Ein Kandidat von vielen Volksvertreter Chancenlos

Vor zwei Jahren ist Norbert Seidl Mitglied der Bayernpartei geworden. Nun war er Bundestagskandidat im Wahlkreis München-West.

(Foto: Stephan Rumpf)

Frieden, Transparenz, direkte Demokratie: Warum Norbert Seidl als Kandidat angetreten ist, ohne gewinnen zu können

Von Pia Ratzesberger

Es ist eher ungewöhnlich, dass ein Kandidat zugibt, keine Chance zu haben. Kandidaten in einem Wettbewerb beteuern für gemeinhin, dass sie siegen werden, auch wenn die Situation noch so aussichtslos ist. Norbert Seidl nicht. Der Direktkandidat der Bayernpartei machte von Beginn an keinen Hehl daraus, dass er wohl nicht gewinnen werde. "Ich habe eigentlich keine Chance", steht auf seiner Webseite. Die Menschen in seinem Wahlkreis München-West schicken seit mehr als 40 Jahren Politiker der CSU ins Parlament. Trotzdem trat Seidl an.

Er druckte Flyer, schrieb sein Programm, startete einen Youtube-Kanal. 25 Videos hat Seidl hochgeladen, in einem steht er vor einem Bild des Marienplatzes und sagt Sätze wie: "Als Volksvertreter will ich wirklich das ganze Volk vertreten." Abonnenten hat er elf. Auf Facebook gefällt seine Seite 288 Menschen.

Was treibt einen Kandidaten an, der weiß, dass er ohnehin verlieren wird?

Norbert Seidl erzählt erst einmal, dass er noch neu in der Politik ist und eigentlich nie vorhatte, sich für einen Sitz im Parlament zu bewerben. Er, 53 Jahre alt, ist in Allach aufgewachsen, dort wohne er bis heute. Seidl arbeitet als Hausmeister an einer Schule, und wie für so viele andere in München war auch für ihn lange klar, wo er sein Kreuz zu setzen hat. Bei der CSU. In der Lehre zum Beispiel warb die Gewerkschaft um ihn, weniger Arbeit, mehr Urlaub, eine Forderung, die Seidl nicht verstand. "Ich blieb bei den Schwarzen." Vor zwei Jahren dann aber trat er in die Bayernpartei ein, letztendlich, sagt er, "aus Frust".

Seidl erzählt dann, was man zuletzt immer wieder hörte: von zu großer Macht der Konzerne, vom verlorenen Vertrauen in die Politiker, von zu wenig Demokratie. Doch im Gegensatz zu manch anderen, die sich deshalb abwenden von der Politik, wollte Seidl nun selbst in die Politik gehen. "Es wird so viel geschimpft, aber niemand setzt sich wirklich mit den politischen Themen auseinander", sagt er - und "das geht doch so nicht". Seidl schrieb also all die Themen auf, die ihm wichtig waren, als er seine Flyer in Obermenzing verteilte, fragte eine Frau: "Was ist denn da der Unterschied zu der Linken?" Seidl besetzt nicht unbedingt die Themen, die man als Erstes von der Bayernpartei erwarten würde. Er sagt, das Wichtigste sei mehr Frieden, mehr Transparenz, mehr direkte Entscheidungen. Seidl will bundesweite Volksentscheide einführen und ein Lobbyregister durchsetzen, in dem Lobbyisten angeben müssten, mit welchem Budget und zu welchem Thema sie Einfluss auf die Politik nehmen. Und das alte Thema der Bayernpartei, die Abspaltung des Freistaats? "Wenn's notwendig wäre, jederzeit gerne", sagt Seidl. Erst einmal aber sei anderes notwendiger.

Norbert Seidl spielt in seiner Freizeit in einer Band. Sie kriegen viel Applaus bei ihren Auftritten, und eigentlich hatte er damit gerechnet, dass ihm das als Politiker ähnlich ginge. Dann aber fragten die Leute ihn, warum er sich das antue, was er denn überhaupt erreichen wolle mit seiner Kandidatur. So richtig interessiert hat sein Wahlkampf keinen, sagt Seidl, "als Musiker bin ich andere Erfolge gewöhnt". Aber es ging ihm ja nicht ums Gewinnen.

In einem seiner Videos sagt Seidl, er möchte die Zuschauer einladen, "sich aktiv mit den aktuellen politischen Themen auseinanderzusetzen". Er wusste, dass er nie im Parlament sitzen wird, nie in einem Ausschuss, nie in einer Abstimmung. Aber er wollte wachrütteln, wenigstens für ein paar Monate. Nur deshalb hat er kandidiert. In seiner Partei hat man ihn gefragt, ob er nächstes Jahr bei der Landtagswahl nicht wieder antreten wolle. Seidl ist sich noch nicht sicher.