Entscheide zu Winterspielen 2022 Bürger lassen Münchner Olympiabewerbung durchfallen

Die Grünen freuen sich über das Scheitern des Olympia-Entscheids: Christian Hierneis, Katharina Schulze und Ludwig Hartmann

Das Münchner Olympia-Projekt ist an den Bürgern gescheitert. In allen vier Abstimmungsgebieten liegen die Gegner vorne. Vor allem im Landkreis Traunstein fällt das Ergebnis überraschend deutlich aus. Ein populärer Gegner wertet das Votum als Zeichen, dass in ganz Deutschland Olympia-Bewerbungen künftig vom Tisch sind.

Der Newsblog in der Nachlese

München will sich um die Olympischen Winterspiele 2022 bewerben - doch zunächst konnten an diesem Sonntag die Menschen in vier getrennten Bürgerentscheiden abstimmen. Schnell zeichnet sich ein Trend ab - die Gegner liegen fast überall vorne. Das erste Endergebnis kommt aus Garmisch-Partenkirchen. Dort ist Olympia bei den Bürgern durchgefallen. Aus München berichten Dominik Hutter, Marco Völklein und Melanie Staudinger, in Garmisch-Partenkirchen ist Katja Riedel, in Bad Reichenhall im Berchtesgadener Land Martin Mühlfenzl und in Traunstein Heiner Effern. In der Redaktion betreuen Anna Fischhaber und Sebastian Gierke den Newsblog.

  • Nach Garmisch-Partenkirchen haben auch die Menschen in München, im Berchtesgadener Land und im Landkreis Traunstein dem Olympia-Projekt eine Absage erteilt. Links zu Einzelergebnissen finden Sie unten.
  • Die Wahlbeteiligung in München war schwächer als bei früheren Bürgerentscheiden. Im Landkreis Traunstein und in Garmisch-Partenkirchen war das Interesse größer. Das Quorum wurde überall erreicht.
  • Mit Enttäuschung hat Münchens OB Ude auf das Olympia-Nein der Bürger reagiert. "Ich bin der Ansicht, dass es nicht am Konzept gelegen hat", sagte er.
  • Auch Ministerpräsident Horst Seehofer bedauerte das Ergebnis, äußerte aber Verständnis. Offenbar seien die Bürger der Ansicht gewesen, dass der Spitzensport vor allem durch Kommerz bestimmt werde und er deswegen große Veranstaltungen auch alleine finanzieren solle, sagte Seehofer der Süddeutschen Zeitung.

München

Der Olympiapark in München. Die Wahlbeteiligung ist in der Landeshauptstadt eher mau.

Die TV-Teams sind abgezogen, Unterstützer wie Gegner der Bewerbung haben das KVR längst verlassen. Die Mitarbeiter des Wahlamts packen die Computerbildschirme zusammen; Kellner räumen leere Teller und Gläser von den Stehtischen. An einem Tisch steht noch OB Christian Ude und steckt die Köpfe zusammen mit Ex-Stadträtin Claudia Tausend, die seit kurzem für die Münchner SPD im Bundestag sitzt. Der Traum von Olympia 2022 - er ist zerplatzt.

Das Ergebnis aus München war zuletzt gekommen. Um kurz vor 20 Uhr sind schließlich alle 474 Wahllokale ausgezählt. Das Ergebnis: 47,9 Prozent dafür, 52,1 dagegen. Wie auch bei den drei anderen Abstimmungen haben die Bürger in der Landeshauptstadt die Olympiabewerbung durchfallen lassen. Ude reagiert enttäuscht - will das aber nicht als Ablehnung des Konzepts verstanden wissen, sondern von Sport-Großereignissen generell.

FDP-Fraktionschef Michael Mattar schiebt das Ergebnis dagegen aufs Timing - und auf Ude: "Ich bin mir sicher, hätten wir den Bürgerentscheid mit der Bundestagswahl zusammengelegt, wäre das Ergebnis repräsentativer und vom Ergebnis her anders ausgefallen. Aber das war der Wunsch des Oberbürgermeisters. Bei einer höheren Wahlbeteiligung hätten wir größere Chancen gehabt." Überrascht zeigt sich der Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes, Michael Vesper, in München. Er will es jetzt den Gremien und den beteiligten Kommunen überlassen, ob Deutschland nochmal zu Olympischen Sommer- oder Winterspielen antritt. "Dazu werden wir heute keine Aussage treffen", sagt er.

"Das Votum ist kein Zeichen gegen den Sport, aber gegen die Profitgier des IOC", kommentiert Ludwig Hartmann, der Fraktionsvorsitzende der Grünen im bayerischen Landtag und einer der Wortführer des Bündnisses "NOlympia". Eine Meinung zu Olympischen Spielen in Deutschland hat er auch: "Ich glaube, in ganz Deutschland sind Olympia-Bewerbungen mit dem heutigen Tag vom Tisch. Zuerst muss sich das IOC ändern. Nicht die Städte müssen sich dem IOC anpassen, sondern umgekehrt".

Insgesamt 1,3 Millionen Bürger waren bei den Bürgerentscheiden stimmberechtigt, allein in München knapp 1,08 Millionen Menschen. Damit der Entscheid eine rechtlich bindende Kraft hat, mussten zehn Prozent der Stimmberechtigten dafür oder dagegen stimmen. In der Landeshauptstadt waren das 107.524 Bürger. Um 17.30 Uhr lag die Wahlbeteiligung in München bei 29,5 Prozent - niedriger als etwa beim Bürgerentscheid 2012 über die dritte Startbahn. Damals hatten zum gleichen Zeitpunkt 33,2 Prozent abgestimmt. Das Quorum ist damit erreicht.

Interessantes Detail zur Abstimmung in München: Die Befürworter von Olympia 2022 haben eindeutig per Briefwahl abgestimmt. In den Briefwahlbezirken betrug die Zustimmung 54,1 Prozent, nur 45,9 Prozent der Briefwähler stimmten gegen Olympia. Bei den Urnenwählern dagegen lag das Verhältnis gerade anders herum: 44,2 Prozent sprachen sich für Olympia 2022 aus, 55,8 Prozent stimmten dagegen.

Vor dem Ergebnis hatte ein ÖDP-Mitglied im Moosacher Bezirksausschuss angekündigt, den Entscheid anzufechten. Eberhard Ryba empört sich, dass der Abstimmungsbenachrichtigung nur ein Informationsblatt mit Pro-Olympia-Argumenten beilag. Ob er dabei bleibt - nachdem die Gegner gewonnen haben - ist nicht klar.

Die Ergebnisse aus München finden Sie unter: http://www.wahlen-muenchen.de.

Ein Mann nach der Stimmabgabe in Garmisch-Partenkirchen. Hier wurde als erstes die Niederlage bekannt.

Garmisch-Partenkirchen

Das Statement von Bürgermeister Thomas Schmid dauert nicht einmal eine Minute: Er stellt lediglich die blanken Zahlen vor. Das Ergebnis sei zwar "denkbar knapp, aber doch dagegen", das werde er als Bürgermeister genauso akzeptieren wie der Gemeinderat. "Ich glaube schon, dass das Konzept diesmal ein Besseres war. Aber die Angst vor Großveranstaltungen wird in Deutschland immer größer, momentan ist die Gesellschaft nicht für diese Veranstaltungen zu gewinnen", sagt er - ähnlich wie später Ude. 51,56 Prozent stimmten nach dem vorläufigen amtlichen Endergebnis in Garmisch-Partenkirchen mit Nein, gerade 48,44 Prozent mit Ja.

Bei der letzten Bewerbung war Garmisch-Partenkirchen die Hochburg sämtlicher Entladungen. Damals erzwangen die Gegner nachträglich eine Abstimmung - etwas mehr als die Hälfte der Wähler stimmten da noch für eine Bewerbung. Diesmal schien sogar noch mehr Eintracht zu herrschen - das neue Konzept entlastet den Ort. Deshalb gingen viele zunächst von einer olympischen Mehrheit aus.

Umso größer ist nun die Freude der Gegner: Axel Doering, Garmisch-Partenkirchener Kopf von NOlympia, sagt: "Heute bin ich erleichtert, dass die Leute sich nicht von Hoffnungen leiten lassen. Bei der letzten Kampagne musste wir über den Host-City Vertrag und die anderen Verträge mit dem IOC informieren. Dieses Mal haben die Leute sie gleich mitgebracht und Knebelverträge genannt." Er werde sich jetzt in seinen Sessel setzen und freuen.

Garmisch-Partenkirchen veröffentlicht die Ergebnisse aus den Abstimmungsbezirken unter http://buergerservice.gapa.de.

Berchtesgadener Land

Nach Garmisch-Partenkirchen haben auch die Menschen im Berchtesgadener Land dem Münchner Olympia-Projekt eine Absage erteilt. Dabei hatte sich Landrat Georg Grabner zunächst zuversichtlich gegeben, dann kam das erste Ergebnis: In der Gemeinde Bischofswiesen haben sich die Olympiagegner durchgesetzt. 1312 Bürger votierten mit Ja, 1417 mit Nein. Schnell zeichnet sich auch hier ein Trend ab: Auch in den Gemeinden Anger und Marktschellenberg liegen die Gegner klar vorne.

Die Einwohner der Gemeinde mit der Kunsteisbahn wollen dagegen die Spiele: In Schönau am Königssee liegen die Befürworter mit 1249 Stimmen vorne, die Gegner kommen auf 928 Stimmen. Ein knappes Rennen gibt es in der größten Kommune des Landkreises Berchtesgadener Land: Zunächst führen die Gegner, In Bad Reichenhall führen die Gegner zunächst mit 2678 Stimmen, die Befürworter kommen auf 2569 Stimmen. Insgesamt liegt die Ablehnung im Landkreis schließlich bei 54,02 Prozent.

Die Ergebnisse im Detail: http://www.lra-bgl.de/

Landkreis Traunstein

Im Foyer vor dem Sitzungssaal im Rathaus Traunstein ist die Stimmung zunächst noch gut, die ersten Pilsflaschen werden geöffnet. Oberbürgermeister Manfred Kösterke sagt: "Ich bin Optimist." Zum Daumendrücken ist der Langläufer Tobias Angerer gekommen, zweifacher Gesamtweltcup-Sieger und Silbermedaillengewinner bei olympischen Spielen. Am Quorum zweifelt hier niemand mehr, am Ausgang offensichtlich auch nicht. Jedenfalls offiziell.

Dann kommen die ersten Zahlen: Die Gemeinde Marquartstein stimmt mit 70 Prozent dagegen. Der Ort liegt nah an den Bergen, die Gesichter der Befürworter werden besorgter. Und es geht so weiter: Selbst in Inzell, Standort des Oly-Dorfes und des Medienzentrums, findet sich keine Mehrheit. Im Gegenteil, dort endet der Entscheid in einem Desaster: Mehr als 68 Prozent der Wähler sind dagegen. Ruhpolding, Ausrichter für Biathlon und Langlauf, steht mit einem guten, wenn auch nicht überragenden Ergebnis hinter der Bewerbung: 57 Prozent stimmten dafür. Insgesamt stimmen am Sonntag 59,67 Prozent der Wähler in Traunstein gegen das Großprojekt - deutlich mehr als in den anderen drei Abstimmungsorten.

Die Feier steigt am Abend im Cafe Lenz. Dort sind die Gegner versammelt, die von Niederlage nichts wissen wollen: Es ist ein Sieg für die Region und ihre nachhaltige Entwicklung, sagt Sepp Hohlweger, Fraktionschef der Grünen im Kreistag.

Die Ergebnisse: http://wahlen.traunstein.com/