Erweiterungspläne Gratwanderung

Der Kritik am "Biotopia"-Neubau tritt der Architekt entgegen: Das Projekt müsse sensibel mit dem Nymphenburger Schloss umgehen - und eigenständig wirken

Von Alfred Dürr

Wie viel Modernisierung und Veränderung vertragen Münchens herausragende Baudenkmäler? Diese Frage beschäftigt Bürger, Politiker und Experten nicht nur am Beispiel der Alten Akademie an der Neuhauser Straße. Längst ist auch der geplante neue Komplex des künftigen Naturkundemuseums "Biotopia" am Nymphenburger Schloss in die Kritik geraten. Elke Wendrich und Neven Denhauser von der Initiative Denkmalnetz Bayern greifen das Projekt an. Die Architektur nimmt ihrer Meinung nach keine Rücksicht auf die historischen Schlossfassaden.

Diese ablehnende Haltung fand im November breite Unterstützung durch die Bürgerversammlung für Neuhausen und Nymphenburg. Bayerns Generalkonservator Mathias Pfeil und Architekt Volker Staab aus Berlin wünschen sich nun eine "sachlichere Debatte". Staab überarbeitet sein Projekt zur Zeit im Hinblick auf die Fassadengestaltung und bei der Verwendung verschiedener Baumaterialien. An der Grundstruktur des Entwurfs, versichert Pfeil, werde nicht mehr gerüttelt.

Immerhin soll an der äußersten nördlichen Ecke der Schlossanlage das bestehende Museum "Mensch und Natur" auf die dreifache Größe erweitert werden. Der Neubau kommt an die Stelle eines ehemaligen Institutstrakts der Ludwig-Maximilians-Universität aus den Sechzigerjahren. "Dieser Anbau ist kein Denkmal, und er wäre es auch nicht wert, ihn unter besonderen Schutz zu stellen", betont der Generalkonservator.

"An diese Stelle etwas Neues zu setzen, ist eine Herausforderung und eine Gratwanderung", sagt Architekt Volker Staab. Denn einerseits muss er bei der Gestaltung des Museums eine besondere Sensibilität im Umgang mit dem geschichtsträchtigen Ort zeigen. Andererseits braucht der Neubau eine speziellen Auftritt, um den innovativen Charakter des "Inhalts" auch nach außen zu verdeutlichen. Staab: "Wir wollen keinen Bruch mit dem Schlossensemble. Aber wir nehmen eine eigenständige Haltung ein." Entscheidend sei es, mit dem Neubau "den Ton zu treffen, der durch die Schlossanlage vorgegeben wird".

Dieser Linie folgt auch der Generalkonservator: "Mit dem Neubau einen architektonischen Kontrapunkt zu setzen, wäre völlig verfehlt." Die historische Situation soll also stets die Oberhand gegenüber gestalterischen Experimenten behalten. An keiner anderen Stelle in der Stadt "gelingt der Blick ins 18. Jahrhundert so gut, wie am Nymphenburger Schloss", sagt Pfeil.

Volker Staab hat mit vielen seiner Projekte, vor allem auch im Museumsbereich, eindrucksvoll verdeutlicht, dass er knifflige Themenstellungen im Hinblick auf die Verbindung von historischen und modernen Strukturen lösen kann. Um nur ein Beispiel in München zu nennen: Für die neuen Parlamentsbauten und die Umgestaltung des Plenarsaals im Maximilianeum hat er viel Lob bekommen.

Noch in diesem Jahr sollen die überarbeiteten Pläne für den Neubau vorgelegt werden. Auch für den Gründungsdirektor von "Biotopia", Michael John Gorman, spielt die Architektur des Hause eine zentrale Rolle. Das bezieht sich dann nicht nur auf die Gestaltung der Innenräume. Das Gebäude sei eingebettet in das Ensemble der Schlossanlage, aber es habe zusätzliche Funktionen. Es stellt für ihn nämlich auch ein Bindeglied zwischen dem Schlosspark und dem Botanischen Garten dar. So könne sich das Areal zu einem einzigartigen Natur-Kultur-Quartier entwickeln.

Fünf bis sechs Jahre wird es sicher noch dauern, bis "Biotopia" eröffnet wird. Das moderne Naturkundemuseum wird mit Sicherheit eine große Attraktion in München und Bayern. Aber auch die Nachbarn in den umliegenden Vierteln würden vom breiten Veranstaltungsangebot profitieren, verspricht Gorman. "Information und Transparenz" sollen die Planungsphase bestimmen. Deswegen will der Gründungsdirektor engen Kontakt mit den Bürgern und Lokalpolitikern halten und über Kritikpunkte diskutieren. Auch der Generalkonservator ist für den Dialog: "Wenn sich an solch einem herausragenden Ort in der Stadt nicht Interesse und Engagement regen würde, wäre ich traurig."