Amtsgericht Erding Tragischer Unfall bei Bauarbeiten

Einem jungen Mann ist ein furchtbarer Fehler passiert. Er hat alles gestanden.

(Foto: dpa)

32-jähriger Walzenfahrer wegen fahrlässiger Tötung zu hoher Geldstrafe verurteilt. Der 78-jährige Seniorchef wurde überrollt.

Von Gerhard Wilhelm, Erding

Manchmal genügen ein kurzer Moment oder eine Verkettung unglücklicher Umstände, damit ein Mensch sein Leben verliert und viele andere von dem Unglück schwer gezeichnet werden. Am Amtsgericht Erding wurde am Dienstag genau so ein Fall verhandelt. Vor Gericht stand ein 33-jähriger Bauarbeiter, der am 6. Mai vergangenen Jahres in Erding mit einer 8,4 Tonnen schweren Straßenwalze seinen 78-jährigen Seniorchef erfasst und überrollt hatte. Der sehr beliebte Mann starb noch an der Unfallstelle. Der Fahrer und ein weiterer Mitarbeiter des Fuhrunternehmers mussten sich nun dem Vorwurfs der fahrlässigen Tötung stellen. Beide wurden von Richter Andreas Wassermann zu Geldstrafen verurteilt.

Ein Wort fiel in der Verhandlung häufig: tragisch. Denn die Gründe, die zum Tod des 78-Jährigen führten, waren vielfältig, und vielleicht hätte ein einzelner den Unfall vermeiden können, der sich an dem Tag gegen 14.40 Uhr an der Falkenauer Straße ereignete. Laut der Beweisaufnahme und laut den beiden geständigen Angeklagten hatte sich Unfall folgendermaßen abgespielt: Für den damals 32-Jährigen war es der erste Tage in der Firma. Sein ebenfalls angeklagter 57-jähriger Schwiegervater hatte ihm den Nebenjob verschafft, damit etwas zusätzliches Geld in die Familienkasse des zweifachen Vaters kommt. Die Aufgabe war, einen Geh- und Radweg zu sanden mittels Straßenwalzen. Am Vormittag hatte der Mann seinen Schwiegersohn an einer gleichartigen, aber etwas kleineren Walze eingewiesen. Aber nach Meinung des Staatsanwaltes und des Gutachters wohl zu kurz, um die schwerere Maschine mit der 1,9 Meter breiten Walze schon genügend zu beherrschen. Selbst ein ganzer Tag mit der Straßenwalze hätte nach Meinung des Gutachters, der den Unfall untersucht hatte, nicht gereicht, um über ausreichend Erfahrung mit dem Fahrzeug zu verfügen, da dies weitaus direkter auf Lenkbewegungen reagieren würde als zum Beispiel ein Lastwagen.

Nach der Mittagspause, bei der auch das eine oder andere Bier getrunken worden war, setzte sich der 32-Jährige ans Steuer der Straßenwalze. Er fuhr rückwärts, da die Aufgabe nicht darin bestand, den Boden des Geh- und Radwegs zu verdichten, sondern Sand aus einem Behälter an der Walze zu verteilen. Und er fuhr nicht gerade langsam, wie der Gutachter ermittelte, wohl um die acht Stundenkilometer - maximal schafft das Fahrzeug zehn. Gleichzeitig muss sich der 78-Jährige der Straßenwalze genähert haben. Mit rund sechs Stundenkilometer, wie der Gutachter meint, da er für sein Alter noch ziemlich fit gewesen sei. Was dann folgte war verhängnisvoll: Der 32-jährige Fahrer sah den Mann wohl einerseits nicht rechtzeitig, weil er den Sitz im Fahrzeug nicht in eine bessere Position für die Rückwärtsfahrt gebracht hatte. Zudem lenkte er in die falsche Richtung. Der 78-Jährige wurde am Fuß von der Walze erfasst, stürzte und wurde am Thorax und Kopf von der tonnenschweren Walze überrollt - im Beisein seines minderjährigen Enkels, dem die Zeugenaussage aber erspart blieb, da sich Staatsanwaltschaft, Nebenklage, die beiden Verteidiger und Richter Wassermann nach der ersten Zeugenvernehmung - ein Polizisten, der zuerst vor Ort war - auf einen Strafmaßrahmen geeinigt hatten, wenn beide Angeklagte umfänglich den Vorwurf der fahrlässigen Tötung gestehen würden.

Für ein milderes Urteil für beide Angeklagten sprach vieles: Beide hatten weder im Straf- noch im Fahreignungsregister Einträge, und beide hat der Tod des 78-jährigen schwer getroffen. So sehr, dass beide heute noch in psychologischer Behandlung sind und unmittelbar nach dem Unfall wegen akuter Suizidgefahr ins Bezirkskrankenhaus Taufkirchen gefahren wurden. Dass beide der fahrlässigen Tötung schuldig sind, daran hatte auch Richter Wassermann keine Zweifel. Der damals 32-Jährige hätte mehrere Fehler gemacht: Er habe den Sitz nicht verstellt, sei zu schnell gewesen und habe zu spät reagiert. Der einzige "Tatbeitrag" seines Schwiegervater liege darin, dass er ihn nicht sorgfältig genug eingewiesen habe. Bei beiden Angeklagten blieb der Richter etwas unter den Forderungen des Staatsanwaltes. Der Fahrer wurde zu 210 Tagessätzen zu 33 Euro, sein Schwiegervater zu 90 Tagessätze von je 50 Euro verurteilt. Zudem muss der 33-Jährige für zwei Monate seinen Führerschein als "Warnfunktion" abgeben, damit er in Zukunft sorgfältiger im Straßenverkehr unterwegs ist. Der geringe Alkoholwert von 0,29 Promille habe keine Rolle gespielt.

"Mir tut das alles so leid. Ich würde es so gerne rückgängig machen, aber es geht leider nicht", sagte der 57-Jährige zur Familie des Toten.