Glücksspiel und Spielsucht Die Versuchung ist weiterhin groß

In Bayern leben laut Schätzungen 34 000 Menschen, bei denen von einem "pathologischen Spielverhalten" gesprochen werden kann.

(Foto: Robert Haas)

Erding verzeichnet weniger Konzessionen für Spielhallen, doch im bayerischen Vergleich stehen in der Stadt weiter überdurchschnittlich viele Geldspielautomaten. Die Beratungsstelle Prop ist besorgt über sinkende Beratungszahlen

Von Regina Bluhme, Erding

Sie heißen "Good Luck", "Cash Maxx" oder "New Fun": Geldspielautomaten versprechen Spaß und Gewinne - und in der Großen Kreisstadt Erding stehen bayernweit gesehen immer noch überdurchschnittlich viele von ihnen. Eine gute Nachricht gibt es: Im Vergleich zum Vorjahr hat sich in Erding die Zahl der Spielhallenkonzessionen und der Automaten verringert. Die Zahl der Spielsüchtigen, die bei der Suchtberatung von Prop Erding Hilfe suchen, ist ebenfalls zurückgegangen - aber das ist keine gute Nachricht. Offenbar wollen sich weniger Betroffene als früher helfen lassen.

Die meisten Städte eint ein Problem: Wie werden sie der vielen Spielhallen Herr? 2010 hat Erding ein eigenes Konzept entwickelt, laut Oberbürgermeister Max Gotz (CSU) "ein rechtlich hieb- und stichfestes". Einfach verbieten können die Kommunen die Ansiedlung von Spielhallen nicht. Damals wurde Gotz sogar eingeladen, das Konzept auf dem Städtetag vorzustellen. Erding hat sogenannte Ausschluss- wie auch Eignungsgebiete für neue Spielhallen festgelegt. Letztlich gibt es nur zwei Eignungsgebiete, teilt Christian Famira-Parcsetich, Leiter der Stadtentwicklung der Großen Kreisstadt, mit: Das Gewerbegebiet Erding Süd-West und das Gewerbegebiet Erding Nord-West.

Laut Famira-Parcsetich gibt es aktuell insgesamt 18 Spielhallenkonzessionen in der Stadt, eine weniger als 2016. Hallenautomaten werden 204 gezählt, das sind zwei weniger als 2016. Zehn Spielhallenstandorte gibt es, zwei weniger als noch 2014. Immerhin ein kleiner Rückgang.

Seit 2012 gilt zudem der neue Glücksspielstaatsvertrag. Danach muss unter anderem ein Mindestabstand von 250 Metern zwischen zwei Spielhallen bestehen. Allerdings gibt es in Bayern Ausnahmefallregelungen, weiß Konrad Landgraf, Geschäftsführer der Landesstelle für Glücksspielsucht Bayern (LSG): "Wenn die Spielhallenbetreiber bestimmte Investitionen nachweisen, können sie einen Härtefallantrag stellen. Nach meinen Informationen ist es allerdings so, dass so ziemlich alle Spielhallen ein Härtefall sind." Bei der Stadt Erding ist zu erfahren, dass bislang keine Härtefallregelung erforderlich war.

Alle zwei Jahre erhebt die LSG die Zahlen für Städte ab 10 000 Einwohnern. Derzeit liegen nur Zahlen aus 2016 vor und sie zeigen: Bei der Anzahl der Geldspielgeräte liegt Erding weiterhin über dem Bayernschnitt. Rein statistisch kommt auf 175 Erdinger ein Glücksspielgerät. Zum Vergleich: bayernweit sind es 326 Einwohner pro Glückspielgerät und in der Nachbarstadt Freising 282 Einwohner pro Gerät.

"Je größer das Angebot, desto höher die Nachfrage", weiß Konrad Landgraf. In Bayern stehen laut LSG insgesamt 21 353 Geldspielgeräte. Nicht einberechnet sind die Automaten, die in Gaststätten oder Kneipen auf Kundschaft warten. "Wir kennen diese Zahlen nicht, weil es in Bayern als einziges Bundesland keine Vergnügungssteuer gibt und somit die Geräte auch nicht erfasst sind", berichtet Landgraf.

Gleichzeitig gehen bayernweit die Zahlen der Spielsüchtigen nach oben. Die Diakonie Bayern hat kürzlich Alarm geschlagen: Seit 2013 sei die Zahl der Spielsüchtigen um 17 Prozent angestiegen. In Bayern leben laut Schätzungen der LSG 34 000 Menschen, bei denen von einem "pathologischen Spielverhalten" gesprochen werden könne. Ebenso viele hätten ein "problematisches Spielverhalten". Allerdings weist die Diakonie auch darauf hin, dass das häufigste Glücksspiel mit knapp 60 Prozent immer noch das klassische Lottospiel ist.

Online-Angebote werden sicherlich in Zukunft eine immer größere Rolle spielen, erklärt Konrad Landgraf, doch bis die heutigen Online-Spielsüchtigen Beratungsstellen aufsuchten, werde es dauern. Denn die Erfahrung zeige, dass sich Spielsüchtige erst nach einem sehr langen Zeitraum zu diesem Schritt entschließen. "Oft vergehen da zehn bis 15 Jahre", weiß Thomas Pölsterl, Leiter der Beratungs- und Behandlungsstelle Prop Erding.

Prop Erding verzeichnet nun einen leichten Rückgang der Beratungszahlen. Insgesamt suchten im vergangenen Jahr 700 Menschen mit einem Suchtproblem - oder deren Angehörige - Prop auf, darunter waren "nur" 30 von Spielsucht Betroffene. In den vergangenen Jahren hatte sich die Zahl auf circa 40 eingependelt. Eine gute Nachricht sei dieser Rückgang nicht, betont Thomas Pölsterl. Dies bedeute keinesfalls, dass es weniger Spielsüchtige im Landkreis gebe. Über die Gründe für den Rückgang könne er nur spekulieren, sagt Pölsterl. Womöglich habe es in der Vergangenheit bei den Patientenzahlen Ausreißer nach oben gegeben, vielleicht sei es auch ein gesamtgesellschaftliches Problem, "dass immer mehr Menschen einfach Angst haben, sich outen". Exakte Zahlen über Spielsüchtige im Landkreis könne er nicht nennen, "denn wir kennen nur die Patienten, die zu uns kommen". Die Dunkelziffer sei sehr hoch.

Die Versuchung in Erding sei groß, weil es hier eben viele Glückspielautomaten gebe. "Bayernweit war Erding immer vorne dabei", sagt Pölsterl. Das liegt seiner Ansicht an der Nachbarschaft zum Flughafen München. Auch zugezogene Schichtarbeiter könnten in Versuchung kommen, die Zeit oder die Einsamkeit an Glücksspielautomaten tot zu schlagen. "Die einen suchen den Kick, die anderen wollen abschalten." Der typische Patient jedenfalls, der zu Thomas Pölsterl ins die Beratung kommt, ist männlich, circa 40 Jahre alt und hat oft zwei oder drei Jobs.

Dass eine Spielhalle ein lohnendes Geschäft ist, zeigt eine weitere Zahl der Landesstelle für Glücksspielsucht: In Erding belief sich der sogenannte Kasseninhalt der Spielhallen 2016 auf rund sechs Millionen Euro, "das ist der Umsatz des Unternehmens", erklärt Landgraf, "oder anders ausgedrückt: Der Verlust der Spieler".