Evangelische Akademie Tutzing Ausgewogen oder antisemitisch? Tagung zum Nahost-Konflikt abgesagt

"Nahostpolitik im Spannungsdreieck" lautet der Titel der Tagung, die Udo Hahn eigentlich veranstalten wollte.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)
  • Die Evangelische Akademie in Tutzing hat eine Tagung zum Nahost-Konflikt verschoben oder abgesetzt.
  • Es ist der nächste Fall einer Veranstaltung, bei der bereits im Vorfeld Antisemitismus-Vorwürfe erhoben werden. Nicht wegen des Themas, sondern wegen der Teilnehmer.
  • Es heißt, nicht nur Gäste, sondern auch Programmverantwortliche stünden einer israelfeindlichen Kampagne nahe.
Von Jakob Wetzel

Der Streit kocht erneut hoch. Wieder ist eine Veranstaltung zum Nahost-Konflikt abgesagt worden. Und einmal mehr steht der Vorwurf im Raum, es wäre einseitiger Hetze gegen Israel Raum geboten worden. Doch diesmal entzündet sich die Kritik nicht an einer Interessengruppe, die städtische Räume für einen zweifelhaften Vortrag nutzen wollte wie zuletzt. In der Kritik steht nun die renommierte Evangelische Akademie in Tutzing.

Dort, am Starnberger See, war eine Tagung mit dem Titel "Nahost-Politik im Spannungsdreieck" geplant. Gemeinsam mit der Petra-Kelly-Stiftung und der Münchner Evangelischen Stadtakademie hatte die Akademie für 12. bis 14. Mai Vertreter von vier israelisch-palästinensischen Friedensgruppen eingeladen. Mit ihnen wollte sie diskutieren, welche Chancen sich aus deren Engagement für eine Verständigung im Nahost-Konflikt ergeben könnten.

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Die Akademie ist ein bewährter Ort für Gespräche über heikle Themen: Sie steht in dem Ruf, dass hier auch gegensätzliche Interessengruppen ihre Standpunkte austauschen können. Doch zu der geplanten Tagung wird es nicht kommen: Sie wurde in der vergangenen Woche offiziell verschoben; einen neuen Termin gibt es nicht.

Kooperationspartner und Organisatoren fühlen sich vor den Kopf gestoßen. Und mehr als ein Dutzend der Referenten protestiert in einem offenen Brief an die Akademie und den bayerischen Landesbischof: Es handle sich, schreiben sie, um "einen weiteren Versuch", kritische Stimmen zum Schweigen zu bringen.

Was ist geschehen? Offiziell heißt es von der Evangelischen Akademie, es sei ihr nicht gelungen, "alle für das Thema maßgeblichen Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner in angemessener Zahl zu gewinnen". Den Organisatoren und Partnern teilte Akademiedirektor Udo Hahn mit, nachdem es seit geraumer Zeit Diskussionen um die Tagung gebe, habe er "nach eingehender Prüfung der Situation und unter Abwägung aller Gesichtspunkte" entschieden, sie zu verschieben.

Diskutiert wurde dabei offenbar weniger das Thema der Tagung als die Auswahl der Referenten - und die einzelnen Organisatoren. Kritiker erheben den Vorwurf, nicht nur einige Gäste, sondern auch mehrere Programmverantwortliche stünden der gegen Israel gerichteten Kampagne "Boykott, Divestment and Sanctions" (BDS) nahe. Diese gilt Kritikern als antisemitisch; sie bezeichnen sie als eine Neuauflage des nationalsozialistischen "Kauft nicht bei Juden!", nur finde sie eher im politisch linken Spektrum Anhänger. Entsprechend einseitig falle die Auswahl von Rednern aus, heißt es. Und in den geladenen Friedensgruppen würden zwar Palästinenser und Israelis zusammenarbeiten; es werde aber doch nur eine Seite in der Auseinandersetzung gehört. Von einer ausgewogenen Herangehensweise könne keine Rede sein. Die Akademieleitung schloss sich dieser Sichtweise offenbar an.

Tatsächlich tritt zumindest eine der sechs Organisatoren auch öffentlich für den Boykott Israels ein. Andere hingegen distanzieren sich von der Kampagne; etwa die Geschäftsführerin der Petra-Kelly-Stiftung, Gesa Tiedemann. Jutta Höcht-Stöhr, die Leiterin der Evangelischen Stadtakademie, wies den Vorwurf bereits Anfang April in einer Stellungnahme als "infame Verleumdung" zurück. Für die Tagung habe man bewusst Vertreter von Friedensgruppen eingeladen, in denen Israelis und Palästinenser zusammenarbeiten.

Nur verschoben oder endgültig abgesagt?

Akademiedirektor Udo Hahn kommentiert den Streit nicht. Für die Akademie gehe es um Qualitätssicherung, sagt er. Die Aufregung verstehe er nicht. Es komme immer wieder vor, dass man eine Tagung verschiebe. "Wir schließen keine Räume für die Diskussion, sondern wir verschieben", sagt Hahn. Die Akademie werde "das Thema zu gegebener Zeit wieder aufgreifen".

Sie rechne nicht mit einem neuen Termin, sagt hingegen Tiedemann. Sie spricht von einer endgültigen Absage - und empört sich darüber, dass Hahn sie als Mitveranstalterin nicht in die Entscheidung einbezogen habe; der Direktor äußert sich dazu nicht. Noch dazu führe die Kritik in die Irre, sagt Tiedemann: Die Tagung habe nichts mit der BDS-Kampagne zu tun gehabt. Und die Nähe der Organisatorin zur BDS-Kampagne sei bekannt, aber deshalb müsse man sie nicht als Gesprächspartnerin fallen lassen. Die Tagung abzusagen, spiele jenen in die Hände, "die an Dialog und Verständigung nicht interessiert sind", schreibt die Petra-Kelly-Stiftung in einer Stellungnahme. Das setze "ein falsches Zeichen in schwierigen Zeiten".

Die Tutzinger Tagung fügt sich in eine Reihe von Veranstaltungen ein, die in den vergangenen Jahren in oder im Umkreis von München abgesagt oder verhindert worden sind. Im November 2015 hatte ein Vortrag über die BDS-Kampagne im Gasteig zu tumultartigen Szenen geführt und die Aufmerksamkeit der Stadtspitze auf das Thema gelenkt. Zuletzt untersagte die Stadt im September 2016, dass der Publizist Abraham Melzer im Eine-Welt-Haus über den "hysterisierten Antisemitismusvorwurf" sprechen durfte.

Und der nächste Konflikt naht wohl bereits: Am 24. Mai plant die jüdisch-palästinensische Dialoggruppe München einen Vortrag im Gasteig, also in städtischen Räumen, mit dem israelischen Journalisten Gideon Levy, der in Artikeln für die BDS-Kampagne eintritt. Thema des Vortrags sind "die seit 50 Jahren bestehende Besatzung der Palästinensergebiete und die politischen Optionen für deren Zukunft". Oberbürgermeister Dieter Reiter hatte nach dem Vortrag über die BDS-Kampagne 2015 im Gasteig festgelegt, die Stadt werde vergleichbare Veranstaltungen künftig nicht mehr unterstützen.

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