Von M. Ruhland

Samstags im schwedischen Möbelhaus: Dort warten billiges Essen, Möbel-Berge und gestresste Kunden. Des einen Freud, des anderen Leid.

Die Szene hat etwas Komisches. Der große, hagere Mann ist halb in den Kofferraum gebeugt, wieder und wieder hebt er ein Bein, um mehr Druck auf die Arme zu bekommen. Er schiebt und ruckelt, doch das oberste Regalpaket rührt sich nicht.

Ikea München

Mit Kind und Kegel fahren viele Münchner samstags zu Ikea. (© Foto: Stephan Rumpf)

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Am Beifahrersitz müht sich sein Kompagnon, er ist kleiner und korpulent. Der überladene Kleinwagen bekommt eine bedrohliche Seitenlage. Es ist ein Ziehen und Zerren, begleitet von Flüchen und Verwünschungen. Gäbe es eine versteckte Kamera, die beiden würden es wohl sofort in eine der Reality-Shows schaffen.

Für drei Euro wird das Auto beladen

Vermutlich würden sie dann sogar über sich selbst lachen können. Doch momentan herrscht dicke Luft. Die Parkgarage leert sich, draußen wird es allmählich dunkel, es reicht jetzt. Sie wollen weg, weg von Ikea-Brunnthal. Und zwar mit allen Einkäufen.

Man darf annehmen: Es waren Anfänger. Ikea-Anfänger. Der Profi würde ihnen zurufen: "Brauchst du Hilfe beim Beladen? Für nur drei Euro werden deine Pakete ins Auto geladen." Natürlich kannst du auch alles nach Hause geliefert bekommen, kannst dir helfen lassen bei der Möbelmontage, dir die Wohnung vermessen lassen. Willkommen in deiner Ikea-Family!

Nur, will man das auch? Sich ständig duzen lassen in einer Familie, in der man weder Mutter noch Vater kennt? Offenbar schon. Zumindest funktioniert das Prinzip Ikea im wirtschaftlichen Sinne aufs Trefflichste. Im Geschäftsjahr 2009 eröffnete der Ikea-Konzern 15 neue Einrichtungshäuser.

Insgesamt gibt es weltweit schon mehr als 280, gut 590 Millionen Menschen kauften im vergangenen Jahr bei Ikea ein, und es werden ständig mehr. In den letzten zehn Jahren verdreifachte Ikea den Umsatz auf 21,5 Milliarden Euro. Deutschland steht mit 16 Prozent an der Spitze der umsatzstärksten Länder, weit vor den USA (elf Prozent) und Frankreich (zehn Prozent).

Gehöriges Maß an Frustrationstoleranz

Und München? Als Ikea neben Eching, 1974 als erste deutsche Ikea-Filiale eröffnet, im Jahr 2003 seinen zweiten Markt vor den Toren Münchens am Autobahnkreuz München-Brunnthal eröffnete, glaubten Optimisten, man könne vielleicht sogar am Wochenende mit mehr Muße einkaufen.

Von wegen. Wer an einem Samstag zu Ikea fährt, braucht entweder ein gehöriges Maß an Frustrationstoleranz oder ist ein ausgeprägtes Herdentier. Es scheint, als zöge halb München im Monatsturnus um.

Denn am Hot Dog für einen Euro allein kann es ja wohl nicht liegen, dass sich eine nicht abreißende Kolonne mit Einkaufswagen durch Hallen voller Wohnaccessoires schiebt, so dass selbst Hartgesottene nicht vor klaustrophobischen Anfällen gefeit sind.

Oder etwa doch? Die Schlange vor dem Würstchenstand ist noch länger als vor den Kassen. Ganze Großfamilien stehen schmatzend, jeder meist eine Hand unter die vor lauter Gurken- und Zwiebelbeigaben tropfenden Hot-Dog-Semmeln haltend, mitten im Chaos aus überquellenden Wagen, werden gerammt von ungeschickt mit ihren Schubgeräten manövrierenden Nichtessern, was zwangsweise zu regelrechten Clustern glitschiger Mischungen auf dem Fliesenboden führen muss.

Ein Pärchen streitet darüber, wo das Auto geparkt ist, ein anderes diskutiert, ob es besser mit dem Aufzug (vor dem eine weitere Schlange wartet) fährt oder sich trotz der überstehenden Regale auf die rollende Rampe wagen soll; ein pubertierender Sohn beschwert sich lautstark bei seinen Eltern, warum er das Koldby Kuhfell nicht bekommen hat.

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