Eisstockschießen im Biergarten Nachtkultur auf Plastikbahnen

Verrufen als Altmännersport, ist es der Wintertrend in Münchner Biergärten. Eisstockschießen kommt bei allen Altersgruppen an. Besonders viel Spaß macht es nachts im Scheinwerferlicht.

Von Axel Hechelmann

Ein grüner Eisstock schlittert über die Bahn, er kommt ins Schlingern und kracht Sekunden später in eine Traube anderer Eisstöcke. Lautes Gejohle der gegnerischen Mannschaft am anderen Ende der Bahn. Ein Schluck Glühwein und der Nächste ist an der Reihe.

Szenen wie diese am Parkcafé im Alten Botanischen Garten gibt es immer häufiger in München. Junge und alte Menschen treffen sich in Biergärten zum Eisstockschießen - ein Sport, der dem Curling ähnelt und der in Bayern gleichzeitig Volks- und Nischensport ist. Es geht beim Eisstockschießen darum, den Eisstock so nahe wie möglich an der Daube, einem Gummiring, zu platzieren. Wer am nächsten dran ist, gewinnt.

Im Biergarten des Parkcafés gibt es jede Menge weiße und bunte Scheinwerfer, die sich jetzt um 20 Uhr in den fünf Eisbahnen spiegeln. Genau genommen ist Eisbahn der falsche Begriff, denn im Parkcafé wird auf Platten aus speziellem Hartplastik gespielt. Die sind auch bei Plustemperaturen zu bespielen und müssen nicht künstlich gekühlt werden. Außerdem brauchen sie kaum Pflege.

Seit dem 16. Jahrhundert gibt es in München Biergärten, vor sechs Jahren hat dann der Wintersport Einzug erhalten. Im Sommer wird gequatscht, gelacht und getrunken. Im Winter ist das mancherorts nicht viel anders, außer dass Glühwein statt Bier ausgeschenkt und Eisstockschießen gespielt wird. Das Spiel weckt zwar schnell den sportlichen Ehrgeiz vieler Gäste, am Ende geht es aber darum, mit Kollegen oder Freunden eine schöne Zeit zu verbringen.

Christian Lehner betreibt die Eisbahnen am Parkcafé, weil der Biergarten im Winter sonst brach läge. Lehner arbeitet seit 25 Jahren in der Gastwirtschaft, er trägt ein weißes Hemd zum grauen Sakko und einen Fünf-Tage-Bart. Vor sechs Jahren hatte der 41-Jährige die Idee, eine Eisstockbahn im Biergarten aufzubauen: "Ich wollte das bayerische Kulturgut Eisstockschießen wieder zum Leben erwecken. Das gehört zu München wie der FC Bayern", sagt er und wechselt zum Ende des Satzes in seinen markanten oberbayerischen Dialekt.

Immer mehr Eisstockbahnen

Auf einer der Bahnen schießt Matthias Reisch mit seinen Kollegen die Eisstöcke über die Bahn. Die Webentwickler feiern ihre Weihnachtsfeier zum ersten Mal im Biergarten. "Das ist saucool", sagt Reisch. "Es geht natürlich ums gewinnen, aber es läuft grad nicht so erfolgreich." Ein Kollege ruft einem anderen zu: "Einfach volle Kanne rein."

90 Prozent der Gäste im Dezember sind Firmenkunden, die ihre Weihnachtsfeiern hier veranstalten. Ein Wettbewerb unter Kollegen gehört da natürlich dazu. Lehner beobachtet einen Mann an der Eisbahn. Der Mann stellt sich parallel zur Bahn, den Eisstock hat er in der rechten Hand. Lehner kommentiert, er klingt wie ein Sportreporter: "Jetzt bestimmt er den Wurfwinkel, er hat einen ganz konzentrierten Blick." Aus dem Schuss wird nichts. Aber wenn ein Schuss besonders gut gelingt, dann kann das auch mal in ausgelassenen Siegestänzen enden, sagt Lehner.

Der Trend, Eisstockschießen in Biergärten anzubieten, verbreitet sich in München immer mehr. Vor zwei Wochen hat der Brunnwart am Isarring eine Bahn aus echtem Eis eröffnet. Kinder kommen zum Schlittschuhfahren, die Erwachsenen schießen ihre Eisstöcke über die 18 Meter lange Eisfläche. Beim Brunnwart ist die Bahn aus echtem Eis. "Das ist nochmal ein ganz anderes Gefühl auf Eis, wenn man mit den Schlittschuhen drüber fährt", wirbt Christian Schretzlmeier. Und weil sie durch unterirdische Rohre gekühlt wird, ist sie auch bei warmen Temperaturen in Betrieb. "Eine Eisfläche in Schwabing, das ist einfach einzigartig", sagt Schnetzelmeier. Fragt sich nur, wie lange noch.

Weitere Anbieter von Eisstockschießen im Biergarten sind zum Beispiel der Augustiner-Keller in der Arnulfstraße und der Löwenbräu-Keller in der Nymphenburger Straße.