Erbschaftssteuer trifft München hart: Immobilienbesitzer werden Kosten auf die Mieter übertragen - Bund der Selbständigen ist für Abschaffung.
Münchner Hausbesitzer werden in Zukunft weit höhere Erbschaftssteuern bezahlen müssen als bisher. Das jedenfalls befürchtet der Hausbesitzerverein als Folge der Neuregelung der Erbschaftssteuer. Konsequenzen würde das auch für Mieter haben: Viele Hausbesitzer könnten ihre Immobilien nun an Investoren verkaufen - womit, so die Prognose, langfristig auch die Mieten steigen dürften.
Viele Hausbesitzer könnten ihre Immobilien nun an Investoren verkaufen - womit, so die Prognose, langfristig auch die Mieten steigen dürften. (© Foto: dpa)
Anzeige
"Mit einem lachenden und einem weinenden Auge" sieht Rudolf Stürzer den Kompromiss zur Erbschaftssteuer, auf den sich die große Koalition am Donnerstag in Berlin geeinigt hat. Gut sei, dass Eigentümer selbst genutzter Wohnungen um die Erbschaftssteuer herum kämen. Darüber sei er "sehr froh, das wäre eine Katastrophe gewesen", sagte Rudolf Stürzer.
Allerdings spiele das für München nicht die entscheidende Rolle: Der Anteil der Selbstnutzer liegt nach Stürzers Angaben in München bei etwa 20 Prozent. Die restlichen 80 Prozent der mehr als 500.000 Wohnungen im Großraum München seien dagegen vermietet. Deren Eigentümer müssten nun also sehr wohl Steuern bezahlen, wenn sie die Immobilie vererben. Um diese bezahlen zu können, müssten viele Erben die Häuser verkaufen. Das sei schon im vergangenen Jahr oft passiert, 2007 wechselten 217 Wohnhäuser den Besitzer. "Und grundsätzlich ist jeder Besitzerwechsel schlecht für die Mieter." Schließlich müssten gerade die vielen gewerblichen Immobilienkäufer die höchstmögliche Rendite erzielen.
"Wenn der Staat etwas gibt, muss er es anderswo nehmen"
Stürzer befürchtet, dass sich von nun an erheblich mehr Erben zum Verkauf entscheiden werden: "Das Steueraufkommen für den Staat soll ja gleich bleiben - wenn er den Selbstnutzern etwas gibt, muss er es anderswo nehmen." Dass das Erben von Mietwohnungen teurer wird, liegt auch in der Logik einer Forderung des Bundesverfassungsgerichts. Dieses verlangt, dass als Bemessungsgrundlage in Zukunft der Verkehrswert eines Gebäudes herangezogen wird.
Bisher wurde nur ein deutlich niedrigerer "Steuerwert" fällig. Stürzer betonte, dass niemand die Erbschaftssteuer direkt auf die Mieten umlegen werde. "Aber man wird die Kosten dann eben doch in seine nächste Kalkulation mit einbeziehen." Auf einem Mietmarkt wie München mit seiner traditionell hohen Nachfrage "ist der Spielraum dazu da."
"Wir sind enttäuscht"
Während also zumindest ein Teil der Eigentümer von Wohnimmobilien gut davon kommen wird, sehen Unternehmens-Lobbyisten den Kompromiss vorwiegend negativ: "Wir sind enttäuscht", teilte die Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern mit. Kritikwürdig erscheint IHK-Chef Peter Driessen vor allem, dass ein vererbtes Unternehmen weitgehend die gleiche Summe an Löhnen bezahlen muss - eine Regelung, die verhindern soll, dass Unternehmenserben im großen Stil Mitarbeiter entlassen.
Das sei gerade in kritischen Phasen ein Problem: Wenn ein Unternehmen nur überleben kann, wenn Mitarbeiter entlassen werden, "dann droht ihm nun noch zusätzlich die Erbschaftssteuer", sagte Driessen. Immerhin sei die Zeitspanne, in der ein Unternehmen nicht verkauft werden dürfe, von 15 auf zehn Jahre gesenkt worden.
Aus Sicht von Fritz Wickenhäuser, Präsident des Bundes der Selbständigen und selbst Hotelier in München, haben sich mit dem Koalitionskompromiss "gesellschaftliche Neiddebatten durchgesetzt". 12000 Unternehmen werden ihm zufolge bayernweit alljährlich übergeben. Durch die Erbschaftssteuer habe etwa ein familiengeführtes Unternehmen wie seines einen grundsätzlichen Nachteil gegenüber internationalen Hotelketten - "und 80 Prozent aller Unternehmen sind Familienunternehmen". Gerecht wäre "nur eine Abschaffung der Steuer".
- Thema
- Stadtleben RSS
- Abgaben an die Stadt Straße kaputt - der Anwohner zahlt 26.10.2008
- Erbschaftsteuer Erben verpflichtet 03.11.2008
- Erbschaftsteuer Ein Geschenk für Betuchte 04.11.2008
- Münchner Frühlingsgefühle Sonne auf der Haut 27.04.2010
- 851. Stadtgeburtstag Liebes München! 20.04.2010
- Gewinner der Konzertkarten Karten für Phillip Boa 20.04.2010
- Joggen in München München läuft ... aber wo? 06.04.2010
(SZ vom 08.11.2008/reb)
Endgültiger DFB-Kader für EM
Die neueste Antwort
Die wenigen Bekannten von mir, die ein Haus mit mehreren Wohnungen in München ihr Eigen nennen könnten die Erbschaftssteuer locker bezahlen - und wie durch eine Zunahme des Angebots an verkauften Wohnungen die Mieten teuerer werden sollten widerspricht auch allem was ich in VWL gelernt habe, schließlich sind die Mieten mittelbar über die Zinsen auch an den Wert der Wohnungen gekoppelt.
Auch Journalisten sollten sich mit dem Gesetzentwurf genauer und kritischer befassen. Es stimmt eben nicht, daß Eigentümer selbstgenutzen Wohneigentums von der Erbschaftssteuer befreit sind. Das gilt nur für Kinder und Ehegatten. Sollten ich als Bruder oder mein Sohn als Neffe die Eigentumswohnung meiner kinderlosen Schwester in München erben zahlen wir den höchsten Erbschaftssteuersatz auf einen hohen Bewertungsbetrag. Da bleibt nur eins - verkaufen. Die Idee daß es eine Familie gibt die über den engen Kreis von Kindern und Ehepartnern hinausgeht wird durch die Erbschaftssteuerreform ad absurbum geführt.
Bei mir stand es noch nie zur Debatte ob ich einen Zahnstocher erbe oder nicht..... Aber die Leute die Geld haben klagen ja immer gern am meisten. Ausserdem gibt es Schlupflöcher, bevor man stirbt verschenkt manns eben an den Nachwuchs.
Die Auswirkungen der Erbschaftsteuer auf den Münchner Immobilienmarkt sind nicht vorhersehbar. Allerdings dürften sie eher überschaubar sein.
Die meisten Eigentümer von Zinshäusern dürften über ausreichend Liquidität verfügen, aus der die Erbschaftsteuer bezahlt werden kann. Immerhin heisst es ja auch "Zinshaus".
Es ist jedoch denkbar, dass ein Einzelfällen Verkaufsdruck entsteht. Dies führt zu tendenziell geringeren Preisen. Die neuen Käufer haben daher eigentlich auch weniger Druck die Mieten allzu rasch zu erhöhen. Aber - nichts genaues weiss man nicht.
Vielmehr versuchen alle üblichen Lobby-Gruppen gegen die Erbschaftsteuer vorzugehen. Was stets vergessen wird: Es gibt die Erbschaftsteuer bereits seit vielen Jahren. Und trotzdem ist es Deutschland nicht schlecht gegangen und sind die Reichen reicher geworden. Warum dies nun bei einer neuen Erbschaftsteuer anders sein soll, ist unklar!