Von Astrid Becker

Ahnenforschung in Eisbären-Kreisen: Knuts Familie stammt aus Hellabrunn. Vater Lars hat ihn verstoßen und Oma Lisa bekommt bald Besuch.

Ganz Deutschland spricht derzeit über Knut. Kaum jemand aber über Lisa. Das ist insofern gemein, weil es den kleinen Eisbären aus Berlin ohne die betagte Dame aus dem Tierpark Hellabrunn gar nicht geben würde. Denn Lisa ist Knuts Oma - und auch sein Vater Lars ein echter Hellabrunner.

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Fast wäre damit auch aus Knut ein Münchner geworden, hätte Hellabrunn Lars nicht in den 90er Jahren verschenken müssen - weil der Kleine sonst von seinem Vater getötet worden wäre. Tragisch für Münchens Zoo: Seither gab es keinen Eisbärennachwuchs. Das soll sich nun ändern.

Nach drei Jahren intensiven Bemühens soll in etwa vier Wochen ein männliches Tier aus dem Zoo von Pistoia in der Toskana in München eintreffen. Ende des Jahres, so hofft Zoodirektor Henning Wiesner, wird sich dann noch ein junges Weibchen dazugesellen. Die beiden sollen dann bis zum Frühjahr 2009 für einen Münchner Knut sorgen. Dafür will Hellabrunn sogar seine Eisbärenanlage verschönern.

Vater Lars musste weg

Drei Jahre lang hat sich Hellabrunn intensiv um neue Eisbären bemüht, weil Lisa mit mittlerweile 30 Jahren zu alt ist, um trächtig werden zu können. Schon die Geburt von Lars am 12. Dezember 1993 galt als kleine Sensation. Zu dieser Zeit hatte Hellabrunn neben Lisa noch zwei Eisbärinnen, Helga und Tina. Doch auch diese beiden waren bereits bei Lars' Geburt zu alt, um selbst für Nachwuchs zu sorgen.

Von Lars musste sich der Zoo allerdings trennen: Spätestens mit dem Erreichen der Geschlechtsreife wäre ihm sein Vater gefährlich geworden - das ist so üblich in Eisbärenkreisen, wenn es nicht Platz für alle gibt. Also gab Hellabrunn Lars an den Zoo Neumünster. Von dort kam er dann nach Berlin. Daher hat Hellabrunn - wie sonst bei Einstellungsverträgen - auch kein Eigentumsrecht an seiner Nachzucht. Knut wird daher wohl ein echter Berliner bleiben.

In München indes wünscht man sich schon lange wieder eigene kleine Eisbären. Seit drei Jahren unternimmt der Zoo alles, um neue Eisbären für die Zucht zu bekommen. Als im vergangenen Jahr der Vater von Lars, Michi, an Herzversagen starb, wurde der Wunsch immer dringender. Doch "Eisbären sind Mangelware", sagt Zoodirektor Henning Wiesner. Weil die Sache mit der Nachzucht so selten ist. Und weil Eisbärinnen auf eine Geburt sehr sensibel reagierten:

"Es kann sein, dass eine Eisbärendame so vor ihrem Jungen erschreckt, dass sie es frisst oder zumindest, wie bei Knut, einfach vernachlässigt." Eine Verhaltensweise, die offenbar nur sehr schwierig vom Menschen zu kontrollieren ist. Das Problem, so meint der Zoochef, liege vor allem darin, dass Eisbären fast nackt auf die Welt kommen und nur wenig mehr als ein Pfund wiegen. "Da wird es selbst mit einer Videoüberwachung schwierig, so kleine Jungen zu entdecken."

Trotzdem sei der Einsatz von Kameras notwendig, um wenigstens das veränderte Verhalten der Eisbärin zu beobachten: "Daran ist zu sehen, ob sie bereits geboren hat, und wie sie damit umgeht," sagt Wiesner.

Doch für die Aufzucht von kleinen Eisbären sind noch andere Voraussetzungen wichtig: So müssen genug unterschiedlich beheizte Boxen geschaffen sein, in denen sie mit ihrem Jungen hin- und herwandern kann - eine Verhaltensweise, die Eisbären auch in der freien Wildbahn zeigen. Deshalb bauen sie riesengroße Höhlen, die sie in den ersten Lebensmonaten ihrer Jungen nicht mehr verlassen.

Schmusegitter für die Oma

Daher hoffen die Hellabrunner, bald eine naturnahe neue Eisbärenanlage bauen zu können. Pläne dafür gibt es bereits seit langem - sie reichen von einem vergrößerten Landteil, um den Eisbären mehr Auslaufmöglichkeiten zu geben bis hin zu einer (teilweisen) Unterwassereinsicht, damit die Besucher die Tiere beim Schwimmen beobachten können.

Der gesamte Beton, "ein Relikt aus der Geschmackswelt der 70er", wie Wiesner sagt, soll Nagelfluh weichen - einem Material, aus dem auch das Isarhochufer besteht: "Wir wollen die Anlage in unsere Isarauen-Landschaft einbetten", sagt er.

Am wichtigsten scheinen ihm die Rückzugsmöglichkeiten für seine Tiere zu sein. Die Boxen für die Nachzucht zum Beispiel oder die Schlupfwinkel, in denen sie Duftmarken setzen können. Noch ist das alles Zukunftsmusik. Denn bis jetzt hat der Zoo noch keinen Sponsor für die Finanzierung des Umbaus gefunden. "Wir hoffen aber, dass uns bald jemand dabei hilft", sagt auch Zoosprecherin Doris Schwarzer.

Doch erstmal freut sich Hellabrunn auf das achtjährige Männchen aus Pistoia. Darauf, dass Lisa wieder Gesellschaft bekommt - auch wenn es für eine Eisbärendame kein Problem ist, alleine zu leben. Bis die beiden zusammen in der Anlage zu sehen sein werden, wird allerdings noch einige Zeit vergehen. Mit einem "Schmusegitter" werden sie erst einmal voneinander getrennt - bis sie den jeweils anderen akzeptieren.

Am Anfang, so schätzt Wiesner, werden sie sich "wahrscheinlich anblaffen", dann jedoch immer mehr beschnüffeln. "Das ist dann der Zeitpunkt, an dem wir sie zusammen lassen können." Dass es Schwierigkeiten geben könnte, glaubt er nicht: "Lisa ist schon auf Grund ihres Oma-Alters ein ruhiges und freundliches Tier, das eher Beschützerinstinkte für ein jüngeres Männchen entwickeln wird."

Wenn alles gut geht, soll sich Ende des Jahres noch ein junges Eisbärenweibchen dazu gesellen. "Wir haben eine Option, doch noch ist nichts sicher", sagt Wiesner. Und dann könnte es in absehbarer Zeit, ein Jahr später, auch in München einen kleinen Eisbären geben.

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(SZ vom 30.3.2007)