Zornedinger Pfarrer Welle der Solidarität

Olivier Ndjimbie-Tshiende hat Zorneding bereits verlassen.

(Foto: Christian Endt)

Innerhalb von 24 Stunden unterzeichnen mehr als 55 000 Unterstützer die Online-Petition von Julia Peters-Klopp zum Verbleib von Olivier Ndjimbi-Tshiende in der Zornedinger Pfarrei. Der hat die Gemeinde unterdessen verlassen

Von Carolin Fries und Karin Kampwerth, Zorneding

Angefangen hatte es mit einer Unterschrift: der von Julia Peters-Klopp. Die 31-Jährige hatte am Sonntag auf der Internet-Plattform Change.org eine Petition für den Verbleib von Zornedings Pfarrer Olivier Ndjimbi-Tshiende gestartet. 100 Unterschriften wollte sie hierfür sammeln - und schnell sah es danach aus, dass sie das auch schaffen könnte. Am darauffolgenden Montagnachmittag hatten sich bereits 56 Unterstützer in die Online-Liste eingetragen. Meist waren diese Zornedinger, die fassungslos auf die Morddrohungen und den darauf erfolgten Rücktritt des gebürtigen Kongolesen reagierten.

Stündlich kommen Tausdende Unterstützer dazu

Was dann geschah, nennt Julia Peters-Klopp "irre, vollkommen irre". Die Petition ging, salopp ausgedrückt, durch die Decke. Nahezu stündlich kamen tausend neue Unterstützer hinzu, am Montagabend wurde die 30 000er Marke geknackt. Am Dienstagnachmittag nahmen die Unterzeichner die 50 000-Hürde - Ende nicht in Sicht.

"Ich wusste zwar, dass man auf Change.org viele Menschen erreichen kann", sagt die 31-Jährige, die in Zorneding aufgewachsen ist und inzwischen mit ihrer Familie in München lebt. Mit dieser Resonanz habe sie allerdings nicht gerechnet. Eine Erklärung sieht sie darin, dass die schweigende Mehrheit gegen rechtes Gedankengut eine Plattform gefunden habe, um sich nun zu Wort zu melden. "Jetzt reicht es. Nichts zu sagen, ist riskant", beschreibt auch Julia Peters-Klopp ihre Motivation. Wobei sie mehr Wut als Angst verspüre. Darüber, dass Menschen einfach jemanden aus dem Weg räumen, wenn dieser anderer Meinung sei. Insofern fasst die 31-Jährige die Petition in erster Linie als Eintreten für die Meinungsfreiheit auf, weil man inzwischen "Angst haben muss, bedroht zu werden, wenn man gegen Rechts ist".

Dass die Petition möglicherweise nur symbolischen Wert haben könnte, davon will Julia Peters-Klopp nicht ausgehen. "Ich hoffe, dass Olivier Ndjimbi-Tshiende seine Entscheidung noch einmal überdenkt, wenn er sieht, dass mehr als 50 000 Menschen hinter ihm stehen." Dass er dann bleibe und weiter Flagge zeige. "Sonst hätten die anderen gewonnen. Und das darf nicht sein", sagt Julia Peters-Klopp.

Auch ganz persönlich bedauert die Mutter einer einjährigen Tochter den Weggang des Pfarrers. Ihre Familie habe sich sehr verbunden mit Olivier Ndjimbi-Tshiende gefühlt, der Wunsch der jungen Eltern sei gewesen, dass ihre kleine Tochter von Ndjimbie-Tshiende getauft wird. "Erst vor vier Tagen haben wir mit ihm darüber gesprochen." Er sei sehr offen und sehr freundlich gewesen. "Ich hätte ein gutes Gefühl gehabt, wenn er unsere Tochter getauft hätte."

Der Pfarrer hat die Gemeinde inzwischen mit unbekanntem Ziel verlassen

Olivier Ndjimbi-Tshiende hat sich unterdessen beurlauben lassen und die Gemeinde bereits verlassen. In der Pfarrei rechnet man nicht damit, dass er noch einmal zurückkommt. Am Montagabend traf sich der Pfarrgemeinderat mit der Kirchenverwaltung und beschloss eine gemeinsame Stellungnahme, in der man den "völlig überraschenden" Rücktritt bedauert. Man sei dankbar für die seelsorgerliche Begleitung, vielen Menschen in der Pfarrei sei Olivier Ndjimbi-Tshiende in freudigen und traurigen Anlässen zur Seite gestanden.

Wer seine Nachfolge als Seelsorger in Zorneding antreten wird, ist nach Aussage des Erzbischöflichen Ordinariats noch völlig offen. Alle in der Pfarrei geplanten Gottesdienste sowie die Ostermesse würden aber gehalten. Dekan Thomas Kratochvil rechnet damit, dass zunächst ein Pfarrer aus dem Aushilfs-Pool der Diözese zum Einsatz kommt. "Entweder ein Ruhestandspfarrer oder ein studierender Priester", sagt er. Zornedings Altpfarrer Alois Brem sei schwer erkrankt und stehe deshalb nicht zur Verfügung.

Den Dekan hatte Ndjimbi-Tshiende mit einer kurzen E-Mail über seinen Rückzug informiert. Kratochvil hatte den 66-Jährigen bereits nach den ersten rassistischen Beleidigungen durch den früheren CSU-Vize ermuntert, sich Unterstützung beim Ordinariat zu holen. "Das hatte damals schon eine ausufernde Intensität, dass ich ihm zu einer Anzeige geraten habe", sagt er. Für die Dekanatsebene sei das "eine Hausnummer zu groß" gewesen. Mit dem Zornedinger CSU-Vize sprach sich der Seelsorger im Herbst aus - mit den anonymen Drohungen, die kurz darauf folgen sollten, ging er schließlich zur Polizei.