Erkältungen "Das Bierzelt ist für Viren eine nahezu ideale Umgebung"

  • Die Wiesn-Grippe ist legendär - und sie ist keine eingebildete Krankheit.
  • Die Welle der Atemwegserkrankungen beginnt in und um München jedes Jahr ein paar Wochen früher als im Rest der Republik.
  • Das liegt wohl auch daran, dass sich die Erreger in den warmen, vollen Zelten bestens verteilen können.
Von Stephan Handel

Es gibt ja so einige wiesn-induzierte Krankheiten, das heißt Malaisen, die auf die eine oder andere Weise mit dem Oktoberfest zusammenhängen sollen - zum Beispiel die Leder-Allergie; sie äußert sich in rasenden Kopfschmerzen, wenn man morgens aufwacht und die Schuhe noch anhat.

Etwas ernster zu nehmen ist allerdings die Wiesn-Grippe. Sie erhält nun erstmals sozusagen wissenschaftliche Weihen: Tatsächlich beginnt die Welle an so genannten akuten respiratorischen Erkrankungen, also Erkrankungen der Atemwege, in und um München jedes Jahr ein paar Wochen früher als im Rest der Republik. "Dafür gibt es keine andere vernünftige Erklärung als das Oktoberfest", sagt Ulrike Protzer.

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Protzer sollte das wissen, denn sie ist Chefin des Instituts für Virologie an der TU und der gleichnamigen Einrichtung am Helmholtz Zentrum München. In ihrem Büro mit Blick auf das Klinikum rechts der Isar öffnet sie eine Seite auf ihrem Laptop: Das Robert-Koch-Institut in Berlin sammelt die Meldungen ausgewählter Arztpraxen über Atemwegserkrankungen und erstellt davon unter anderem Landkarten, die den Verlauf der alljährlichen Erkältungswelle zeigt.

Und tatsächlich beginnt praktisch in jedem Jahr um die 41. Kalenderwoche herum ein lokaler Schwerpunkt der Erkrankungen um München herum, während der Rest des Landes noch unbehelligt vor sich hin atmet. Die Infektionen breiten sich mehr oder weniger in Bayern aus, erlöschen dann aber auch wieder - bis gegen Ende des jeweiligen Jahres die große Welle losbricht und ganz Deutschland schnieft und hustet.

"Das Bierzelt ist für Viren eine nahezu ideale Umgebung", sagt Ulrike Protzer: Viele Menschen auf engem Raum, dazu hohe Temperaturen und viel Feuchtigkeit in der Luft - das brauchen die Krankheitserreger, um möglichst lange aktiv bleiben und von Wirt zu Wirt springen zu können. Damit sind nicht die Wiesnwirte gemeint, die in diesem Fall mal ausnahmsweise nicht schuld sind an allen Übeln dieser Welt: Vielmehr werden so die Menschen bezeichnet, die einen Virus bereits in sich tragen.

Husten oder Niesen katapultiert die Erreger weit weg

Dieser muss nun, um sich weiter vermehren zu können, zu neuen Wirten gelangen. Hinterhältiger Weise, allerdings zu seinem eigenen Vorteil, reizt er die Schleimhäute seines Gastgebers so, dass dieser niesen muss oder husten. Und dadurch katapultieren sich die Erreger dann in die Umgebung, in einem Umkreis von drei bis vier Metern bei einem kräftigen Hatschi.

Die neuen Wirte bieten den Viren gleich in mehrfacher Hinsicht optimale Bedingungen: Der unvermeidbare Alkohol führt dazu, dass das Immunsystem weniger leistungsfähig ist. Wenn der Wiesnbesucher zudem schwitzt und dann eventuell ins kühle Freie geht, dann ziehen sich seine Blutgefäße zusammen, mit der Folge, dass die Schleimhäute weniger durchblutet werden. Dadurch werden auch weniger Lymphozyten dorthin transportiert, die eigentlich für die Abwehr von Krankheitserregern zuständig wären - man "erkältet" sich also nicht an niedrigen Temperaturen, sondern daran, dass der Körper bei Kälte weniger Widerstandskraft aufbieten kann.