Ermittlung wegen Lohnwuchers Für eine Hand voll Euro

Arbeiten für vier Euro: Türkische Arbeiter verklagen eine Firma, die auf einer Münchner Baustelle Dumpinglöhne gezahlt haben soll.

Von Bernd Kastner

Sie kommen aus kleinen türkischen Dörfern und sind teilweise Analphabeten. Bevor sie im vergangenen Jahr nach Deutschland aufbrachen, haben sie in ihrer Heimat noch einiges unterschrieben, was sie heute bereuen: Verträge, Schuldscheine, Vollmachten. Die Münchner Rechtsanwältin Nihal Ulusam erzählt von 44 Bauarbeitern, die mehrere Monate lang in München gearbeitet haben. Inzwischen vertritt sie die Männer im Kampf gegen ihren Arbeitgeber, eine Firma, gegen die deutsche Ermittler schwere Vorwürfe erheben.

Der Zoll und die Staatsanwaltschaft ermitteln: Die türkischen Arbeiter wollen vor Gericht 130.000 Euro Lohn erstreiten.

(Foto: Foto: dpa)

Die Türken wollen vor dem Münchner Arbeitsgericht zusammen 130.000 Euro Lohn erstreiten. Das sind zwar nur ein paar tausend Euro pro Person - aber viel Geld für Männer, die in ihrer Heimat Familien zu versorgen haben. Bislang, so behaupten sie, haben sie von ihrer Firma nur einen Hungerlohn bekommen. Wenn ihre Version stimmt, ist es ein weiterer Fall von krasser Ausbeutung ausländischer Arbeiter, die über sogenannte Werkverträge nach München gekommen sind.

Ulusan sagt, die Männer hätten noch am Flughafen in der Türkei einen Packen Papiere zur Unterschrift vorgelegt bekommen. Die Papiere, habe es geheißen, seien nötig für den Job in Deutschland, viel Zeit zum Lesen und Verstehen des Inhalts sei aber nicht mehr gewesen. Unterschrieben hätten sie etwa, dass sie einverstanden sind mit Löhnen von 4,50 bis sieben Euro, deutlich weniger als das vorgeschriebene Mindestniveau von gut acht Euro netto. Sie hätten aber auch Schuldscheine zugunsten ihrer Firma unterzeichnet und ihrem Arbeitgeber Generalvollmachten über ihre Konten gegeben.

Nur wenige wagen die Aussage

Von Herbst an arbeiteten die meisten von Ulusans heutigen Mandanten auf zwei Münchner Baustellen, beim Neubau der ADAC-Zentrale und des Skyline-Turmes in der Parkstadt Schwabing. Im Dezember dann durchleuchtete die Finanzkontrolle Schwarzarbeit des Zolls die türkische Firma. Zunächst schwiegen die Arbeiter noch, heißt es in Ermittlungskreisen, aber weil sie nicht einmal den vereinbarten Mini-Lohn erhielten, sondern laut Zoll nur vier Euro, packten sie im Februar aus.

Für die Fahnder womöglich ein Glücksfall, denn nur die wenigsten der um ihr Geld geprellten ausländischen Arbeitnehmer wagen eine Aussage. Zoll und Staatsanwaltschaft ermitteln seither gegen den Arbeitgeber, gegen ein weiteres türkisches Unternehmen und gegen deren deutsche Auftraggeber. Dieses bayerische Unternehmen soll den beiden türkischen Firmen in den vergangenen fünf Jahren Aufträge für rund 40 Millionen Euro gegeben haben. Der Vorwurf lautet auf Vorenthalten von Sozialbeiträgen, Lohnwucher und Verstoß gegen das Ausländergesetz.

Lutz Schorler weist im Namen des Arbeitgebers der 44 Türken die Vorwürfe zurück: "Es wurde der Mindestlohn gezahlt", betont der Rechtsanwalt. Entsprechende Listen hätten die Männer auch unterzeichnet. Und was die Unterschriften vor der Abreise angeht, so hätten die Arbeiter genau gewusst, was sie da unterschreiben.

Der Druck steigt - auch von der Familie

Die Schuldscheine seien lediglich vorgelegt worden, um die geleisteten Vorschüsse der Firma abzusichern, denn nur dank dieser Vorschüsse hätten die Arbeiter überhaupt nach Deutschland kommen können. Außerdem, sagt Anwalt Schorler, habe es 2006 schon einmal solche Vorwürfe gegen seine Mandantschaft gegeben, damals von drei Arbeitern. Am Ende aber sei nichts davon übrig geblieben.

Anwältin Ulusan erzählt eine andere Geschichte und weiß die Fahnder des Zolls mit ihrer Erfahrung hinter sich: Dumpinglöhne sind auf großen Baustellen eher die Regel als die Ausnahme. Inzwischen, berichtet Ulusan, würden die Arbeiter, die längst wieder in ihren Dörfern leben, von ihrem ehemaligen Arbeitgeber unter Druck gesetzt, nach dem Motto: Entweder du ziehst deine Forderung in Deutschland zurück, oder wir vollstrecken den Schuldschein.

Das bringe ganze Familien in Aufruhr, sagt Ulusan, so dass inzwischen auch so manche Ehefrau Druck ausübe auf den Mann, um nicht noch mehr Ärger zu bekommen. Umso schwieriger werde es, den Prozess in Deutschland zu gewinnen.