Wochen nach dem Unfall und sechs Operationen später beginnt Allmann in dem Münchner Klinikum mit der Reha. Physiotherapeut Alf Rehneke, der mehrere Stunden am Tag mit ihr trainiert, wird in dieser Zeit eine wichtige Stütze für die Sportlerin. Im Rückblick sagt Rehneke: "Einen Patienten mit solch einer Motivation bekommt man einmal in 100 Jahren." Denn Allmann trainiert und trainiert. Während die anderen Patienten auf den Ergometern neben ihr kommen und gehen, bleibt sie sitzen und strampelt immer weiter "wie eine Geisteskranke", sagt Allmann.

Physiotherapeut Rehneke ist manchmal sogar richtig sauer: "Gela ist ein Sturkopf, den man ab und an einbremsen muss. Mit ihrem Ehrgeiz schießt sie manchmal über das Ziel hinaus." Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb macht Allmann nur drei Monate nach dem Unfall in einer Klinik in Bad Endorf ihre ersten Schritte. Was Physio Rehneke aber noch mehr imponierte: "Gela war trotz ihres Schicksals ein ständig fröhlicher Mensch, sie lacht viel und hat eine bewundernswerte mentale Stärke. Ihre Ausstrahlung haut jeden vom Hocker."

Tage voller Verzweiflung und Tränen

Doch ist es keineswegs so, dass seine Patientin nicht auch schlechte Tage gehabt hätte. Tage, an denen Allmann heulte und schier verzweifelte. Tage, an denen "ich kein Licht am Ende des Tunnels sah und einfach wie früher in die Berge fahren und draufloslaufen wollte". Dazu muss man wissen, dass Allmann schon als Kind ziemlich unruhig und ehrgeizig war: "Ich wollte immer alles am besten können und ständig laufen", erklärt sie. Vor drei Jahren hat Allmann im Skibergsteigen den perfekten Sport für sich gefunden. Sie trainiert zehn bis 20 Stunden pro Woche und absolviert bis zu zwölf internationale Wettkämpfe pro Saison - in kürzester Zeit kämpft sie sich in die Spitze der deutschen Bergläuferinnen und Skitouren-Athletinnen.

Ende August, knapp viereinhalb Monate nach dem Unfall, liegt Allmann ganz ruhig in Sporthose und Tanktop auf dem Ledersofa im Wohnzimmer ihrer Eltern. Das Haus steht am Rande von Markt Indersdorf im Landkreis Dachau. Am Wohnzimmerfenster wachsen Kakteen, die ihre Mutter züchtet; rechts neben der Couch liegen Krücken, daneben steht ein Rollstuhl. Das rechte Bein, das vom Jod orangefarben schimmert, hat Allmann auf einem Kissen nach oben gelegt. "Das Bein muss ruhen", sagt sie, "mir wurde gerade ein Nerv implantiert." Dann zeigt Allmann auf ihre Beine und den linken Oberarm, die von langen Narben gezeichnet sind. Im Gesicht ist noch ein kleiner Cut, ihr Nasenbein war gebrochen. "Bis auf mein rechtes Bein ist alles schon wieder gut in Schwung", sagt Allmann, "ich bin mir sicher, dass auch der implantierte Nerv wieder kommt - auch wenn es vielleicht zwei Jahre dauert."

"Ich wollte irgendwann nur noch bewusstlos werden"

Die 30-Jährige kann inzwischen über ihren Absturz sprechen. Als sie die 800 Höhenmeter den Hang hinunter rutschte und sich einen Knochen nach dem anderen brach, "wollte ich irgendwann nur noch bewusstlos werden". Sie hatte große Schmerzen, "mein Körper war ein einziges Hämatom". Während des Absturzes sah Allmann ihr Elternhaus vor Augen: "Der Garten war grün und stand in voller Blütenpracht." Sie macht sich Gedanken, wann sie das letzte Mal intensiv Zeit mit ihren Eltern verbracht hat - es ist lange her. Jetzt aber wird sie gleich drei Wochen in Markt Indersdorf leben. "Ich bin gelassener geworden, nicht mehr so hibbelig", sagt sie. "Durch den Unfall habe ich begriffen, dass Freunde und Familie das allergrößte Glück im Leben sind."

Das ist die eine Seite. Die andere: Das Sport-Model hat jeden Schritt hin zu ihrem alten Leben auf sozialen Netzwerken dokumentiert. Warum tut sie das? Ist es Selbstverliebtheit? "Ich möchte den Menschen zeigen, dass sie nie aufgeben dürfen. Ich möchte sie inspirieren, immer weiter zu kämpfen, ihnen zeigen, dass es immer einen Weg gibt", sagt sie. Auch deshalb führt Allmann ein Videotagebuch über ihren Kampf, schreibt inzwischen an einem Buch und möchte in Zukunft Motivationsvorträge halten.

Ihre Geschichte schließt mit einem Happy End. Am vergangenen Freitag hat Angelika Allmann ihren langjährigen Freund geheiratet - auf Krücken. "Ich wollte nicht länger warten."