"Es war eine Verzweiflungstat" Warum die Familie Stimmer von Milchkühen auf Haselnüsse umstieg

Martin Stimmer mit seinem Sohn Felix in der Haselnusskehrmaschine, einer umgebauten Obsterntemaschine.

(Foto: Renate Schmidt)

Die Familie Stimmer aus Moosinning hat die Zucht von Milchkühen aufgegeben und erntet jetzt Haselnüsse. Sie bereut den Schritt nicht

Von Regina Bluhme, Moosinning

Jetzt geht es wieder los auf dem Hof der Familie Stimmer. Seit wenigen Tagen ist Erntezeit für die Haselnüsse ihrer 7,5 Hektar großen Plantage. Was als Verzweiflungstat aufgrund der niedrigen Milchpreise begonnen hat, hat sich mittlerweile zu einer Erfolgsgeschichte gemausert. Heuer erwarten die Stimmers einen Ertrag von circa 15 Tonnen. Die Nüsse werden entweder über den Online-Shop oder den Hofladen verkauft. Bereits seit der ersten Ernte 2011 gehen sie weg wie die warmen Semmeln.

"Ich wollte mein eigener Herr bleiben"

"Es war wirklich eine Verzweiflungstat", sagt Martin Stimmer. 90 Milchkühe hatte die elterliche Landwirtschaft im Stall stehen, mit Nachzucht waren es gut 150 Tiere. "Die Preise für Milch waren absolut im Keller im Keller. So hätte es nicht mehr weiter gehen können", sagt der 39-jährige Landwirt. Was nun? "Ich wusste nur eins: Ich wollte auf jeden Fall mein eigener Herr bleiben." Auf einer Informationsveranstaltung des Amts für Landwirtschaft wurde für den Anbau von Haselnüssen als alternative Einnahmequelle geworben. "Ich dachte: Wir versuchen es einfach."

2003 wurden auf den Feldern die ersten Sträucher gepflanzt. Am 13. März 2006, Vater Johann Stimmer weiß das Datum noch ganz genau, "kamen die Kühe weg vom Hof." Doch an einen reibungslosen Übergang war nicht zu denken. 2011 konnten die Stimmers erstmals die Haselnusssträucher ernten. Martin Stimmers Mutter Magdalena holte die erste Schubkarre Nüsse aus der Plantage, probehalber setzte sie der Sohn auf Ebay zum Verkauf. "Am nächsten Tag war alles weg. So ging es los." Auch sein Vater Johann Stimmer ist mittlerweile von dem Anbau überzeugt. "Ich war am Anfang gar nicht dafür", gibt der 68-Jährige zu, "jetzt muss ich meinem Sohn aber Recht geben."

90 Prozent der Nüsse werden über das Internet verkauft

An die 15 Tonnen Haselnüsse werden es heuer in der Erntezeit von Mitte September bis Ende Oktober schon werden, schätzen die Stimmers. 90 Prozent davon werden übers Internet im eigenen Webshop www.martls-haselnuss-shop.de verkauft, der Rest über den Hofladen. "Die Abnehmer kommen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum innerhalb Europas", berichtet Stimmer junior. Im Landkreis Erding gibt es laut Johann Stimmer noch weitere fünf Anbauer von Haselnüssen. "Wir sind aber die einzigen, die direkt vermarkten", so Johann Stimmer.

Dabei hilft die ganze Familie zusammen. Während sich Martin Stimmers Mutter Magdalena um die beiden Enkelkinder Lisa und Felix kümmert, bedient Vater Johann die rote Kehrmaschine, eine umgebaute Obsterntemaschine, die mithilfe von zwei Greifarmen die am Boden liegenden Haselnüsse zu einem sogenannten Schwad, einem Strang, zusammenkehrt. Sohn Martin fährt dann mit der eigentlichen Erntemaschine, die die Stränge aufsaugt, durch die Reihen. Anschließend geht es zu einer ehemaligen Hopfenzupfmaschine, die Martin Stimmers Ehefrau Daniela befüllt. Dort werden die Nüsse von Ästchen und Blättern gereinigt.

Einige Stammkunden kommen mit dem Rad aus München

Schließlich werden die Nüsse in mehreren Gängen nach Größe sortiert. Viele Maschinen hat Martin Stimmer selbst zusammengebaut. Für eine der Sortiermaschinen zum Beispiel hat er Teile der Einrichtung des ehemaligen Stierstalls verwendet sowie alte eiserne Reifen eines alten Fuhrwerks. "Es gibt in der Haselnussbranche nichts von der Stange", sagt der 39-jährige Landwirt. Da brauche es einen Pionier- und Erfindergeist. "Aber als Landwirt muss man immer improvisieren können."

Seit 2012 gibt es auch einen Hofladen, zu dem die Stammkundschaft schon mal bis aus München geradelt kommt, wie Martin Stimmer erzählt. Dort gibt es außerdem Schnaps und Likör aus Haselnüssen sowie eine Haselnusscreme, die Martin Stimmers Frau Daniela selbst herstellt. Besonders begehrt sind die erntefrischen, noch feuchten Nüsse, weiß der 39-Jährige. Die Stimmers lagern einen Teil davon in einem Kühlraum, damit sie auch bis Weihnachten frisch bleiben. Ein weiterer Teil wird getrocknet. Dabei schmecken die Nüsse nicht nur Zweibeinern: Etwa 50 Prozent der Ernte wird als Tierfutter verkauft. Die Besitzer von Streifenhörnchen oder auch Papageien fragen mitunter ganz verzweifelt nach, wann es denn wieder Nachschub gibt. Denn bei den Stimmer muss man schnell sein. Bisher war die Haselnussernte meist schon an Weihnachten ausverkauft.