Erding Für das Kindeswohl

Die Zahl der Fälle, in denen das Erdinger Amtsgericht Eltern im Jahr 2013 das Sorgerecht entzogen hat, ist im Vergleich zum Vorjahr mehr als doppelt so hoch. Ein Ausreißer, sagt Familienrichterin Gabriele Reichert

Von Mathias Weber, Erding

Im vergangenen Jahr hat die Zahl der Fälle, in denen ein Gericht in Erding einen Entzug des Sorgerechts entschieden hat, stark zugenommen. 78 mal haben Richter den Eltern das Sorgerecht ganz oder teilweise entzogen; Das sind mehr als doppelt so viele Fälle wie im Jahr 2012, da griff das Gericht nur in 28 Fällen ein.

Dass sich ein Trend abzeichnet, dass immer häufiger das Jugendamt aktiv wird, eine Gefährdung des Kindeswohls befürchtet und daher einen Sorgerechtsentzug anstrebt, diesen Eindruck hat Gabriele Reichert allerdings nicht. Die stellvertretende Leiterin des Erdinger Amtsgerichts ist Familienrichterin und betreut Entzugsfälle seit vielen Jahren. "Ich halte das Jahr 2012 für einen Ausreißer", sagt sie. In der Tat zeigen die Daten des Statistischen Landesamtes, dass die Zahl von Sorgerechtsentzügen bereits vor zwei Jahren, im Jahr 2011, so hoch waren wie nie: 85 Mal wurde damals der Entzug der elterlichen Sorgfalt angezeigt, und 85 Mal wurde der Anzeige von Seiten des Gerichts statt gegeben. In den Jahren zuvor schwankten die Zahlen allerdings immer wieder stark: 2008 zum Beispiel wurden 77 Anzeigen gestellt, aber nur 36 statt gegeben. 2009 waren es 35 Anzeigen, 33 Mal griff das Gericht ein.

Am Erdinger Amtsgericht entscheiden Richter über den Entzug des Sorgerechts von Eltern.

(Foto: Bauersachs)

Diese mitunter starken Sprünge von Jahr zu Jahr kann sich Richterin Reichert nur teilweise erklären. Sie macht zum einen den hohen Zuzug in die Erdinger Region verantwortlich - es gäbe einfach mehr Eltern im Landkreis, und offenbar auch mehr Eltern, die mit der Pflege ihrer Kinder überfordert seien. Das mache sich auch am Amtsgericht bemerkbar: Heute würden sich mehr Richter um Familienangelegenheiten kümmern als noch 2007, als sie als Richterin in Erding ihr Arbeit angefangen hatte, sagt Reichert. Sie erinnert allerdings auch daran, dass die große Mehrheit der Fälle, in denen das Jugendamt einschreitet, gar nicht vor Gericht landen. "Oft bekommen die Eltern auch schnell wieder Boden unter den Füßen", sagt sie. Überraschend hoch sind die Zahlen trotzdem, gerade im Vergleich. Denn bei den Nachbarn sieht es mitunter ganz anders aus: Im Jahr 2011 zum Beispiel, als in Erding rekordverdächtige 85 Fälle gemeldet wurden, gab es in Dachau 29, in Ebersberg sieben und in Freising nur drei mal einen Entzug oder auch nur teilweisen Entzug des Sorgerechts. In der bevölkerungsreichen Landeshauptstadt München waren es vergleichsweise nur wenige 226 Fälle.

Sorgerecht

Wenn das leibliche, seelische oder geistige Wohl eines Kindes durch Versagen, Vernachlässigung oder Missbrauch in Gefahr ist, können Gerichte als letzte Maßnahme das Sorgerecht entziehen. Allerding muss dies nicht immer komplett geschehen, auch ein teilweiser Entzug ist möglich, dann leben die Kinder vielleicht in Pflegefamilien oder Wohngruppen, die wesentlichen Entscheidungen werden aber mit den Eltern abgesprochen. Oder aber das Sorgerecht geht auf Verwandte über, die Großmutter zum Beispiel.

Aber kein Entzug muss für immer dauern. Die Gerichte überprüfen jährlich, ob das Sorgerecht wieder an die Eltern gegeben werden kann; Wenn sie ihre Lebenssituation zum Beispiel wieder von alleine oder mithilfe des Jugendamtes in den Griff bekommen. Allerdings: Je länger ein Kind bei einer Pflegefamilie bleibt, desto unwahrscheinlicher ist es, dass es zu einer Rückführung kommt. webe

Allerdings geht Reichert auch davon aus, dass die Jugendämter im ganzen Land heute sehr viel sensibilisierter sind als noch vor zehn Jahren. Fälle, in denen das Jugendamt nicht genau hingeschaut hat und Kinder zu Schaden kamen oder sogar gestorben sind, geistern immer wieder durch die Medien. "Auch deswegen gibt es mehr Verfahren wegen Kindeswohlgefährdung", sagt Reichert.

Auch im Landkreis Erding gibt es Fälle, über die zum Teil überregional berichtet wurde. Ein Ehepaar wurde zum Beispiel im Jahr 2008 zu langjährigen Haftstrafen wegen Totschlags durch Unterlassen verurteilt, weil sie ihr Baby schwer vernachlässigt hatten. Die Mutter, der bei dem Gerichtsverfahren eine verminderte Intelligenz attestiert wurde, hielt sich nur sporadisch bei dem Kind auf. Der Vater gab vor Gericht zu, das Kind vernachlässigt zu haben. Das Jugendamt schritt damals offenbar nicht ein. Auch ein anderer Fall, der es zu großer Medienaufmerksamkeit gebracht hat, beschäftigt derzeit das Amtsgericht. Einer Erdinger Mutter wurde das Sorgerecht entzogen, weil sie ihr Kind nicht mit bestimmten Medikamenten behandeln lassen wollte, einer Form von Ritalin. Das Jugendamt war anderer Meinung. Mittlerweile liegt das Sorgerecht beim Jugendamt. Der Vater hat kein Problem mit der Behandlung, die Mutter aber will das Sorgerecht zurück klagen. Abschließend ist dieser Fall noch nicht geklärt.