Extremhindernisläufe "Das ist das geilste Gefühl der Welt"

Beim Hindernislauf zählt nicht nur die Kraft in den Beinen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Durch den Matsch kriechen, Steine schleppen, über Feuer springen: Am Riemer See trainieren Sportler für Extremhindernisläufe. Kratzer oder blaue Flecken gehören dazu - und werden gerne gezeigt.

Von Christina Hertel

Ediceh Ebadzadeh hat lange schwarze Haare, dichte Wimpern, dunklen Teint. Sieht aus wie ein Mädchen aus einem Musikvideo. Oder wie eine unbekannte Schwester von Kim Kardashian. Schaut man auf ihr Facebook-Profil sieht man, wie sie über Feuer springt, Holzwände hochklettert - in schwarzen Leggins, mit geflochtenen Haaren, jede Strähne sitzt. Ediceh Ebadzadeh nimmt an sogenannten Obstacle Course Racings (OCR), also Extremhindernisläufen, teil.

Sie robbt unter Stacheldraht, kriecht durch Schlamm, hangelt sich an Seilen hoch, taucht kopfüber in Eiswasser. Eine Mischung aus Takeshi's Castle und Bundeswehr. Seit etwa zwei Jahren macht Ediceh Ebadzadeh alle paar Wochen bei so einem Rennen mit - wie ihre Freundin Nadine Radzuweit, Anfang 30, blonde Haare, Goldkettchen. Und Vasiliki Krigou, 60, auch blond, rosa lackierte Nägel.

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Die Frauen kennen sich vom Zumba, aber Aerobic zu Latinomusik reicht ihnen schon lange nicht mehr. Seit diesem Jahr trainieren sie in einem eigenen neuen Münchner Verein für Hindernisläufe, dem OCR Munich - gegründet von ihrem Zumba-Lehrer.

Montagabend, Riemer See. Am Ufer rauchen ein paar Jungs Shisha, trinken Bier, schauen in die Abendsonne. Für Ediceh Ebadzadeh und ihre Freundinnen ist Trainingszeit. Etwa 20 Leute sind da, die meisten in schwarzen Leggins, schwarzen Tops, die meisten mit Fitnessarmband - Kalorien, Herzfrequenz, Kilometer immer im Blick. Mehr als die Hälfte sind Frauen.

Keine einzige Typ Kugelstoßerin, sondern alle eher Typ Shopping Queen. Es geht los. Hampelmänner, Warmlaufen, Springen, Seitgalopp. Dann füllen alle einen Eimer voll mit Kieselsteinen. Die Männer machen ihre Eimer ganz voll, die Frauen halb, zehn oder 20 Kilo schwer. Sie müssen diese Eimer über den Strand tragen, dann den Rodelhügel hoch, wieder runter, wieder hoch und wieder runter, alles so schnell wie möglich. Warum tut man sich das an?

"Auf der Arbeit sagen alle immer: Du siehst aus wie eine Prinzessin", erzählt Nadine Radzuweit, die Blonde mit dem Goldkettchen. "Die können gar nicht glauben, dass ich so etwas mache." Und man sieht: Das gefällt ihr, irgendwie. Auch Sigi Kauntz, die Geschäftsführerin des Fitnessstudios, wo sich alle bei den Zumba-Kursen kennenlernten, meint: Frauen müssten immer schick sein, immer gepflegt.

Perfekte Frisur, perfekte Nägel, perfektes Make-up. Auf Dauer ganz schön langweilig. Kauntz sieht aus, wie man sich eine Fitnesstrainerin vorstellt: unglaublich fit. Und unglaublich gut gelaunt. Sie glaubt, die Zeit der Bauch-Beine-Po-Kurse, der Yoga-Matten und Low-Carb-Diäten sei vorbei. Das Ziel junger Frauen laute nicht mehr: möglichst dünn, sondern möglichst fit, möglichst stark.

"Schau, so sieht man aus, wenn man bei dem Lauf mitmacht", sagt sie und deutet zuerst auf ihre Wade: ein Schnitt. Und dann auf ihren Oberarm: lauter kleine Kratzer. "Du hast auch noch blaue Flecken, oder Ediceh?" Aber die sind schon wieder verheilt. Zum Glück. Oder leider. Denn irgendwie, so scheint es zumindest, sind die Frauen auch ein bisschen stolz auf ihre Blessuren.