Waldarbeiter Gut im Schnitt

Die tödlichen Unfälle bei Baumfällarbeiten haben in Bayern vergangenes Jahr einen Höchststand erreicht. Im Landkreis Ebersberg passiert vergleichsweise wenig. Doch auch in den hiesigen Wäldern steigt die Gefahr

Von Korbinian Eisenberger

Friederike war umwerfend, der Sturm hat diese Fichte entwurzelt und niedergestreckt. Jetzt liegt sie auf dem Waldboden, ein stolzer Stamm von 30 Metern Länge, aus dem Erdreich entrissen, aber immer noch schwer und wuchtig. "Der gefährlichste Teil ist der Wurzelstock am Fuß des Baumes", sagt einer, der es wissen muss. Der Mann mit dem Schutzhelm hat die Stirn in Falten, er war dabei, damals, als sein Kollege fatalerweise hinter so einem entwurzelten Baum vorbeiging. Das Verhängnisvolle: "Der Stock war dreimal so hoch und fünfmal so schwer wie dieser hier". Und plötzlich fiel er um und erdrückte seinen Kollegen. "Ich konnte der Familie nur noch seine Uhr und seinen Geldbeutel heimbringen."

Waldarbeiter Sepp Nagler versucht, den Wurzelstock einer Fichte umzukippen.

(Foto: Christian Endt)

Kurt Rausch ist Forstwirtschaftsmeister, einer der Chefs im Ebersberger Forst. Er hat viel erlebt hier, doch die Szene von damals geht ihm heute noch nahe. Eine kleine Unachtsamkeit war es, die einem dreifachen Familienvater vom Forstamt Anzing das Leben kostete. Die Erinnerung von Kurt Rausch ist zwar bereits gut 20 Jahre her. In diesen Wochen und Monaten sind solche Unfälle jedoch so aktuell wie lange nicht. Bei Baumfällarbeiten sterben in Bayerns Wäldern derzeit so viele Menschen wie seit zehn Jahren nicht mehr. Rauschs Arbeit ist gefährlicher denn je.

Hier fällt gerade eine umgesägte Fichte.

(Foto: Christian Endt)

Ein Freitagmittag, die ersten Wochenendausflügler sind auf den Wegen im Ebersberger Forst unterwegs. Es raschelt und zwitschert, da wird die Frühlingsstimmung von einer Motorsäge durchbrochen. Kurt Rausch und seine Männer vom Forstbetrieb sind in voller Montur am Werk, hier war der Borkenkäfer unterwegs, das sieht man an den rotgefärbten Fichtenkronen. Markus Mansky aus Buch am Buchrain setzt die Säge an einem 35-Meter-Baum an, Fallkerb, Sohlenschnitt, Dachschnitt, Bruchleiste. Der 40-Jährige ist Forstwirt, 25 Jahre Erfahrung, das sieht und hört man. "Obacht", ruft er, dann geht die Säge aus. Die Fichte fällt zwischen zwei gesunden Bäumen auf den Boden. Ein Paradebeispiel, wie man es richtig macht.

Die fünf vom Forstbetrieb.

(Foto: Christian Endt)

Das Problem: Vergangenes Jahr wurde deutlich, dass viele nicht wissen, was sie tun, wenn sie mit der Motorsäge in den Wald fahren. Besonders drastisch ist der Anstieg bei den tödlichen Unfällen: Zwischen 2007 und 2016 kamen in Bayern pro Jahr durchschnittlich 14 Menschen bei Waldarbeiten ums Leben. Vergangenes Jahr waren es nun 25, neun mehr als noch 2016. Erhoben werden die Zahlen von der Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG). Deren Leiter Friedrich Allinger erklärt sich den Anstieg vor allem durch die jüngste Borkenkäfer-Plage. "Dadurch müssen die Waldbesitzer mehr Bäume fällen", sagt er.

Auch in den hiesigen Wäldern steigt die Unfallgefahr für Waldarbeiter.

(Foto: Christian Endt)

Immerhin: Im Landkreis Ebersberg, zu dem eines der größten Forstgebiete im Freistaat gehört, wurde seit 2010 kein Todesfall mehr gemeldet. Doch auch hier steigt die Gefahr im Wald. "Wir versuchen Amateure mit Kursen vor Fehlern zu bewahren", sagt Heinz Utschig, der Forstamtsleiter. Er steht mit Schutzkleidung und Helm in sicherer Entfernung zum Mann mit der Säge - 70 Meter Abstand, doppelte Baumlänge also.

Dass hier so lange keiner mehr von einem Baum erschlagen wurde, liegt auch daran, dass ein Großteil des Ebersberger Forstes dem Freistaat gehört und deshalb von Profis wie Josef Nagler bewirtschaftet wird. Der 59-Jährige ist jetzt mit dem Wendehaken zugange, damit sinkt das Risiko, dass man sich die Hand einzwickt. Der Forstinninger war vor 43 Jahren einer der allerersten Forstwirte im Landkreis Eberberg. Mit ihm sind um die 30 Waldarbeiter im Forst tätig, deutlich weniger als noch vor 20 Jahren, aber auch deutlich besser ausgerüstet. Anders als die 2100 Menschen, denen im Forst Privatwald gehört.

Hier beginnt das Dilemma: Privatwaldbesitzer sind nämlich dazu verpflichtet, ihr Waldstück zu pflegen. Dazu gehört, dass man befallene Bäume fällt oder fällen lässt. "Viele haben einen Motorsägen-Führerschein gemacht", sagt Utschig, einen zweitägigen Crashkurs also, bei dem Basiswissen vermittelt wird. In aller Regel darf man dann Bäume mit einem Stammdurchmesser von bis zu 30 Zentimeter fällen - oder dünne Bäume zersägen, die am Boden liegen. Allerdings sucht sich der Borkenkäfer gerne auch dickere Bäume aus. "Da überschätzen sich dann viele", sagt SVLFG-Leiter Allinger. Und dann wird es lebensgefährlich.

Die Gefahr liegt im Detail: Ein kranker Baum ist schlichtweg komplizierter zu fällen als ein gesunder. Ist ein Baum vom Borkenkäfer befallen, stirbt die Krone ab und verliert an Gewicht. Beim Fällen passiert es dann oft, dass eine morsche Fichte im Nachbarbaum hängen bleibt. Kurt Rauschs Männer würden in so einem Fall mit Bulldog und Seilwinde anrücken. Laien haben solche Geräte aber meistens nicht dabei. Wer dann an einem hängenden Baum rumsägt, geht ein hohes Risiko. "Weil man nicht mehr kontrollieren kann, wo er hinfällt", sagt Rausch. Seine Empfehlung: "An diesem Punkt muss man sich Hilfe holen", etwa vom Revierförster. Ansonsten kann eine vermeintlich kleine Leichtsinnigkeit zur großen Katastrophe führen.