Erinnerung an Nazi-Verbrechen "KZ" und dann noch 138 Zeichen

Das "Jourhaus", der Eingang zum KZ, ist eines der Motive, die in der Gedenkstätte am häufigsten aufgenommen werden.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Die Gedenkstätte in Dachau ermuntert Besucher dazu, ihre Eindrücke zu twittern. Doch passt der Zwang zur Kürze zu historisch anspruchsvoller Aufarbeitung?

Von Thomas Jordan

"Ich achte sehr genau auf meine Wortwahl", sagt Steffen Jost. Der 36-Jährige bietet seit Kurzem Social-Media-Rundgänge durch das ehemalige Konzentrationslager Dachau an. Der Mitarbeiter des Max-Mannheimer-Studienzentrums postet dann selbst Zusatzinfos in sozialen Netzwerken wie Twitter und Instagram.

Auch die Teilnehmer seiner Rundgänge sollen dies tun. Jost will so vor allem jüngere Menschen erreichen. Aber wie verträgt sich das - hier die historisch anspruchsvolle Aufarbeitung des grausamen Geschehens im KZ und dort der Zwang zum kurzen, knackigen Tweet mit 140 Zeichen und zum schnellen markanten Foto auf Instagram?

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Gerade hat Jost die Teilnehmer seiner Social-Media-Führung mit ihrem Smartphone losgeschickt. Es ist Samstag, der Auftrag lautet, ein Foto zu machen, auf dem verschiedene Zeitschichten des 1933 errichteten und ab 1965 zur Gedenkstätte umgebauten Lagers zu sehen sind. Birgit Vötter ist eine von ihnen. Die 37-jährige Notarangestellte ist in Dachau aufgewachsen und hat schon als Kind mit ihrem Großvater über das Konzentrationslager gesprochen: "Es wurde bei uns in der Familie nie ein Geheimnis darum gemacht."

Seither interessiert sie sich für die Geschichte des Lagers, auf Facebook hat sie von dem "Tweetup und Instawalk" erfahren, wie Jost seine Führung nennt. Vötter ist motiviert, aber gerade etwas "überfordert", wie sie sagt.

"Zuhören und posten", das sei ein bisschen viel, außerdem habe sie gerade kein Netz, um ihre Fotos online zu stellen. Sie gehöre der Generation zwischen 30 und 40 an, sagt die 37-Jährige und lacht, die "will zwar immer dabei sein in den neuen Medien, aber ist sich manchmal nicht ganz sicher". Bettina Löchinger war da schneller. Sie gibt selbst englisch- und spanischsprachige Führungen auf dem KZ-Gelände. Sie will sich vom Historiker Jost Tipps für ihre eigenen Rundgänge holen. Gerade eben hat sie ein Foto auf ihrem Instagram-Account veröffentlicht: Das schwarze Eisentor im "Jourhaus", dem Eingang zum KZ, mit seinem berüchtigten Schriftzug "Arbeit macht frei".

Die Besucher erkennen die Macht der Bilder

Bei Instagram ist dies das am häufigsten fotografierte Motiv von Besuchern des ehemaligen KZ-Areals. Auch Bettina Löchinger hat das Foto mit dem zynischen Spruch wegen seiner Symbolkraft gepostet. In der Gruppe entspinnt sich wenig später eine Diskussion darüber, welche Bilder man online posten darf und welche nicht. Für ein Forschungsprojekt hat der Historiker Steffen Jost einmal zwei Monate lang rund 1000 Bilder auf Instagram untersucht, die zum KZ Dachau online veröffentlicht wurden. Jost ist ein nachdenklicher Mensch, er will nicht vorschnell werten. Insgesamt habe es viel weniger negative Bilder gegeben als erwartet, nur ein einziger Post etwa sei klar von einem Nazi gewesen.

"Unpassend" findet der Tourguide es aber, wenn Fotos aus dem ehemaligen Konzentrationslager ohne Unterschied "in die touristische Routine" eingepasst werden: "Selfie vor BMW-Welt, vor Allianz-Arena, vor Krematorium." Und beim Zwang, sich möglichst knapp und pointiert auszudrücken, müsse man "aufpassen, dass einem nicht die Tätersprache unterläuft", sagt Jost. Und man dann zum Beispiel in der Eile das Wort "Zigeuner" twittere.

Jost geht es bei seinen Social-Media-Rundgängen vor allem darum, Diskussionen anzuregen und die Teilnehmer auf die Macht der Bilder und der Worte aufmerksam zu machen. Bei Birgit Vötter hat das während des gut dreistündigen Rundgangs bereits funktioniert. Sie blickt nun misstrauischer auf die zeitgenössischen Fotos von Häftlingen in der Gedenkstätte. Oftmals sind es Propagandafotos, bei denen der Fotograf die Häftlinge als Warnung an die Bevölkerung eine bestimmte Pose hat einnehmen lassen.

Am Schluss bekommen die Teilnehmer die Macht der Bilder am eigenen Leib zu spüren. Beim internationalen Mahnmal, das im Stacheldraht verhakte Leiber zeigt, gestikuliert ein älterer Herr mit weißem Bart wild durch die Luft, er pfeift kräftig in Richtung der "Instawalker". Nach kurzer Verwirrung ist klar: Er will mit seinem Smartphone ein Foto vom Mahnmal machen. Ohne Menschen.

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