Bedrückende Bilanz Eintönig und verschlammt

Das Wasser der Flüsse und Bäche im Landkreis ist sauberer als früher. Doch die ökologische Verfassung hat sich verschlechtert. Die ursprüngliche biologische Vielfalt der Fließgewässer ist längst verschwunden

Von Thomas Daller, Landkreis

Die meisten Flüsse und Bäche in Deutschland sind ökologisch in einem schlechten Zustand. In 93 Prozent der Fließgewässer leben nicht mehr die Gemeinschaften aus Fischen, Pflanzen und Kleintieren, die man eigentlich dort vorfinden müsste. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen hervor. Auch im Landkreis Erding ist die ursprüngliche biologische Vielfalt der Fließgewässer längst verschwunden.

Strogen, Sempt, Isen und Vils sehen zwar sauberer aus als in den 1960er und 1970er Jahren. Damals waren die Kläranlagen noch nicht so leistungsfähig, stellenweise sah man den Bächen und Flüssen schon am Schaum die Belastung mit Phosphaten an. Die Wasserqualität hat sich seither deutlich gebessert, aber die ökologische Verfassung der Fließgewässer hat sich dennoch verschlechtert.

Das hat mehrere Ursachen: Die Gewässer sind mit Wehren und Kraftwerken verbaut, wodurch die Fischwanderungen zu den Laichplätzen unterbunden wurden. Auch die Landwirtschaft hat einen Teil dazu beigetragen, dass die Fließgewässer ökologisch verarmen: Bayern ist das einzige Bundesland, wo kein Gewässerrandstreifen verbindlich vorgeschrieben ist. Wenn die Landwirte ihre Äcker zu nahe am Ufer anlegen, schwemmt es bei starkem Regen fruchtbaren Oberboden inklusive Düngemittel in die Gewässer. Bachforellen, Äschen oder Nasen finden daher kaum noch geeignete Kieslaichplätze, die nicht verschlammt sind.

Ein Anblick hässlich und gemein: Im östlichen Landkreis ist die Verschlammung der Bäche und Flüsse besonders ausgeprägt. Die Große Vils bei Taufkirchen hat in der Fließgewässerbewertung eine Fünf, die schlechteste Note.

(Foto: Stephan Goerlich)

Die Verschlammung der Gewässer ist im Landkreis Erding auch ein strukturelles Problem, weil die kleinen Flüsse kaum Gefälle haben und der Schlamm nicht weggespült wird. Im östlichen Landkreis mit seinem tertiären Hügelland ist die Verschlammung der Gewässer besonders ausgeprägt. "Die Große Vils hat eine Fünf, die schlechteste Note", sagt Christian Leeb, Leiter des Wasserwirtschaftsamtes München.

Das Wasserwirtschaftsamt arbeite mit den Landwirtschaftsämtern zusammen, so Leeb; insbesondere auch, um Landwirte davon zu überzeugen, dass es in ihrem eigenen Interesse sei, freiwillig Abstand mit den Äckern zum Gewässer zu halten: "Viele Landwirte argumentieren mit dem Kostendruck, sie glauben, sie müssten bis zum letzten Meter ans Ufer ackern. Es ist ein Umdenkungsprozess, der lange Zeit in Anspruch nimmt."

In einem guten Zustand ist kein einziger der kleinen Flüsse und Bäche im Landkreis. Viele sind nicht nur verschlammt, sondern es fehlt auch an Wasserpflanzen und Makrozoobenthos, den kleinen wirbellosen Gewässertierchen. Diese Tierchen, wie beispielsweise die Larven der Eintags- und Köcherfliegen, bilden die Nahrungsgrundlage der Fische. Viele dieser Arten haben sich auf kiesige Bäche als Lebensraum spezialisiert. Mit der Verschlammung verschiebt sich auch dieses Artenspektrum. Auch deswegen muss das Wasserwirtschaftsamt Fließgewässer wie Schwillach oder Strogen regelmäßig entschlammen.

Christian Leeb, Leiter des Wasserwirtschaftsamts, sieht die Gefahr, das weitere Fischarten aussterben.

(Foto: Stephan Görlich)

Eine wichtige Aufgabe ist es zudem, für die Durchgängigkeit der Gewässer zu sorgen, damit die Laichwanderungen der Fische wieder stattfinden könnten, sagt Leeb. So plant das Wasserwirtschaftsamt in Erding eine Fischaufstiegsanlage vom Saubach in die Sempt zu errichten. Baubeginn soll 2019 sein. Aber nicht nur das Wasserwirtschaftsamt ist in der Pflicht, auch die privaten Betreiber von Bestandsanlagen müssen sie so herrichten, dass die Durchgängigkeit gegeben ist, sagt Leeb. Eigentlich sollte das auch schon längst umgesetzt sein. 2015 ist dafür die erste Frist abgelaufen, bis 2021 läuft nun der zweite Umsetzungszyklus und bis 2027 der dritte Zyklus. Da stellt sich allerdings die Frage, ob bis dahin nicht jene Fischarten ausgestorben sind, die diese Durchgängigkeit benötigen würden, um zu ihren Laichplätzen zu kommen. Leeb räumt ein, dass dies der Fall sein könne. Dann müsste man Fischarten neu besetzen; was aber nur bei den wenigen geht, für die es Zuchten gibt.