Von Von Bernd Kastner

Die Wahl von Kardinal Joseph Ratzinger sorgt in Bayern weiter für lebhafte Debatten. Münchner Theologen und Seelsorger äußern sich zu den Bedenken vieler Menschen, der neue Papst sei zu wenig liberal.

Friedrich Wetter, der Erzbischof, weilt noch in Rom, aber er lässt ein paar Worte nach München übermitteln. Es sind Worte der Freude und des Stolzes, "dass der Heilige Vater aus unserem Erzbistum kommt". Benedikt XVI. war von 1977 bis 1982 Erzbischof von München und Freising und sei, so Wetter, in seiner bayerischen Heimat "tief verwurzelt".

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Weihbischof Engelbert Siebler sagt, er habe wegen des Alters Joseph Ratzingers - er ist 78 - nicht mit dessen Wahl gerechnet. "Überraschung und Freude waren umso größer." Siebler kennt den neuen Pontifex aus Traunsteiner Tagen. Ratzinger war einst Zögling im erzbischöflichen Studienseminar, Siebler wurde später dessen Direktor und verbrachte dort viele Urlaubstage mit Ratzinger.

Dessen öffentliches Bild als "Panzer-Kardinal" sei zu einseitig, sagt Siebler. Er habe Ratzinger als "kultivierten Zeitgenossen" kennen gelernt, der sich mit den Problemen "auf hohem Niveau" auseinander setze. Und dass Benedikt XVI. das Etikett konservativ aufgeklebt werde, wendet Siebler ins Positive: "Konservativ kann auch etwas sehr Gutes sein." Wer ein großes Schiff lenke, könne nicht plötzlich das Ruder herumreißen.

Auf die Frage, ob die Beziehungen der Erzdiözese zu Ratzinger während seiner Zeit als Chef der Glaubenskongregation spannungsfrei gewesen seien, antwortet Siebler ausweichend: "Im Prinzip ja." Es habe "relativ intensive Briefwechsel" all die Jahre gegeben, man habe Glaubensfragen erörtert. "Wenn man will", so Siebler, "kann man das als Spannung bezeichnen."

Domdekan Lorenz Wolf will das so nicht stehen lassen und erklärt, dass inhaltliche Diskussionen notwendig seien, auch in der Kirche. Mit persönlichen Aversionen habe dies nichts zu tun. "Erschütternd" nennt es gar Alois Baumgartner, Professor für Christliche Sozialethik und Vorsitzender des Diözesanrates, mit welchen Ressentiments viele dem neuen Papst gegenüberträten.

Er dagegen sieht in der Wahl des Namens Benedikt ein "Programm", nämlich die Auseinandersetzung mit der modernen Welt. Der letzte Papst dieses Namens sei während des Ersten Weltkrieges als Friedenspapst in die Geschichte eingegangen. Über die Namenswahl freuen sich besonders die Münchner Benediktinermönche.

Johannes Eckert, Abt des Klosters St. Bonifaz und Andechs, wertet den Namen als Zeichen der besonderen Verbundenheit des Papstes mit seiner Heimat, schließlich sei Bayern benediktinisch geprägt seit 1300 Jahren. "Vielleicht ist der Name eine Hommage an die bayerische Heimat."

Und wer weiß, womöglich besucht Ratzinger bald sein Zuhause, im August, auf dem Weg zum Weltjugendtag in Köln. Man wisse noch nichts, sagt Siebler, aber er habe eine "intensive Vermutung", ja mehr noch: "Wir erwarten, dass er in München Station macht." Dort finden vom 11. bis 16. August "Tage der Begegnung" statt, als Einstimmung auf das große Treffen in Köln.

Klaus Hofstetter, Diözesan-Jugendpfarrer, rechnet mit 20.000 Gästen aus aller Welt - aber nicht mit dem Papst. Gewiss, man würde sich freuen, doch die Organisatoren wollen ihn nicht einladen, ohne vorher mit Erzbischof Wetter gesprochen zu haben. Nicht dass der Papst dem Erzbischof die Schau stiehlt.

Redet man mit Hofstetter über Ratzingers Wahl, hört er sich recht nachdenklich an. Von "gemischten Gefühlen" spricht der 36-jährige Jugendpfarrer. "Ist er der Richtige?" habe er sich spontan gefragt, weil Ratzinger doch als "stockkonservativ" gelte. Andererseits: "Toll! Er ist einer von uns." Hofstetter sagt, er vertraue auf den Heiligen Geist, auf dass Ratzinger "nicht so konservativ wie in den vergangenen 20 Jahren" wirken werde.

Hoffnungen hin, Befürchtungen her: Am Freitag werden Jugendliche aus der Diözese nach Rom fahren, um bei der Inauguration auf dem Petersplatz dabei zu sein - ausgerüstet mit bayerischen Fahnen. Persönlich besuchen wollen sie "ihren" Papst dann im kommenden Jahr, "in Ruhe", wie Hofstetter sagt, und mit speziellen Mitbringseln: Jugendliche können bis Freitag ihre Wünsche an Benedikt XVI. in ein Buch schreiben (Korbinianshaus, Preysingstraße 93). Bald soll es auf dem Papst-Schreibtisch liegen.

(SZ vom 20.4.2005)

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