Schwaigermoos Ein Dorf verschwindet

Mit dem Bau der dritten Startbahn würde Schwaigermoos von der Landkarte verschwinden. Die Ortsschilder gibt es schon nicht mehr. Eine Provokation sagen die zehn Menschen, die noch hier leben.

Von Florian Tempel

Die Ortsschilder sind einfach verschwunden. Seit etwa zwei Wochen stehen nur noch die Stahlpfosten mit leeren Rahmen da. Das kleine Schwaigermoos, das doch erst beim Bau der dritten Start- und Landebahn unter einer Betondecke verschwinden wird, ist schon jetzt namenlos.

Eine Provokation der Flughafen München Gesellschaft (FMG), mutmaßte daraufhin der Freisinger Landtagsabgeordnete Christian Magerl (Grüne) zornig. Die FMG wolle wohl den Eindruck erwecken, dass der Bau der dritten Startbahn jederzeit losgehen könne. FMG-Sprecher Edgar Engert wies den Verdacht amüsiert zurück: "Wir waren das nicht, wir würden niemals amtliche Schilder entfernen."

Oberdings Bürgermeister Helmut Lackner (CSU) glaubt die Lösung des Rätsels zu kennen: "Das waren wahrscheinlich Souvenirjäger." So wie seinerzeit, kurz bevor der Oberdinger Ortsteil Franzheim unter den Rollbahnen des Flughafens verschwand. Auch damals, erinnert sich Lackner, wurden die rechteckigen, gelben Ortstafeln über Nacht von Unbekannten abmontiert.

Eine Diebstahlsanzeige bei der Polizei hat sich die Gemeinde Oberding diesmal gespart. Neue Ortsschilder sind aber schon in Auftrag gegeben. Das sei Ehrensache, versichert Lackner, auch wenn es "einige hundert Euro kostet". Die Gemeinde Oberdings sei schließlich "klipp und klar" gegen die dritte Startbahn. Da wäre es ein schäbiges Zeichen, auf Ortsschilder für Schwaigermoos zu verzichten.

Tatsächlich ist Schwaigermoos jedoch fast schon ein Geisterort. Nur noch zehn Menschen wohnen dort. Seit den 1970er Jahren hat die FMG in Schwaigermoos gekauft, was immer sie kaufen konnte. Etwa zwei Drittel des Ortes sind bereits beim Bau des Flughafens verschwunden und von den verbliebenen elf Anwesen gehören mittlerweile neun der FMG.

Johann Knauer ist noch da. Knauer ist 1926 in Schwaigermoos zur Welt gekommen, im Dezember wird er hier 85 Jahre alt. Er und seine Ehefrau Maria, die vor 14 Tagen ihren 80. Geburtstag gefeiert hat, haben noch nicht verkauft. Ihr Haus liegt nur gut hundert Meter neben dem Flughafenzaun. "Man gewöhnt sich an alles", sagt Knauer, "wir sind mit dem Flughafen bislang eigentlich zurechtgekommen". Was aber werden soll, wenn die dritte Startbahn kommt, daran will er nicht denken. "Wir warten erst mal ab, ob sie wirklich gebaut wird."

Maria Daschner hat vor zwei Jahren ihr Anwesen, in dem sie seit ihrer Hochzeit 53 Jahre lang gelebt hat, an die FMG verkauft und ist nach Marzling umgezogen. Doch Schwaigermoos hat die 76-Jährige noch immer nicht losgelassen. Alle paar Tage fährt sie zu ihrem früheren Hof an der Birkenstraße.

Es stehen noch alte Möbel im Haus, in den Hallen rosten die landwirtschaftlichen Maschinen vor sich hin und ihr Sohn lagert sein Brennholz auf dem Hof. Johann Unsinn geht es ähnlich. Zwar wohnt er schon seit einigen Monaten in Moosburg. Doch auch er hat mit seinem Umzug noch nicht abgeschlossen. Zwei Tage in der Woche ist er regelmäßig in seinem Elternhaus in der Süßbachstraße. Vier andere wohnen noch in der Nachbarschaft, ein Ehepaar seit 25 Jahren. Doch sie sind nur Mieter und haben ihre Kündigungen von der FMG schon erhalten.

Dass die Ortsschilder von Schwaigermoos weg sind, ist wie ein Symbol für einen so oder so in Auflösung begriffenen Ort. Aber es ärgert Maria Daschner, weil es ein ungutes Zeichen ist: "Man fühlt sich wie ausradiert."