Erding Jugendamt muss sich rechtfertigen

Einer Erdinger Mutter wird das Sorgerecht entzogen, weil sie nicht will, dass ihr Kind starke Beruhigungsmittel nehmen soll. Der Fall beschäftigt nun das Amtsgericht.

Von Mathias Weber

Es ist keine schöne Geschichte, für keine der Beteiligten. Weil es verhaltensauffällig ist und unter ADHS leidet, werden einem Kleinkind starke beruhigende Medikamente verabreicht. Die Mutter des Kindes aber möchte dies nicht: Ihre Tochter soll keine Tabletten zu sich nehmen müssen. Das zuständige Jugendamt aber sieht das Kindeswohl gefährdet - der Mutter wird das Sorgerecht entzogen, ihre Tochter weiter behandelt. Am 15. November vergangenen Jahres war das, die Mutter hat die Entscheidung am Telefon erfahren. Telefonate und Besuche wurden ihr untersagt.

Diese Geschichte, die sich in Erding zugetragen hat, hatte Ende vergangenen Jahres deutschlandweit für Aufsehen gesorgt, auch die Süddeutsche Zeitung hat über den Fall berichtet. Nun folgt die gerichtliche Auseinandersetzung in dem Fall, der auch grundsätzliche Bedeutung weit über Erding hinaus haben könnte. Derzeit läuft zum einen das Hauptverfahren, in dem die Mutter gegen den Sorgerechtsentzug durch das Jugendamt klagt. Bis hier eine Entscheidung gefallen ist, wird es noch dauern, so müssen zum Beispiel noch Gutachten erstellt werden.

Am kommenden Freitag allerdings wird in einer nicht-öffentlichen Sitzung am Amtsgericht erst einmal darüber entschieden, ob der Mutter zumindest wieder ein Besuchsrecht zuteil wird. Der Anwalt der Mutter, Florian Schäfer, hat dazu einen Eilantrag an das Gericht gestellt. Ein solches Besuchsrecht gibt es derzeit nicht zwischen der Mutter und dem Kind, sie haben sich seit zwei Wochen nicht gesehen.

Das Kind befindet sich im Moment in der Obhut des Vaters, dem das Jugendamt in Erding vor Kurzem das Sorgerecht zugesprochen hat. Dieser geht laut Schäfer mit der Ansicht des Jugendamtes konform, dass das Kind mit Medikamenten behandelt werden solle. Der Tochter wird ein Medikament verabreicht, das den Wirkstoff Methylphenidat enthält, der auch in Ritalin genutzt wird.

Kapitale Fehleinschätzung des Jugendamtes?

Für Menschen, die für die Mutter sprechen, ist die Sache klar: Die Entscheidung, ihr das Sorgerecht zu entziehen, sei eine kapitale Fehleinschätzung von Seiten des Jugendamtes. Anwalt Schäfer sagt, dieses Vorgehen sei "unerhört". "Hier ist ein Verfahren aufgezäumt worden, was so meiner Meinung nach rechtsstaatlich nicht geht", sagt er. Dass er mit seinem Eilantrag am Freitag Erfolg hat, das allerdings bezweifelt der Anwalt. Denn schon zuvor sei das Amtsgericht der Argumentation des Jugendamtes gefolgt und hätte gegen die Mutter entschieden. Sollte der Antrag auf Besuchsrecht abgewiesen werden, wolle die Mutter die nächsthöhere Instanz in München anrufen. Das Landratsamt Erding gibt vor der Entscheidung des Gerichts keine Stellungnahme ab.

Am Freitag soll auch der privat von der Mutter beauftragte Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuth Jürgen Karres als Gutachter die Situation beleuchten. Er sagt, dass die Tochter zwar ein hochgradig belastetes Kind sei. "Allerdings wird man dem Problem nicht Herr, wenn man ihr die einzige Bezugsperson wegnimmt". Statt ihr Medikamente zu geben, sollte ihr psychotherapeutische Behandlung zukommen.

Anwalt Schäfer warnt sogar davor, dass die weitere Medikamentation mit Methylphenidat negative Auswirkungen auf das Kind haben könnte. Ihm zufolge leide es an einer Art Epilepsie, welches durch das Medikament nur noch verschlimmert werden könnte. "Das Zeug kann gefährlich werden", sagt Anwalt Schäfer.

Ein Fall für die Erdinger Politik

Auch die Erdinger Politik befasst sich mittlerweile mit dem undurchsichtigen Fall. Die Piratenpartei hat einen offenen Brief an Landrat Martin Bayerstorfer (CSU) geschickt und kritisiert darin den Umgang mit der Mutter. So heißt es: "Ist es dem Kindeswohl tatsächlich zuträglich, die soziale Bindung zur Mutter zu unterbinden, nur um eine Medikamentation durchzusetzen?" Ein dauerhafter Sorgerechtsentzug könne nur das letzte Mittel sein. Die Piratenpartei bittet daher, die Notwendigkeit und die dauerhaften Konsequenzen eines Sorgerechtsentzuges kritisch zu hinterfragen.

Die Konsequenzen für die Mutter zumindest sind offensichtlich: "Sie wirkt gefasst, es geht ihr aber schlecht", sagt Anwalt Schäfer, der täglich mit seiner Mandantin in Kontakt ist. "Wie würden Sie sich fühlen? Man hat ihr das Kind weggenommen. Punkt."